EDITORIAL

LIEBE LESERINNEN, LIEBE LESER,

Carlsen gegen Caruana, das war ein hochklassiger Titelkampf zwischen den beiden im Moment besten Spielern der Welt. Die Fehlerquote war statistisch so gering wie bei keiner anderen WM zuvor. Aber erstmals bei einem Wettkampf um die Schachkrone fand keine einzige klassische Partie einen Sieger.

Deshalb spaltet dieses Match die Schachgemeinde, die hin und hergerissen ist zwischen „großartigem Niveau“ und „wochenlanger Langeweile“. Dieser Riss zieht sich nicht nur durch die Amateurwelt, sondern auch die Profis positionieren sich an unterschiedlichen Fronten. Schon während des Matches begann eine breit geführte Debatte um eine Regeländerung. Aber die Zuschauer haben kein einziges unattraktives Kurzremis gesehen, das bei vielen anderen Weltmeisterschaften zuvor unvermeidlich schien. Und es mangelte auch nicht an Gelegenheiten, volle Punkte einzufahren.

Dabei werden einmal mehr die Befürchtungen vom Remistot des Schachs über­strapaziert. Etwas mehr Zuversicht könnten uns die Schachcomputer geben. Kurz vor Drucklegung dieses Heftes wurden Partien zwischen AlphaZero und Stockfish veröffentlicht. Die Begegnungen sind atemberaubend und zeigen, dass Material im Schach überschätzt wird, und auch das große Potential, das es noch auszuschöpfen gilt.

Bei dieser Diskussion gerät aber auch die Eigendynamik eines WM-Matches aus dem Blick. Einzelne Partien isoliert zu betrachten, verkennt den Prozess, in denen sie stattfinden. Vieles geschieht bei einem Wettkampf auf einer unsichtbaren Metaebene. Nach monatelanger Vorbereitung drängen sich psycho­logische Aspekte in den Vordergrund. Jeden Spieltag kämpft man gegen denselben Gegner, der mit zunehmender Dauer immer unbezwingbarer zu sein scheint. Kleinigkeiten können am Selbstbewusstsein kratzen. Dazu kommt die Strategie, die das Team zuvor festgelegt hat: wie man reagiert, wenn man verliert, wie, wenn man gewinnen muss oder gar, ob man den Stichkampf anstreben soll. Zudem kommt stets Unvorhergesehenes dazwischen: Die eigene Vorbereitung wird enthüllt wie bei Caruana oder ein Sportunfall schwächt die körperliche Konstitution wie bei Carlsen.

Weltmeisterschaftskämpfe, wie der in London, sind ein Alleinstellungsmerkmal des Schachs, darüber waren sich auch die Teilnehmer einer vom Schachmagazin Karl mit organisierten, hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion in Frankfurt einig. Entschleunigung in einer immer schneller werdenden Welt ist ein Pfund, mit dem man wuchern kann. Millionen Zuschauer, die die WM zwischen Carlsen und Caruana über drei Wochen verfolgt haben, sind ein eindrucksvoller Beleg dafür.

In diesem Heft gibt es auch wieder ein knackiges Weihnachts-Schachkreuzworträtsel. Unter den Siegern verlosen wir zehn Turnierbücher Der XIX. Kongress des Deutschen Schachbundes zu Mannheim 1914 sowie drei Karl-Jahresabos.

Bleibt noch, unseren Lesern ein geruhsames Fest und einen gelungenen Jahresanfang zu wünschen.

Harry Schaack

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