EUTERPE UND CAISSA (1)

oder die kongeniale Beziehung der Brüder Rudolf und Richard Réti

Von Michael Ehn


(Der Artikel ist folgend auszugsweise wiedergegeben.
Den ganzen Text lesen Sie in KARL 2/09)

“The Vienna of 1890 was not only a political, medical und cultural center in general, but in it two arts, very different in nature, flourished: music and chess. Richard became a chessplayer and I a musician.“(2) [Rudolf Réti, Manuskript]

Es ist die verblüffende Selbstverständlichkeit solcher Aussagen, die uns heute irritiert. Musik, ja natürlich, die floriert nach wie vor in Wien, aber Schach? Sollte es tatsächlich eine Zeit gegeben haben, in der Schach und Musik in einem Atemzug genannt, quasi gleichgesetzt wurden? Es gibt erstaunliche Parallelen bei vielen jüdischen Familien der k.u.k. Monarchie im großen Bestreben, ihren Kindern den Zugang zu Bildung und Kunst vom Kleinstkindalter an zu ermöglichen (3). Die aus einer jüdischen Familie stammenden Brüder Rudolf und Richard Réti waren einander lebenslang Freund, Berater und Diskussionspartner; Rudolf schließlich Verwalter des schachlichen Erbes Richards und sein Biograph.

Richard Réti
Richard Réti (Foto: Archiv Michael Ehn)


1 BÖSING

Es ist kein Zufall, dass Richard Réti gerade in diesem kleinen slowakischen Ort, damals im ungarischen Teil der Monarchie (4) gelegen, am 28. 5. 1889 auf die Welt kam. Seine Mutter Anna, geb. Mayer, stammte aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie aus Bösing. Sie war mit ihrem Mann, dem auf Haut- und Geschlechtskrankheiten spezialisierten Arzt Samuel Réti (Hlohovec 1853 – 2. 9. 1904 Wien), zwei Jahre zuvor nach Bösing übersiedelt. Nach einigen Jahren Tätigkeit als Arzt in Serbien kehrte Réti zurück, um sich hier selbstständig zu machen. Er erwarb in diesem damals für seine Heilwässer bekannten Ort ein kleines Sanatorium.

Ihr zweiter Sohn Rudolf war noch im serbischen Uzice am 27.11.1885 geboren worden, während der Erstgeborene Otto im Kleinkindalter starb. Die Familie war durchaus wohlhabend, eine französische Gouvernante wurde für die Kinder engagiert.

2 GOTTSCHALL

In den Erinnerungen Rudolf Rétis rührt die erste Bekanntschaft Richards mit dem Schachspiel in einem Alter von kaum sechs Jahren her. Er sah den Eltern beim Spielen zu und wollte es dann selbst versuchen. Es kam, wie es kommen musste, der Vater verlor zwei Partien hintereinander: „‘Woher hast du so gut spielen gelernt’, riefen wir alle, ‚niemand hat es dir jemals gezeigt.’ ‚Ich habe eurem Spiel zugeschaut und von euren Fehlern gelernt,’ antwortete Richard.“ [Rudolf Réti, Manuskript]

Sollten hier auch bekannte Vorbilder, wie Capablanca oder Morphy, Pate gestanden sein, so zeigt die Geschichte doch die frühe Bekanntschaft und das große Interesse der Familie für das Schachspiel.

Tatsächlich hören wir von Richards Schachkünsten zum ersten Mal im Jahr 1904, als er knapp 15 Jahre alt ist. Hermann von Gottschall, der die Schachkolumne der Zeitschrift Über Land und Meer leitete, veröffentlichte Rétis erstes Problem und gratulierte ihm zu dieser für sein Alter außergewöhnlichen Leistung:

RICHARD RÉTI

Über Land und Meer, 1904/05, Nr. 47

Weiß zieht und setzt in 3 Zügen matt.

Die beabsichtigte Lösung 1.Dh8! mit der Drohung 2.Dxe5+ Kxc4 3.La2 matt 1…Dxh8 / Sd7 / Sg6 2.Kb4! De5 3.c3# funktioniert wegen 1…Kxc4 2.Dxe5 b5+ 3.Ka5 f2 4.Se3# nicht, was weder Gottschall noch den Lesern auffiel. Hingegen gibt es eine andere Lösung, die aber sicher nicht im Sinn des jungen Erfinders gewesen wäre: 1.Df2+ Kc3 Oder 1…Kxc4 2.La2+ Kc3 3.Lxe5# bzw. 1…De3 2.Dxe3+ Kxc4 3.La2 #. 2.Lxe5+ Kxc4 3.La2 #.

Rudolfs Klavierunterricht intensivierte sich, während sich Richard zunächst autodidaktisch mit dem Lehrbuch von Dufresne beschäftigte, später aber vom lokalen Meister Jenö Smogrovics unter die Fittiche genommen wurde. Bei seinen Mitschülern hatte er längst den Titel „der Unbesiegbare“.

Rudolf Réti
Rudolf Réti (Foto: Archiv Michael Ehn)


3 SCHLECHTER

Als die Kinder heranwuchsen und man sich um ihre gute Ausbildung Gedanken machte, entschlossen sich die Eltern, nach Wien zu übersiedeln, wo der Vater eine medizinische Praxis eröffnete. Die Sommer verbrachte die Familie nach wie vor in Vaters Sanatorium in Bösing.

Da sich Richard weiter intensiv mit Schach beschäftigte, aber vom Zusammentreffen mit einem richtigen Schachmeister träumte, ergriff sein Bruder die Initiative. Im Sommer 1904 schrieb Rudolf an keinen Geringeren als Carl Schlechter und bat um eine Zusammenkunft und Prüfung der Schachfähigkeiten seines kleinen Bruders. Schlechter willigte ein: „Die Partie begann und zu meinem Entsetzen verlor Richard nach kaum drei Minuten, als nicht mehr als acht oder neun Zügen geschehen waren. Schlechter schlug schnell eine zweite Partie vor. Obwohl Richard auch diese Partie verlor, dauerte sie länger als eine Stunde.“ [Rudolf Réti, Manuskript]

Schlechter zeigte sich dennoch angetan von der Leistung des Halbwüchsigen und schlug vor, ihn in den noblen Wiener Schachklub einzuführen. Dies war die Eintrittskarte Richard Rétis in die Schacharena. Welchen Eindruck der Jüngling auf die Wiener Corona machte, beschreibt Krejcik: „Überaus nervöser, aber sehr lieber Junge. In seinen Reden derartig hastig, daß man ihm kaum folgen konnte.“ (Krejcik 1955, 20) Zunächst war Richard enttäuscht, denn die Meister des Wiener Schachklubs spielten nur, wenn sie mussten, verbrachten ihre Zeit lieber bei Kartenpartien oder mit Geplauder. Aber er hatte nun Zugang zur Vereinsbibliothek, wo hunderte Bücher auf den begierigen Adepten warteten, in die er sich mit Vorliebe Samstag und Sonntag nachmittags vertiefte.

Der plötzliche überraschende Tod des Vaters am 2.9.1904 brachte eine Verschlechterung der Verhältnisse mit sich. Die Familie übersiedelte aus der geräumigen Wohnung in der Nähe des Stephansplatzes in eine kleine Wohnung in einem Außenbezirk. Rudolf verdiente inzwischen mit Klavierstunden und als Musikjournalist soviel, dass er zum Familienbudget beitragen konnte.

4 STUDIEN

Sein erstes Turnier spielte Richard in Stuhlweißenburg (Székesfehérvár) im August 1907. In diesem zweiten ungarischen Nationalturnier mit den besten ungarischen Spielern außer Maróczy kam er auf den beachtlichen geteilten 7. Rang, gleichauf mit seinem Mentor Jenö Smogrovics. Im Spätherbst desselben Jahres wurde er im Winterturnier des Wiener Amateur-Schachklubs, dem er ebenfalls beigetreten war, hinter Károly Sterk Zweiter, vor Strobl und Arthur Tartakower, dem Bruder Saviellys, der im Ersten Weltkrieg fiel. Man lud ihn nun als Ersatzmann zum internationalen Meisterturnier des Wiener Schachklubs 1908 ein, wo er Letzter mit nur 1,5 Punkten wurde, doch die Qualität seiner Partien war vielversprechend. Dieser Misserfolg dämpfte allerdings seine schachlichen Ambitionen, und er inskribierte Mathematik und Physik an der Wiener Universität.

Rudolf hatte inzwischen nach Abschluss des Klavierstudiums am Konservatorium unter Grädener und Fuchs ebenfalls an der Universität Wien Musikwissenschaft inskribiert.

Während Richard 1909/10 seinen ersten großen Turniererfolg beim zweiten Trebitsch-Gedenkturnier in Wien feierte, waren diese Jahre für Rudolf ebenfalls bedeutsam: Als Schüler Arnold Schönbergs führte er dessen „Drei Klavierstücke“ 1909 (Opus 11) als Erster auf, und ebenso die „Sechs kleinen Klavierstücke“ 1911 (Opus 19). 1910 dissertierte Rudolf. Er hatte sich vom Konzertpianisten zum Musikwissenschaftler und Komponisten weiterentwickelt.

5 DIE AKTENTASCHE

Den Weltkrieg verbrachte Rudolf fast durchgehend als Soldat an der Front. Richard steht kurz vor Abschluss seines Studiums der Mathematik, als der Weltkrieg ausbricht. Wegen seiner schwachen Konstitution wird er an die serbische Grenze geschickt, um Büroarbeiten zu verrichten. Frustrierende Jahre folgen. Oft klagt er, dass er in der Einöde keinen Zugang zu wissenschaftlicher Literatur habe. Aber dafür widmet er sich wieder umso intensiver dem Schach, und zu Kriegsende tritt uns der vollkommene Meister entgegen. Das letzte bedeutende Turnier der Monarchie im August 1918 in Kaschau (heute Košice, Slowakei) gewinnt er mit 10 Punkten aus 11 Partien und zwei Punkten Vorsprung auf Vidmar überlegen, obwohl Größen wie Schlechter, Breyer und Grünfeld daran teilnehmen. Doch noch immer wollte Richard eine bürgerliche Berufslaufbahn einschlagen und sah die Mathematik als sein primäres Interessensgebiet. Er hatte seine Dissertation fertiggestellt und war knapp davor sie abzugeben. Doch fast schon sprichwörtlich war die Vergesslichkeit dieses genialen Blindspielers und Studienkomponisten von Weltruf: „Nicht minder vergesslich ist Réti, der alles: Stock, Schirm, Hut, insbesondere aber seine traditionelle gelblederne Aktentasche überall liegen lässt, so dass ein durch sein ‚Positions’gefühl hervorragender Meister folgende Formel prägen konnte: ‚Wo Rétis Aktentasche, dort ist er selbst nicht mehr. Sie ist also ein Beweis der Präexistenz Rétis.’“ [Tartakower 1924, 170]

Und so kam es, dass Réti die Tasche mit dem wertvollen Inhalt, die er überall hin mitnahm, irgendwo vergaß und sie nicht mehr zurückbekam. Dieses Ereignis brachte ihn, wie er seinem Bruder gestand, an den Rand des Selbstmords und war auslösendes Moment dafür, dass er sich nun völlig auf Schach konzentrierte.

Beginnend mit den Turnieren in Holland 1919 (Rotterdam, Amsterdam) und Schweden (Göteborg) reißt nun die Kette der Turniere, an denen er erfolgreich teilnimmt, nicht mehr ab (5). Er ist Schachprofi und wird die letzten zehn Jahre seines Lebens seinen Lebensunterhalt mit Turnieren, zahlreichen Schachspalten, Simultanvorstellungen, Blindséancen und Wettkämpfen bestreiten.

ANMERKUNGEN

1) Während Euterpe, die Muse der Tonkunst und Tochter von Zeus und Mnemosyne zum klassischen Bildungskanon gehört, ist Caissa jüngeren Ursprungs. Ihr Name stammt von einem gleichnamigen Gedicht (1763) von William Jones: Caissa ist eine Nymphe, in die sich der Gott Mars verliebt. Als seine Liebe nicht erwidert wird, erfindet er das Schachspiel, um ihr Herz zu gewinnen.
2) „Das Wien von 1890 war nicht nur ein politisches, medizinisches und kulturelles Zentrum, sondern es blühten auch zwei Künste, die ganz unterschiedlich in ihrer Natur waren: Musik und Schach. Richard wurde ein Schachspieler, ich ein Musiker.“ (Übersetzung HS)
3) Siehe z.B. die Brüder Leopold (Musik) und Rudolf Spielmann (Schach), Ehn (Hg.) 1996. Die Jahrhunderte lange Reduktion auf einzelne Berufssegmente prägte die Berufsstruktur der Juden im 19. u. 20. Jhdt. stark. Bis zur Mitte des 19. Jhdts. mussten sie jene ökonomischen Funktionen übernehmen, die als unehrenhaft galten, also Handel und Geldverkehr. Nach dem interkonfessionellen Ausgleich 1868 war aufgrund von Familientraditionen und wegen Diskriminierung im öffentlichen Dienst das typische Berufsbild Händler aller Art, Arzt, Rechtsanwalt, Zeitungsredakteur und alle künstlerischen Berufe.
4) Auf Ungarisch „Bazin“, Slowakisch „Pezinok“. Die oft diskutierte Frage der Nationalität Richard Rétis ist einfach zu klären: Bösing lag zur Zeit seiner Geburt in Ungarn, daher war Réti ein Staatsbürger der österreichisch-ungarischen Monarchie. Nach 1918 wurde das nunmehrige Pezinok der SR zugesprochen. Richard Réti erhielt die tschechische Staatsbürgerschaft.
5) Insgesamt spielte Réti in 25 bedeutenden Turnieren. Die Gesamtbilanz seiner Turniere und Wettkämpfe lautet +425 -253 =262, siehe Kalendovský 2003, 13.

LITERATUR

  • Ehn, Michael (Hg.) (1996): Rudolf Spielmann.
    Portrait eines Schachmeisters in Texten und Partien. Koblenz
  • Golombek, Harry, (1954): Réti’s Best Games of Chess. London
  • Kalendovský, Jan (2003): Reti. Poesia del paradosso. Roma
  • Krejcik, Josef (1955): Mein Abschied vom Schach. Sterbliches und Unsterbliches aus der Mappe eines Wiener Altmeisters. Berlin
  • Musikblätter des Anbruch 1919 – 1937
    Pella, Paul (1935): Dr. Rudolf Réti fünfzig Jahre alt. In: Musikblätter des Anbruch 17, 296-297
  • Réti, Richard (1922): Die neuen Ideen im Schachspiel. Wien
  • Réti, Rudolf (1922): Die Salzburger Idee. Worte zum Beginn. In: Musikblätter des Anbruch 13-14, 193-195
  • Réti, Rudolf: Undatiertes Manuskript ohne Titel, Rudolph and Richard Reti Collection, Music Division, Library of Congress. Washington
  • Tartakower, Savielly G. (1924): Die hypermoderne Schachpartie. Ein Schachlehr- und Lesebuch zugleich eine Sammlung von 150 schönen Meisterpartien aus den Jahren 1914-1925. Wien

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