SCHACH KLERIKAL

Von Harry Schaack

Schach und Religion Katalogcover

Schach und Religion,
Ausstellung im Rathaus Ebersberg,
hrsg. v. d. Schach- und Kulturstiftung G.H.S.,
Dr. Natascha Niemeyer-Wasserer,
Georg Schweiger,
Baldham/München 2019,
144 S., gebunden, 29,- Euro

(Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Schach- und Kultur­stiftung G.H.S. zur
Verfügung gestellt.)

2010 gründete sich auf Initiative von Georg Schweiger die Schach- und Kulturstiftung G.H.S. Als Zweck schrieb sich die Stiftung in die
Satzung, „Kunst und Kultur, Volksbildung sowie Schach im In- und Ausland zu fördern“. Dabei versucht sie mit ihren Projekten bislang, immer auch einen Beitrag zur lokalen Kultur­geschichte rund um München zu liefern. So auch bei ihrer vierten Ausstellung, die sich dem weiten Feld „Schach und Religion“ widmete und in den Räumen des Ebersberger Rathauses vom 4.-18. August zu sehen war.

Die Ausstellung war so konzipiert gewesen, dass sie keine Fachkenntnisse voraussetzte und damit ein breites Publikum ansprach. Schach und Religion, das ist eine sehr ambivalente Beziehung, die sich mal in Preisung, mal in Duldung, mal in Verbot und gar in Zerstörung offenbart, was auch in den ausgestellten Exponaten – Schachfiguren, Grafiken und Gemälde, die von Sammlern wie Thomas Thomsen, Hans Ellinger sowie dem Salzburger Institut für Spielforschung stammten – mannig­faltigen Ausdruck fand.

Die Vernissage wurde unter Mitwirkung von Helmut Pfleger und musikalischer Begleitung festlich eröffnet. Darüber hinaus gab es an verschiedenen Tagen ein begleitendes Rahmenprogramm, so war etwa Ingmar Bergmans Das siebente Siegel zu sehen, es gab eine Autorenlesung zu Teresa von Ávila, eine Klosterführung und eine Simultanveranstaltung von Groß­meister Pfleger.

Grund für die Ortswahl und Anstoß für das Ausstellungsthema war der glückliche Umstand, dass im Kloster Ebersberg ein Poet von Format wirkte, der ein Schachgedicht ge­schrieben hat. Und der Artikel über den Dichter Jacob Balde ist auch der Kernbeitrag im schön gemachten und sehr lesenswerten Ausstellungskatalog geworden, dessen Cover nicht von ungefähr eine Radierung schmückt, die eine Partie zwischen Mensch und Teufel zeigt.

Der barocke Jesuitendichter Balde, der auch als „deutscher Horaz“ bezeichnet wird, zählt zu den bedeutendsten Lyrikern des 17. Jahr­hunderts. Doch anders als etwa Gryphius ist er heute fast gänzlich vergessen. Grund dafür ist das Latein, in dem er seine Gedichte ver­fasste. Was Balde zu seiner Zeit durch die universelle Sprache Anerkennung in ganz Europa einbrachte, verstellt heute den Zugang zu seinem Werk.

Lyrik im Barock war immer auch Gesellschaftskritik und so liest sich Baldes Schachode Ludus Palamedis in der eingehenden und wohl nie zuvor so detailliert vorgetragenen Inter­pretation des emeritierten klassischen Philologen und Balde-Experten Wilfried Stroh als eine Sorge um Deutschland und Tadel am Kaiser während des Dreißigjährigen Krieges. Der Autor stellt sich damit gegen die zuvor geläufige Auffassung, Balde widme sich in seinem Schachgedicht (das damit endet, dass alle Figuren des Spiels abgeräumt und unabhängig ihrer Wertigkeit gleichermaßen gemeinsam in einem Kasten verstaut werden) lediglich der Mahnung an die Vergänglichkeit (als moralische Auslegung des Schachspiels in der Tradition des Jacobus de Cessolis seit dem 14. Jahrhundert), als eine abschließende Moral der Ode. Dafür sind, wie Stroh erklärt, die Gedanken in diesem Gedicht zu vielfältig.

Rainer Buland, der das Institut für Spiel­forschung in Salzburg leitet, versucht in seinem Beitrag, das Verhältnis zwischen Schach und monotheistischen Religionen zu beleuchten. Allerdings wird in seinen Darlegungen gelegent­lich die wissenschaftliche zugunsten einer empirischen Argumentation aufgegeben. Das kühne Kapitel „Schach als Religion“ verkennt, dass das Schach im Gegensatz zur Religion nicht ins Leben hinein emaniert, sondern auf die Regeln des Spiels begrenzt bleibt! Und über das – eingedenk des Aufstiegs des Irans zu einer der vielversprechendsten Schachnationen, nach­­dem das Spiel dort einige Zeit verboten war – im Moment besonders aktuelle Thema „Schach und Islam“ erfährt der Leser leider kaum etwas.

Georg Schweiger berichtet über seine Recherchen zur Ausstellung, bei denen er auch auf einen Codex aus dem 12. Jahrhundert stieß. In dieser Inventarliste der drei rund um Ebersberg liegenden Burgen der Frankensteiner, dem bedeutendsten Adelsgeschlecht der Region, sind Schachspiele aus Elfenbein verzeichnet, die aber heute verschollen sind. Eine nicht ungewöhnliche Ausstattung der Adelshäuser, zählte das Schachspiel doch im Mittelalter zur höfischen Erziehung.

Schweiger gibt in einem weiteren Beitrag auch der neben Caissa weitaus unbekannteren Teresa von Àvila eine Bühne, die, wie der Autor klarstellt, nicht vom Papst, sondern vom Erzbischof von Madrid 1944 zur Patronin der Schach­spieler ernannt wurde und eine bemerkenswerte Biografie vorzuweisen hat.

Herbert Bastian beschäftigt sich in seinem Artikel nicht nur mit der ambivalenten Beziehung zwischen Schach und Religion, sondern gibt ganz nebenbei auch einen lesenswerten Überblick über die Geschichte und die Entwicklung des Schachspiels bis in die Gegenwart. Es wird dabei deutlich, dass Schach von jeher von der Religion begleitet und immer wieder zum Gegenstand geistlicher Betrachtung wurde.

Zudem finden sich im Katalog einige kürzere Beiträge von Konrad Reiß zur Darstellung der schachspielenden Affen im Naumburger Dom und zur Legende, dass Luther einmal gegen Studenten eine Schachpartie gespielt haben soll. Und Mitherausgeberin Natascha Niemeyer-­Wasserer beschäftigt sich mit einem Gemälde von Nicolò di Pietro, in der das Schachspiel zu einer Allegorie des lasterhaften Lebens wird. Ferner finden sich im Katalog Abbildungen der Ausstellungsstücke.

Die sehr anregende Lektüre dieses Katalogs macht Lust auf mehr. Man darf gespannt sein auf die nächsten Projekt der Schach- und Kulturstiftung.

 

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