EDITORIAL

LIEBE LESERINNEN, LIEBE LESER,

anlässlich des ersten Kandidatenturniers mit deutscher Beteiligung, das in diesem Jahr in Pegia auf Zypern stattfand, widmen wir uns der Geschichte dieses einzigartigen Qualifikationsformats, mit dem der Herausforderer für einen WM-Kampf ermitteln wird.

Unser Blick ist dabei nur auf die 13 Turniere der offenen Klasse gerichtet, nicht auf die Kandidatenmatches oder hybride Formen davon, auch nicht auf die Frauenturniere. Grund ist die schiere Menge der Veranstaltungen und der beschränkte Platz unseres Heftes. Nur so war eine ausführliche Besprechung jedes einzelnen Turniers möglich.

Die Geschichte der Kandidatenturniere beginnt nach dem Zweiten Weltkrieg. László Jakobetz widmet sich der Initiationsveranstaltung in Budapest 1950 und erklärt, warum gerade die Donaumetropole dafür ausgewählt wurde. Legendär ist das Turnier in Neuhausen/Zürich 1953, mit dem sich Michael Negele beschäftigt und dabei einen kritischen Blick auf das angeblich beste Turnierbuch aller Zeiten wirft. Einer meiner liebsten Turnierbücher ist das von Euwe und Mühring über Amsterdam 1956, das nicht nur wegen des zweiten Sieges von Smyslow in die Geschichte einging, sondern auch wegen Petrosjans einzügigem Dameneinsteller. Johannes Fischer beschreibt das Turnier in Jugoslawien 1959, das durch die außergewöhnlichen Ergebnisse von Tal und Keres zum kämpferischsten der Geschichte avancierte. Mihail Marin schildert die Ereignisse in Curacao 1962, die wegen des sowjetischen Kartells zu einer vorübergehenden Abschaffung der Turniere führte. Erst 2013 kehrte die FIDE auf Vorschlag Carlsens wieder zu dem bis heute gängigen Fomat zurück. Frank Zeller beschreibt, wie in dem spektakulärsten Finish der Kandidatenturniergeschichte beide Führenden ihre Schlussrundenpartie verloren und Carlsen nur wegen eines Sieges mehr vor Kramnik landete. Herbert Bastian, der zum Zeitpunkt des Turniers in Chanty-Mansijsk 2014 Vizepräsident der FIDE war, erinnert an das sensationelle Comeback des entthronten Weltmeisters Anand, dem niemand mehr einen weiteren WM-Kampf zugetraut hatte. Selbst in Moskau 2016 spielte der Inder noch um den Turniersieg, wie Mihail Marin meint, musste aber aufgrund seiner mangelnden Konstanz Karjakin den Vortritt lassen, der in der entscheidenden Schlussrundenpartie Caruana auf den zweiten Platz verwies. Das Kandidatenturnier in Berlin 2018 war nicht nur das einzige, das in Deutschland ausgetragen wurde. Wegen seiner Traumbesetzung und den kompromisslosen Partien ist es für mich das spektakulärste Turnier, das ich je live miterlebte. 2020/21 folgte mit Jekaterinburg das mit 13 Monaten längste Turnier, weil es wegen der Corona-Pandemie in zwei Teilen ausgetragen werden musste. Madrid 2022 war, so ZEIT-Reporter Ulrich Stock, davon überschattet, dass sich Carlsen im Vorfeld nicht eindeutig dazu äußerte, ob er seinen Titel noch einmal verteidigen will. Am Ende tat er es nicht, so dass sich neben Nepomnjaschtschi auch der Zweite, Ding Liren, für das WM-Match qualifizierte, das der Chinese bekanntlich in Astana gewinnen konnte. In Toronto verfolgte unser Autor Thorsten Cmiel 2024, wie sich die Veranstaltung zu einem Ereignis in den Sozialen Medien weiterent­wickelte und am Ende mit dem 17-jährigen Gukesh der jüngste Sieger der Geschichte gewann. Das Schlussrundenremis zwischen Caruana und Nepomnjaschtschi gehört zu den tragischsten Partien diesen Formats. Schließlich konnte ich in Pegia auf Zypern das bislang letzte Kandidatenturnier verfolgen, das der von vielen als Geheimtipp angesehene Usbeke Sindarov mit einem Traumergebnis von 10/14 gewann.

Es sind 13 Meilensteine der Schachgeschichte, die die Einzigartigkeit dieses Turnierformats repräsentieren – jedes Kandidatenturnier hat einen ganz eigenen Charakter.

Harry Schaack

Unser Titelbild vom Kandidatenturnier 1956 in Amsterdam, das auch den oberen Teil unserer Internetseite  ziert, zeigt zwei der bedeutendsten frühen Protagonisten der Kandidatenturniere: den zweimaligen Sieger Wassili Smyslow und Paul Keres, der in fünf Anläufen viermal Zweiter wurde.
(FOTO: Nationaal Archief / Harry Pot / Anefo)