SCHACHDIPLOMATISCHER DIENST

Als Horst Metzing 1976 DSB-Geschäftsführer wurde, war dieser Job für den Beamten bei der Berliner Senatsverwaltung zunächst noch als zeitlich begrenzte Tätigkeit angedacht. Er konnte damals schwerlich ahnen, dass seine Berufskarriere beim DSB 37 Jahre andauern würde. Von 1998 bis 2010 war Metzing zudem Generalsekretär der European Chess Union (ECU). Kaum jemand hat die Entwicklung der FIDE in den letzten vier Jahrzehnten so nah miterlebt wie er. KARL sprach mit dem Berliner über seine Erfahrungen und Schwierigkeiten mit dem Weltschachverband sowie über seine persönlichen Kontakte zu den FIDE-Präsidenten.

(Der Artikel ist auszugsweise wiedergegeben.
Den ganzen Text lesen Sie in KARL 2/19.)

Horst Metzing
Horst Metzing bei der DEM in Magdeburg 2019 (Foto: Harry Schaack)

KARL: Sie sind 1976 Geschäftsführer des DSB geworden. Wann hatten Sie das erste Mal Kontakt zur FIDE?
HORST METZING: Den ersten Kontakt hatte ich 1977 in Luzern. Weil mehrere Länder die Schacholympiade im israe­lischen Haifa boykottierten, berief FIDE-­Präsident Euwe einen „außerordentlichen“ Kongress ein. Es ging um Südafrika, das wegen der Apartheidpolitik nach der blutigen Niederschlagung des Soweto-­Aufstandes aus der FIDE ausgeschlossen werden sollte. Da wurde mir bereits klar, dass der FIDE-Präsident auch ein politischer Präsident ist.

Welche Aufgaben hatten Sie im Zu­sammenhang mit der FIDE?
Der DSB-Delegierte war immer der DSB-Präsident. Meine Aufgabe bestand darin, dem Präsidenten zuzuarbeiten. Oft fungierte ich auch als Dolmetscher, weil ich Englisch und Französisch spreche.

Haben Sie auch in FIDE-Gremien mit­gewirkt?
In den siebziger und achtziger Jahren war ich z.B. in der UNESCO-Kommission, wo Schach als Kulturgut unterstützt werden sollte. Allerdings ist nichts daraus geworden, wie auch die meisten Kommissionen erfolglos blieben. Oft traf man sich, mahnte sich gegenseitig, dass in dem einen oder den anderen Bereich mehr geschehen müsse ­– und dann ist wieder ein Jahr nichts passiert. Aktivitäten gingen immer nur auf Einzelinitiativen zurück. Das hat sich mittlerweile etwas geändert.

Wie hat sich der DSB in die FIDE eingebracht?
DSB-Präsident Alfred Kinzel hat man in den siebziger Jahren mit der wichtigen Aufgabe betraut, ein FIDE-Handbuch zu erstellen, in dem die Regularien des Weltschachverbandes zusammengefasst waren.
Der DSB ist zudem häufig Veranstalter für die FIDE gewesen. Beispielsweise waren wir 1979 Ausrichter des heiklen Finales des Europäischen Vereins-­Cups zwischen Moskau und Rotterdam, bei dem der übergelaufene Kortschnoi spielte. Aber wir hatten auch den FIDE-Kongress 1991, die Junioren-­WM in Halle 1995, den Kandidatenwettkampf Hübner gegen Adorjan in Bad Lauterberg 1980, und jüngst auch die Blitz- und Schnellschachweltmeisterschaft 2015 und das Kandidaten­turnier 2018 in Berlin.

Wie war die politische Bedeutung des DSB in der FIDE?
Politisch war unser Verband nicht so relevant, weil die Sowjetunion bis zu ihrem Zerfall einfach prädominant war. Der DSB war Teil des Ost-West-Konfliktes. Politische Entscheidungen überlagerten immer wieder das Schachgeschehen. Als Ludek Pachman aus der CSSR nach Deutschland flüchtete, wurde er vom Ostblock boykottiert und konnte dort keine Turniere mehr spielen. Wir haben uns als Verband für ihn eingesetzt. Doch es war ein aussichtsloses Unterfangen, weil die Entscheidungen auf einer ganz anderen Ebene fielen. Aber wir haben unsere Stimme erhoben, insofern wurden wir beachtet.

Gab es keine Verbündeten?
Wir haben schon unter DSB-Präsident Kinzel 1978 versucht, die westeuropäischen Zonen zur engeren Zusammenarbeit zu bewegen. Wir wollten demokratisches, westliches Gedankengut in die FIDE einbringen und mit einer stärkeren Stimme sprechen. Die Kooperation ist danach sukzessive besser geworden und bei der Schacholympiade in Dubai 1986 haben wir uns abgesprochen. Wir diskutierten einen möglichen Boykott, weil Israel nicht mitspielen durfte. Dann gab es aber ein Grußwort des israelischen Delegierten, der der Schacholympiade viel Erfolg wünschte, was wir als ein Plazet für eine Teilnahme westlicher Länder interpretierten.

War dieses Einheitsbestreben auch der Grund für die Gründung der Europäischen Chess Union (ECU) 1985?
Nachdem Campomanes 1982 gewählt worden ist, wollten wir mit der ECU ein europäisches Gegengewicht setzen, weil der neue Präsident viele neue afrikanische Staaten in die FIDE holte, mit deren Mehrheit er schließlich auch seine Position stabilisierte.
Wir wollten der FIDE mit der ECU auch klarmachen, dass man nicht über Europa hinweg Schachpolitik betreiben kann, da die meisten Spieler aus Europa kommen und auch die bedeutendsten Turniere dort stattfinden.
Die FIDE hat sich immer dagegen gewehrt, dass die Kontinente eigene Institutionen haben, weil sie dadurch natürlich geschwächt wurde. Insofern lag in der Gründung der ECU auch ein gewisses Konfliktpotential.

Die ECU hatte ab 1998 ihre Geschäftsräume in Berlin in der DSB-Zentrale und Sie fungierten als ECU-Generalsekretär. Gab es nicht Kontroversen hinsichtlich der Interessen des DSB und der ECU?
Konflikte gab es immer innerhalb der euro­päischen Föderationen. So entmachtete man den langjährigen ECU-Präsidenten Jungwirth, weil er einige strittige Entscheidungen der FIDE mitgetragen hatte. Er war sehr diplomatisch, hat sich aber nie festgelegt, weshalb wir ihn dann auch nicht mehr als europäischen Präsidenten haben wollten.
Das Problem ist natürlich system­im­ma­nent, denn die Kontinentalpräsidenten sind gleichzeitig Vize-Präsidenten der FIDE. Und die FIDE hat natürlich die wichtigeren Veranstaltungen.
Aber auch innerhalb eines Verbandes sind die Entscheidungen nicht so klar, wie man es denken könnte. Es ist zuweilen sehr kompliziert, die richtige Haltung einzunehmen. Nehmen wir einmal den Kopftuchzwang bei der Frauenschach-WM in Teheran 2017. Wenn unsere Spielerin äußert, dass es ihr egal ist, ob sie ein Kopftuch tragen muss, dann kann der Verband nicht gegen sie opponieren und einen Teilnahmeverzicht durchsetzen.

Die FIDE hat zwar die wichtigsten Schachveranstaltungen, aber in den letzten Jahren wurden die leider häufiger kurzfristig verschoben …
In Deutschland legten wir unsere Termine so lange vorher fest, wie keine andere Föderation. Wichtig waren z.B. die Bundes­ligaspieltage, weil dort zahlreiche inter­nationale Spieler mitwirken, weshalb auch die nationalen Termine darauf abgestimmt werden müssen. Doch die FIDE torpedierte unseren Planungen immer wieder durch kurzfristige Terminänderungen. Diese Verschiebungen haben den nationalen und europäischen Kalender oft kaputt gemacht.

Daran hat sich doch bis heute nichts geändert, oder?
Wir hatten in der Vergangenheit vorgeschlagen, regelmäßige Kalendergespräche mit der FIDE zu führen, wo man auch große nationale Turniere wie etwa die Dortmunder Schachtage terminlich hätte abstimmen können. Die FIDE sollte zwei Jahre im Voraus ihre Termine festlegen, dann ein halbes Jahr später die ECU und danach hätten sich die nationalen Verbände anschließen können. Aber die FIDE behielt sich vor, für sich selbst einseitig Ausnahmen zuzulassen. Das machte für uns natürlich keinen Sinn.

Aber das ist ja ein allgemeines Problem im Sport. Andere Sportverbände bekommen das ja auch hin.
Im Schach haben wir eine Vielzahl von Veranstaltungen und die Profis treffen meist privat ihre Verpflichtungen. Campomanes wollte durchsetzen, dass die Spieler zwecks Planungssicherheit strikt ihre Teilnahmen an den nationalen Verband weiterleiten. Aber dieser zentralistische Vorschlag ließ sich nicht durchsetzen.

Der DSB hat sich bei FIDE-Wahlen oft klar festgelegt, in letzter Zeit immer für den Herausforderer.
Ja, wir haben immer die Verlierer unterstützt (lacht). In Moskau 1994 haben wir auch nicht für Campomanes gestimmt, weil er für uns kein Demokrat war. Wir waren auch nicht für Iljumschinow, weil sein Team nie unseren Vorstellungen entsprach.
Wir hatten immer die Auffassung, dass wir unsere politischen Werte unabhängig vertreten müssen, ungeachtet dessen, was wir konkret innerhalb der FIDE erreichen wollten. Wir wären nicht so weit gegangen, dass wir Iljumschinow gewählt hätten, um dafür als Gegenleistung die Schach­olympiade in Dresden zu bekommen. Dafür sind wir von einigen stark kritisiert worden.
Die FIDE hat uns für unsere klare politische Haltung nie abgestraft. Ich denke, dass dies kein Nachteil für den DSB war. Allerdings hat das FIDE-Präsidium versucht, als 2004 in Calvia beim FIDE-Kongress über die Schacholympiade in Dresden abgestimmt wurde, den Gegenkandidaten aus Tallinn durchzusetzen. Es gab eine Kampfabstimmung. Am positiven Ausgang für uns ist jedoch erkennbar, dass wir genügend Einfluss und Unterstützung in der FIDE hatten und nicht unbedingt auf den Präsidenten angewiesen waren.

Dann stellt sich die Frage, wie stark die Macht des FIDE-Präsidenten ist?
Sehr gewichtig! Der FIDE-Präsident bestimmt zu 99 Prozent die Richtung. Wichtige Entscheidungen werden im inneren Führungskreis vorbereitet und im Präsidium, ich würde fast sagen, auch getroffen. Man lässt sich die Dekrete von den Delegierten normalerweise nur noch bestätigen.

(Der Artikel ist auszugsweise wiedergegeben.
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