SPIEL UNTER DÜSTEREN VORZEICHEN

MIHAIL MARIN über den ungewöhnlichen Turnierverlauf der Schacholympiade in Buenos Aires 1939

(Übersetzung aus dem Englischen von Harry Schaack)

(Der Artikel ist auszugsweise wiedergegeben.
Den ganzen Text lesen Sie in KARL 3/19.)

Albert Becker bei der Siegerehrung
Albert Becker nimmt bei der Siegerehrung der Schacholympiade 1939 den Pokal für das deutsche Team entgegen. (Quelle: Archiv Michael Ehn)

Als die 15 europäischen Mannschaften mit dem Schiff „Piriápolis“ am 27. Juli 1939 in Antwerpen Richtung Buenos Aires zur Olympiade ausliefen, hatten wohl nur wenige Spieler den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges vorhergesehen. Das Schiff, das schon am 11. Juni 1940 von der deutschen Luftwaffe zerstört werden sollte, nannte man scherzhaft auch „Schach-­Arche“, ohne zu ahnen, wie wahr diese Bezeichnung angesichts der kommenden Ereignisse sein würde.

Nach der ersten inoffiziellen Schach­olympiade in Paris 1924 wurden solche „Völkertreffen“ regelmäßig im Abstand von höchstens zwei Jahren organisiert. Obwohl es mit Budapest 1926 und München 1936 noch zwei weitere inoffizielle Olympiaden gab, war Buenos Aires bereits die achte offizielle Veranstaltung.

Es war das erste Mal, dass die Schach­olympiade außerhalb von Europa stattfand, was mit 27 Mannschaften zu einem neuen Teilnahmerekord führte, der bis zur Veranstaltung in Moskau 1956 Bestand hatte. Grund dafür waren die größeren finanziellen Mittel, die den europäischen Verbänden für einen solch langen Trip zur Verfügung standen. Aber der neue Spiel­ort öffnete die Tore für südamerikanische Länder. Und ein weiteres Resultat war die erstmalige Teilnahme des früheren Weltmeisters José Raúl Capablanca – zwölf Jahre nachdem er an gleicher Stelle seinen Weltmeistertitel eingebüßt hatte. In der Zwischen­­zeit hatte der Kubaner wegen Aljechins „Vermeidungsstrategie“ lediglich dreimal gegen seinen Bezwinger gespielt (und das erst zwischen 1936 und 1938). Umso größer waren die Erwartungen an dieses Duell. Doch zur großen Enttäuschung der Anhänger pausierte Capablanca im Match gegen Frankreich, in dem er die schwarzen Steine gegen seinen Erzrivalen gehabt hätte.

Aber zu Beginn der Olympiade kontaktierten sowohl Capablanca als auch Aljechin den Präsidenten der argentinischen Schachföderation, Augusto de Muro, hinsichtlich eines neuerlichen WM-Matches in Buenos Aires. Die Verhandlung nahm im November konkretere Züge an, als Capa­blanca eine offizielle Herausforderung lancierte, mit dem Plan, einen Wettkampf im April 1940 zu spielen. Aber wie so Vieles wurde auch diese Idee von den kommenden historischen Ereignissen zunichtegemacht.

Einige starke Teams vermisste man in Argentinien, so die Ungarn und Jugo­slawien, vor allem aber die USA, die die vier vorangegangenen Olympiaden für sich entschieden hatten! Die amerikanischen Spieler forderten eine höhere finanzielle Vergütung (2500 $) als die 1500 $, die der amerikanische Verband auslobte.

Berücksichtigt man die strapaziösen Reise­bedingungen jener Zeit, so könnte man annehmen, dass die Europäer gehandicapt waren. Doch die Spieler nutzten die drei Wochen auf See zur Vorbereitung auf die Olympiade, auch mit zahlreichen Blitz­turnieren, in der der Pole Mieczyslaw (geborener Mendel Moishe, später Miguel) Najdorf gewöhnlich dominierte. Najdorf meinte deshalb später, die Überfahrt habe einen positiven Effekt auf die Form der Spieler gehabt.

Wegen der Rekordteilnahme in Buenos Aires wurde die Schacholympiade erstmals mit Vorgruppen gespielt. Drei davon waren mit sieben, eine mit sechs Mannschaften besetzt, die vom 24. - 30. August die Kandidaten für die Endrunden ausspielten. Die ersten vier jeder Gruppe qualifizierten sich für das A-Finale, während die anderen um den „Copa Argentina“ kämpften – einen silbernen Pokal, der angeblich vom argentinischen Präsidenten Roberto Ortiz gestiftet wurde, aber wohl gar nicht existierte und nie an den B-Final-Sieger aus Island ausgehändigt wurde.

Die kurz zuvor herbeigeführten politischen Veränderungen in Europa wirkten sich auch auf die Mannschaften aus. Hitler hatte gerade Österreich und die Tschecho­slowakei annektiert. Österreich stellte kein eigenes Team, denn die gebürtigen Österreicher Eliskases und Becker wurden in das Großdeutsche Team integriert, wobei letzterer als Mannschaftskapitän fungierte. Die Tschechen, deren bester Spieler Salo Flohr wegen seiner jüdischen Abstammung nicht mitspielte, traten dagegen mit einer eigenen Mannschaft an, allerdings unter dem Namen „Protektorat Böhmen und Mähren“. Eigentlich sollten sie unter der Hakenkreuz-Flagge spielen. Erst nach schwierigen Verhandlungen einigte man sich schließlich mit den Veranstaltern auf das tschechische Banner.

Die eigentlichen Probleme dieser Schach­olympiade begannen mit dem Start des A-Finales am 1. September. An diesem Tag begann der Zweite Weltkrieg mit dem Einmarsch Hitlers in Polen. Die englischen Spieler und einige andere zogen daraufhin ihre Teilnahme umgehend zurück und die gesamte Veranstaltung stand kurz vor dem Abbruch. Die Organisatoren und die Mannschaftkapitäne, darunter Aljechin, Tartakower sowie der zuvor erwähnte Becker, entschieden in einer eilig einberufenen Zusammenkunft, dass der Wettbewerb fortgesetzt werden sollte.

Doch trotz dieser Entscheidung blieben viele Probleme ungelöst. So waren Polen und Frankreich offiziell im Krieg mit Deutschland, weshalb die Begegnungen nicht gespielt wurden, sondern mit einem 2:2 in die Tabelle Eingang fanden. Die deutschen Funktionäre drängten darauf, dass auch das „Protektorat Böhmen und Mähren“ mit den Polen und Franzosen ein kampfloses Unentschieden vereinbaren sollte. Aber die wirkliche Krise begann, als Palästina (heute Israel) ebenfalls eine Begegnung mit den Deutschen verweigerte und wie die anderen Verbände ein kampfloses Unentschieden einforderte. Doch weil Palästina als krasser Außenseiter galt, gegen den die Deutschen mit einem hohen Sieg rechneten, gab es zu dieser Frage zunächst keine Einigung. Erst als der Gastgeber und hohe Titelaspirant Argentinien vorschlug, zum Ausgleich gegen Palästina ebenfalls ein 2:2 zu vereinbaren, willigten die Deutschen ein. Auf diese Weise wurde im A-Finale das Ergebnis von nicht weniger als sechs Begegnungen vorvereinbart.

Im Rückblick war die Forderung Palästinas durchaus nicht unberechtigt. Sie landeten schließlich auf dem ehrenhaften 9. Platz, nachdem sie neben den beiden vorvereinbarten Unentschieden gegen Deutschland und Argentinien auch gegen den Zweit-, Dritt- und Viertplatzierten am Brett ein 2:2 erkämpft hatten.

(Der Artikel ist auszugsweise wiedergegeben.
Den ganzen Text lesen Sie in KARL 3/19.)

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