EDITORIAL

LIEBE LESERINNEN, LIEBE LESER,

anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Polnischen Schachverbandes (PZSzach) widmen wir unsere Herbstausgabe der reichen Schachgeschichte unseres Nachbarlandes.

Mit KARL-Autor Michael Negele habe ich im August eine zehntägige Rundreise durch Polen gemacht. Unser Trip führte uns von Barlinek, der Geburtsstadt Laskers, zur Bibliothek in Schloss Kórnik, wo der Nachlass Tassilo von Heydebrand und der Lasas aufbewahrt wird. Er ist der bedeutendste Fundus zur deutschen Schach­geschichte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Unweit von Kórnik, in Osieczna, existiert noch heute die Grabstätte des vielleicht wichtigsten Schachbuch- und -dokumentensammlers seiner Zeit.

Über Gorzów (früher Landsberg an der Warthe), wo Lasker zur Schule ging, führte unser Weg just am Nationalfeiertag Polens nach Warschau. Am 15. August feierte das Land das „Wunder an der Weichsel“ – den Sieg von Piłsudskis Truppen über die Rote Armee 1920. Die Schlacht bewahrte die junge Zweite Polnische Republik vor der erneuten Unterwerfung. Dass das Ereignis auf Maria Himmelfahrt fiel, mag das stark katholisch geprägte Land mit Wohlwollen aufgenommen haben.

Am Rande der Landeshauptstadt besuchten wir die Gedenkstätte Palmiry, wo in einem Waldstück von den National­sozialisten hunderte Menschen durch Massen­erschießungen hingerichtet wurden, unter ihnen auch der polnische Nationalspieler und Olympia­sieger Dawid Przepiórka, der maßgeblich an der Gründung des Polnischen Schachverbandes beteiligt war.

Auch auf sein Schicksal weist eine große Ausstellung im Sport- und Touristikmuseum Warschaus hin, die das 100-jährige Jubiläum des Polnischen Schachverbandes be­gleitet – und die für das 150-jährige Jubiläum des Deutschen Schachbundes 2027 als Vorbild dienen könnte.

Von Warschau ging es nach Krakau, wo im Czartoryski-Museum eines der wertvollsten Schachspiele des Landes zu sehen ist. Im Wawel, dem jahrhundertelangen Macht­zentrum Polens, wurden große Lebendschachpartien im Hofe der Burg aufgeführt. Dort sind auch die Gemächer des als Kriegsverbrecher verurteilten Hans Frank zu sehen, der im Wawel residierte. Frank initiierte im damaligen Generalgouvernement Polen mehrere Turniere mit prominenten Teilnehmern wie Aljechin oder Bogoljubow.

Schließlich endete unsere Tour in Wrocław, dem früheren Breslau, wo sich das Grabmal von Adolf Anderssen befindet.

Unsere Reise war in dieser Art nur durch die außerordentliche Unterstützung polnischer Schachfreunde möglich. Insbesondere Tomasz Lissowski gilt mein ausdrücklicher Dank. Durch seine Vermittlung war es möglich, in jeder Stadt persönliche Kontakte zu knüpfen. In Erinnerung bleiben wird mir die außerordentliche polnische Gastfreundschaft, zu der auch Jan Kusina, der ehemalige Präsident des polnischen Schachverbandes, und seine Frau Elżbieta beigetragen haben, die uns in Krakau ausgiebig „betreuten“.

Harry Schaack