DAUERRIVALEN

Von Harry Schaack

WM-Buch Botwinnik - Smyslow Cover

Michail Botwinnik,
Wettkämpfe um die Schachweltmeisterschaft.
Botwinnik – Smyslow.
Moskau 1954 – 1957 – 1958.
Zusammengestellt und hrsg. v. Igor Botwinnik.
Köln: Techalbo 2007,
Hardcover, 326 S.,
29,90 Euro

(Das Belegexemplar wurde  freundlicherweise von der Firma Niggemann zur Verfügung gestellt.)

Der dominierende Spieler Mitte der 50er Jahre war zweifellos Wassili Smyslow. Zweimal hintereinander konnte er Kandidatenturniere für sich entscheiden. Sowohl in Neuhaus/Zürich (mit 2 Punkten Vorsprung) als auch in Amsterdam (mit 1,5 Punkten Vorsprung) siegte er überlegen. Ein Kunststück, das nicht vielen Spielern gelang, war in diesen nervenaufreibenden Mammutveranstaltungen mit bis zu 28 Runden doch jeweils die gesamte Weltelite versammelt. Sein großer Antipode jener Jahre war jedoch Michail Botwinnik. Der „Patriarch“ spielte in jenen Jahren zwar nicht oft, aber mit Smyslow kämpfte er gleich in drei Matches hintereinander um die Weltmeisterschaft.

Beide Russen verband eine Dauerrivalität, die an Karpow und Kasparow erinnert. Schon 1941 spielten sie ein Minimatch über vier Partien um die Absolute Meisterschaft der UdSSR, die Botwinnik mit 3:1 gewann. Als 1948 beim WM-Turnier in Den Haag / Moskau der Nachfolger des verstorbenen Aljechin ermittelt wurde, ging das interne Duell über fünf Partien wiederum an Botwinnik, diesmal mit 3:2. Im ersten WM-Wettkampf gelang es Botwinnik noch, den Kampf ausgeglichen zu gestalten. Nach den Regeln der FIDE hatte er 1954 seinen Titel mit einem 12:12 erfolgreich verteidigt. Erst im zweiten Anlauf 1957 erwies sich Smyslow schließlich als zu stark. Er dominierte mit 12,5:9,5 und wurde siebter Weltmeister der Geschichte. Er wäre vermutlich noch einige Jahre Weltmeister geblieben, hätte es nicht das Recht auf einen Revanchekampf gegeben, den Botwinnik nur ein Jahr später mit 12,5:10,5 gewann. Dieser letzte Wettkampf war von Erkrankungen gekennzeichnet. Beide „Teilnehmer schöpften ihr Recht krank zu sein, vollkommen aus“, notiert Botwinnik. Smyslow freilich macht in seinem Buch Meine 130 schönsten Partien deutlich, dass er in diesem Match weit unter seinen Möglichkeiten geblieben ist. Zu Beginn hatte er eine Grippe, später eine Lungenentzündung, die ihn handicapte und schließlich verhinderte, dass er seiner Favoritenrolle gerecht werden konnte. Vielleicht nahm Smyslow den Rückkampf nach seinem deutlichen Sieg aber auch etwas auf die leichte Schulter. Nachlässigkeiten, die Botwinnik stets unnachgiebig bestrafte.

Seltsamerweise war die Auseinandersetzung dieser großen Schachspieler bislang nicht vollständig dokumentiert, denn über den Wettkampf von 1957 erschien kein Buch. Dem Bemühen Igor Botwinniks, einem Neffen des großen Patriarchen, ist es zu verdanken, dass peu à peu Materialien des Nachlasses auch in deutscher Sprache veröffentlicht werden. Die neueste Ausgabe dieser Serie, die seit dem letzten Buch über den Wettkampf mit Bronstein im Eigenverlag erscheint, fasst alle drei WM-Wettkämpfe der beiden Kontrahenten zusammen. Eine anspruchsvolle Aufgabe, haben die beiden doch insgesamt 69 WM-Partien gespielt. Alle Begegnungen sind analysiert, meist von Botwinnik, im bislang fehlenden Wettkampf 1957 von Smyslow, Ragosin, Flohr und einigen anderen.

Der besondere Reiz dieser Publikation liegt vor allem darin, dass dem Leser Botwinniks Vorbereitungsmaterial an die Hand gegeben wird. Die Auszüge aus den Notizbüchern sind aufschlussreich hinsichtlich des Charakters Botwinniks. Seine Analysen sind immer erhellend und es ist schön, die Partien in der Gesamtheit aus der Hand des langjährigen Weltmeisters vorliegen zu haben. Etwas bedauerlich ist allerdings, dass das Original-Material unkommentiert bleibt. Es wäre erfreulich gewesen, die Partien von damals in Spiegel der heutigen Zeit zu betrachten und zu bewerten. Leider fehlen auch einleitende Berichte zu den Wettkämpfen, die über die Umstände, die Erwartungen und die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit, insbesondere der schachinteressierten sowjetischen, Auskunft geben könnten. Aber das war nicht das Anliegen Igor Botwinniks.

Äußerst interessant sind die To Do-Listen, die Botwinnik vor jedem seiner Wettkämpfe anfertigte. In Jan Timman analysiert Großmeisterpartien beschreibt der holländische Autor, wie er als junger Spieler einmal den Rat Botwinniks zur Turniervorbereitung wahrgenommen hat – und erst wieder erfolgreich spielte, als er zu seiner üblichen „ungesunden“ Lebensweise zurückgekehrt ist. Botwinniks Vorbereitungsplan offenbart seinen Charakter wie wenig anderes. Die fast übermäßige Sorgfalt, die Akribie, die daraus spricht, ist vermutlich nur für sehr wenige Individuen umsetzbar. So notiert er u.a. zur physischen Vorbereitung: „[…] nicht weniger als 4 Tage in der Woche auf der Datscha verbringen […] Skilaufen, Dusche, Salz-Fichtennadel-Bäder, Schlittschuh laufen, spazieren gehen, Schlaf bei offenem Fenster, Zahnarzt, Gymnastik“ (S.107). Nur weniges entging dem Meister der Selbstdisziplin.

Am Ende des Buches gibt Botwinnik einen Rückblick auf das Revanchematch von 1958. Die Eröffnungsneuerungen schätzt er weitgehend als unbedeutend ein. Der Wettkampf stand vor allem im Zeichen der Endspiele. Kurioserweise strauchelte gerade hier Smyslow, der als einer der größten Endspielvirtuosen der Schachgeschichte gilt.

Botwinnik äußert sich über seinen Kontrahenten in seinem Buch Der Weg zum Erfolg recht despektierlich. Zwar honoriert er Smyslows grandiose Spieltechnik, aber: „Was die menschliche Seite seines Charakters betrifft, so ließ sich Wassili Wassiljewitsch – dies muß man offen sagen – leider etwas gehen … Er schätzte vermutlich mehr die Freuden des Lebens als dessen Pflichten …“. Solche Spitzen finden sich gelegentlich auch in den Partiekommentaren wieder, die in der Botwinnik eigenen Tonalität gehalten sind. Als er über eine Hängepartie berichtet, die er gewann, weil er einen „superfeinen positionellen Plan“ entdeckte, der dem großen Endspielkenner Smyslow entging, fügt er hinzu: „Vielleicht war er aber nur zu faul, um die Partie zu analysieren?“ (S.263).

Die Originalkommentare von Botwinnik zu lesen ist immer ein Genuß. Eine Lücke in der Dokumentation der Weltmeisterschaften konnte mit dem vorliegenden Werk geschlossen werden, auch wenn ergänzende Beschreibungen der Umstände und der Atmosphäre der Wettkämpfe wünschenswert gewesen wären.

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