KOPF-AN-KOPF-RENNEN

Harry Schaack über das enge Finish in Amsterdam 1956

Amsterdam 1956

Die Kandidaten bei der Auslosung in der Aula des Vossius-Gymnasiums in Amsterdam am 26.3.1956:
v.l.: Filip, Smyslow, Keres, Pilnik, Bronstein, Geller, Spasski, Petrosjan, Panno, Szabó
(FOTO: Nationaal Archief / Herbert F. Behrens / Anefo)

(Der Artikel ist auszugsweise wiedergegeben.
Den ganzen Text lesen Sie in KARL 2/26.)

Seit den dreißiger Jahren hatte sich die Niederlande zu einem der Hauptakteure schachlicher Großveranstaltungen em­porgeschwungen und maß­geblich dazu beigetragen, dass das Schachleben nach dem Zweiten Weltkrieg schnell wieder Fuß fasste. Neben den beiden WM-Matches 1935 und 1937 zwischen Aljechin und Euwe fand auch eine Hälfte des WM-Turniers 1948 in Den Haag statt, 1938 wurde mit dem AVRO eines der bestbesetzten Turniere der Schachgeschichte durchgeführt, und neben anderen Spitzenturnieren wie Groningen 1948 war Amsterdam 1954 Schauplatz der Schacholympiade. Die Austragung des dritten Kandidatenturniers vom 27. März bis 30. April 1956 in der holländische Metropole mag dennoch überraschen, denn unter den Teilnehmern war kein Holländer. Einzig Ex-Weltmeister Max Euwe, der Spiritus Rector der Veranstaltung, fungierte als Turnierdirektor und Hauptschiedsrichter, weshalb die Niederlande die nicht geringe Finanzierung schulterten.

Noch 1956 erschien zu diesem Kandi­daten­turnier ein sehr schönes deutschsprachiges Turnierbuch von Euwe und Muhring, sowie eines von dem Teilnehmer Filip auf Tschechisch und 1958 ein weiteres von Abramow in Russisch. Zudem ein Turnier­buch auf Englisch, herausgegeben von Wood mit Tagesberichten des aus Deutschland schon in den 30er Jahre vor den Nazis nach Südafrika geflohenen Juden Wolfgang Heidenfeld, der neben Euwe und Kramer aus Leeuwarden als Turnier­leitung amtierte. Euwe besorgte zu­dem das täglich erscheinende Turnierbulletin.

Die Auslosung fand am 26. März unter Beisein des FIDE-Präsidenten Rogard in der Aula des Vossius-Gymnasiums statt. Zum Andenken an den zehn Jahre zuvor verstorbenen Schachweltmeister wurde das Turnier offiziell als „Aljechin-­Gedenkturnier“ bezeichnet.

Qualifiziert waren neben Smyslow als Finalist des letzten WM-Matches die neun Erstplatzierten des Interzonenturniers in Göteborg 1955. Nur vier der zehn Spieler waren keine Russen: der 21-jährige argenti­nische Jugendweltmeister von 1954 Panno, der in Göteborg überraschend Dritter wurde, der Ungar Szabó, der schon 1950 als einer der Ersten den GM-Titel verliehen bekam, der tschechische promovierte Jurist Filip sowie der deutschstämmige Argentinier Pilnik. Von den Sowjets spielte Bronstein, der das Interzonenturnier mit eineinhalb Punkten Vorsprung vor Keres gewonnen hatte. Beiden räumte man mit Smyslow die besten Chancen auf einen Turniersieg ein, dazu kamen Geller, Petrosjan und der mit 19 Jahren jüngste Teilnehmer Spasski.

Ohne Najdorf und Reshevsky bei fünf sowjetischen Teilnehmern folgert Heiden­feld im Turnierbuch vor Beginn: „Niemand zweifelt ernsthaft daran, dass ein Russe der nächste Herausforderer von Botwinnik wird.“

Im Presseraum berichteten neben Großmeister Ståhlberg auch Opočenský und Donner für Zeitungen. Später stießen noch Golombek, Bernstein, O’Kelly und die sowjetische Delegation mit Flohr, Kortschnoi, Taimanow und Panow dazu.

Der Spielsaal im Minerva-Pavillon (der heute nicht mehr existiert) war nicht ideal. Die Spieler saßen etwas beengt. Zur dritten Runde nahmen die Verantwortlichen eine völlig Umstellung des Saales vor, um die Situation zu verbessern. In Amsterdam saßen die Spieler auf der Bühne dicht gedrängt, hinter ihnen die riesigen Demon­strationsbretter, die die von Laufburschen übertragenen Züge den Zuschauern anzeigten und dann auch im Presseraum hinterlegt wurden. In den letzten Runden des Turniers drängten immer mehr Zuschauer in den zu kleinen Spielsaal, der verraucht und überhitzt war. In der 10. und 11. Runde konnte man nach Leeuwarden in den großen prachtvollen Saal im Börsen- und Waaggebäude ausweichen, wo ideale Spielbedingungen herrschten und 800 bzw. 1200 Zuschauer das Geschehen verfolgten.

Das Turnier verlief sehr ausgeglichen. Die Führung wechselte mehrere Male – von Smyslow zu Geller, dann Keres und wieder zurück zu Smyslow – ohne dass sich jemand mit mehr als einem halben Punkt absetzen konnte.

In der 8. Runde verlor Smyslow gegen Spasski. Zunächst hatte er seinen jungen Gegner überspielt, doch als Spasski die Stellung mit einem Damenopfer ver­wickelte, verlor Smyslow die Übersicht. Nach dem ersten Durchgang führte Geller mit einem halben Punkt vor Keres und Bronstein. Doch Geller, der mit elf entschiedenen Partien der kämpferischste Teilnehmer war, konnte sein Niveau nicht halten und verlor in der Rückrunde vier Partien.

Die 10. Runde ergab einen Führungswechsel. Geller verlor gegen Petrosjan und im Spitzenspiel unterlag Bronstein Keres, nachdem er in höchster Zeitnot eine aussichtsreiche Hängepartie überzog. Danach geriet der WM-Finalist von 1951 aus dem Tritt, Keres setzte sich mit 6,5 Punkten an die Spitze. Geller musste in der 11. Runde seine zweite Niederlage hintereinander hinnehmen, diesmal gegen Smyslow. Keres verpasste den Sieg gegen Spasski, und musste zum Schluss noch mit Remis zufrieden sein. Dies war für den Esten die vielleicht beste Möglichkeit, sich vom Feld abzusetzen.

Vier Runden vor Schluss lagen drei Spieler gleichauf. In diesem Moment trennte den 1. vom 6. nur ein Punkt. Dann unterlag Geller Bronstein und war aus dem Rennen. Eine Runde später setzte sich Smyslow mit seiner besten Turnierleistung gegen Bronstein allein an die Tabellenspitze.

(Der Artikel ist auszugsweise wiedergegeben.
Den ganzen Text lesen Sie in KARL 2/26.)