EIN STREITER FÜR DIE SCHACHKULTUR

Ein Nachruf auf Dr. Thomas Thomsen von Harry Schaack

Dr. Thomas Thomsen
Dr. Thomas Thomsen beim CCI-Treffen 2025 in Nürnberg (© Harry Schaack)

Noch im letzten Heft hatte ich mich bei Dr. Thomas Thomsen für seine langjährige Unterstützung unseres Magazins bedankt. Nun ist er am 2.4.2026 im Alter von 91 Jahren gestorben.

Aufgewachsen in Spanien, arbeitete der promovierte Maschinenbau-Ingenieur als erfolgreicher Manager in den USA, England und Berlin bei Brown und Gillette. In London entdeckte er bei einem Spaziergang über einen Flohmarkt ein kunstvoll gearbeitetes Schachset, was eine lebenslange Faszination bei ihm erweckte. Handwerklich begabt konnte er wie kaum ein anderer Beschädigungen an historischen Spielen beheben. Im Laufe der Jahre baute er die bedeutendste Schachspielsammlung der Welt auf.

Nach seiner Pensionierung setze er sich unermüdlich für die Schachkultur ein, genauer gesagt für das schachliche Kunsthandwerk und seine Geschichte. Mit den Chess Collectors International, die er mitgegründet hatte, schrieb er sich auf die Fahnen, die in Archiven verborgenen schachlichen Schätze der renommiertesten Museen der Welt durch von der CCI mitorganisierte Ausstellungen und dazu erstellten Katalogen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Hilfreich war dabei Thomsens Netzwerk. Dank seiner fließenden Sprachkenntnisse im Spanischen und Englischen pflegte er internationale Kontakte bis in höchste Kreise, die immer wieder Türen öffneten. Mit Hilfe seines Freundes Edzard Reuter, dem ehemaligen CEO der Daimler-Benz AG und Sohn des einstigen Berliner Oberbürgermeisters, hatte er die Gründung eines Schach­museums in Berlin mit Teilen seiner eigenen Sammlung, der Lothar Schmids und einiger anderer Sammlerfreunde sehr weit vorangetrieben, bis das Projekt an verschiedenen Faktoren scheiterte.

Auf Thomsen geht auch die Gründung der Initiativgruppe Königstein 1991 zurück. In seiner Villa im Taunus versammelte er führende Schachhistoriker, die sich der Erforschung der Frühgeschichte des Spiels widmeten. Aufgrund seiner vielfältigen Verdienste verlieh ihm der Weltschachverband 2022 den Ehrenpreis „Freund der FIDE“.

Mit einer beneidenswerten physischen Konstitution ausgestattet, war Thomsen bis zum Schluss als Handlungsträger mit vielen Aufgaben beschäftigt. Ende Oktober hatte er das jährliche CCI-Treffen der deutschen Sektion in Nürnberg auf die Beine gestellt. Noch wenige Tage vor seinem Tod telefonierte ich mit ihm und sprach über eine Ausstellung in Lissabon, die Objekte des Sammlers António Horta-Osório zeigt, dem Thomsen einen Großteil seiner Sammlung in den letzten Jahren verkauft hatte und dem er nun beim Katalog behilflich war.

Thomsen war großzügig und bot stets seine Hilfe an. Durch seine menschliche Art gab er jedem das Gefühl, gehört zu werden. Sehr geschätzt unter Sammlerfreunden waren seine weihnacht­lichen Grußkarten, die kunstvoll inszenierte und hoch professio­nell abgelichtete Schachfiguren zeigten. Nicht nur bei der CCI wird Thomsen eine große Lücke hinterlassen.

Am 8. Mai fand die Trauerfeier in der Villa Abs in Thomsens Wohnort Königsstein statt, zu der sich viele CCI-Mitglieder und Schachhistoriker einfanden. Einer der Trauerredner war Paul Werner Wagner, der die Emanuel Lasker Gesellschaft repräsentierte, die Thomsen 2001 mitgegründet hatte und deren Ehrenmitglied er war.

Thomsen hat ein großes schachkulturelles Vermächtnis hinter­lassen. Er wird fehlen.