25 JAHRE KARL
Eine kleine Bestandsaufnahme von Harry Schaack
Vor einem Vierteljahrhundert ist Karl erstmals bundesweit erschienen. Vorher als Vereinszeitung betrieben, ergab sich 2001 dank der finanziellen Unterstützung meines damaligen Arbeitgebers die Möglichkeit, das Magazin mit neuem Konzept bundesweit zu vertreiben. Als Mitstreiter konnte ich meine Vereinskollegen Johannes Fischer und Stefan Löffler, der auch die Idee zu dem bis heute durchgehaltenen Schwerpunktkonzept hatte, gewinnen.
Ich erinnere mich noch, als wir damals zusammensaßen und Seiten voll mit potenziellen Themen niederschrieben. Wir waren zuversichtlich, dass dieses Konzept lange trägt. Und nach 100 Schwerpunkten ist der Stoff noch nicht ausgegangen.
Während Stefan nach drei Ausgaben ausstieg, weil er nicht glaubte, dass sich die Zeitschrift hält, ist Johannes als Autor und Korrektor bis heute eng mit Karl verbunden.
Schon unser erstes Heft mit dem Titel „Tempo!“ und einem programmatischen Titelbild, auf dem der Schachbezug nicht zu erkennen war, sollte deutlich machen, dass wir kein gewöhnliches Magazin sind. „Karl widmet sich allem, was in herkömmlichen Schachzeitschriften zu kurz kommt“, schrieb ich in meinem ersten Editorial. Und das scheint heute mehr denn je vonnöten. Schon unsere zweite Ausgabe beschäftigte sich mit dem Internet, das damals im Schachbereich noch in den Kinderschuhen steckte. Und doch waren die Möglichkeiten schon am Horizont erkennbar. Gegenwärtig ist es für Printmagazine ungemein schwierig geworden, sich zu behaupten gegen Schachinformationen, die Online in Echtzeit mitgeteilt werden. Wir glauben jedoch, dass es auch einen Ort für ausführlichere Texte geben muss, die größere Sachverhalte einordnen, vertiefen und bewerten. Texte, die man so im Netz selten findet, und die für das Medium Zeitschrift besser geeignet sind.
Oft haben unsere Themen einen Bezug zu aktuellen Ereignissen. Das erste Heft beschäftigt sich mit den vielfältigen Formen der Zeit, weil die Fide 2001 eine neue Bedenkzeitreglung eingeführt hatte, und unser viertes Heft 2025 widmete sich „Außenseitern“, weil Matthias Blübaum überraschend als Underdog im Kandidatenturnier spielt.
Unser Karl-Projekt war auch deshalb erfolgreich, weil wir von Anfang an Unterstützer hatten, ohne die die Zeitschrift in dieser Form nicht möglich gewesen wäre. All denen, die am Karl mitgewirkt haben, möchte ich meinen Dank aussprechen.
Schon in der ersten Ausgabe bekamen wir von einigen hochkarätigen Autoren Vorschusslorbeeren. So begleitete Zeit-Reporter Ulrich Stock von Beginn an eine Kolumne, und der renommierte Kulturwissenschaftler Ernst Strouhal schrieb einen wunderbaren Essay über „Schach im Zeitalter der Ungeduld“. Bis heute ist der Österreicher unserer Zeitschrift treu geblieben und betreut seit der Ausgabe 2/03 mit dem Wiener Schachhistoriker Michael Ehn eine Kolumne.
Apropos Unterstützer: Ich erinnere mich noch, als wir unser erstes Heft in Mainz bei den Chess Classic vorstellten und Helmut Pfleger Karl ohne Umschweife abonnierte. Da konnte er noch nicht wissen, dass wir ihm zu seinem 80. Geburtstag 2024 ein sehr persönliches Heft widmen werden, das vor allem auf einem zweitägigen Interview beruhte, das ich in München mit ihm führte, und in dem er sehr offen über sein bewegtes Leben sprach.
Ein frühes Highlight war die Verpflichtung des Schriftstellers Eckhard Henscheid, der für uns in Heft 4/02 eine kleine Schachgeschichte verfasste, die er noch auf Papier einreichte. Ein anderes war das Heft 2/04 über Paul Keres, das wir anlässlich des EU-Beitritts Estlands machten. Johannes schrieb das estnische Fremdenverkehrsamt an, und da Keres in seinem Heimatland ein Nationalheld ist, erhielten wir unglaubliche Unterstützung: Sie zahlten uns den Flug und die Übernachtungen und zwei Chauffeure fuhren uns eine Woche quer durchs Land, so dass wir mit den wichtigsten Personen über Keres sprechen konnten, auch mit seiner Frau und seiner Tochter.
Mit diesem Heft stieß auch der Schachhistoriker Michael Negele zu Karl, der einer der eifrigsten Artikelschreiber wurde. Mit seiner Hilfe konnten auch einige internationale Projekte zu Heften über Nimzowitsch, Lasker oder Rubinstein realisiert werden, an denen renommierte Forscher aus aller Welt mitwirkten.
Seit der Ausgabe 4/09 über Petrosjan ist auch Großmeister Mihail Marin an Bord, der seither einen wesentlichen Teil zur schachlichen Expertise beiträgt. Langjährig für Karl tätig waren und sind die GMs Gerald Hertneck und Jörg Hickl, IM Frank Zeller, der Mathematiker Christian Hesse, der Zeit-Reporter Wolfram Runkel, der Schriftsteller Traian Suttles, die Schachhistoriker Michael Dombrowsky und Mario Ziegler sowie der Anglist Bernd-Peter Lange.
Nützlich und motivierend waren natürlich auch die Preise, mit denen Karl ausgezeichnet wurde. 2014 erhielten wir vom DSB den Deutschen Schachpreis und 2018 von der Emanuel Lasker Gesellschaft die „Lasker“-Trophäe, mit denen unsre kulturellen Verdienste für das Schach gewürdigt wurden.
Eine wichtige Hilfe für die Realisierung unserer Hefte waren von Beginn an Sammler, organisiert entweder in den Chess Collectors International oder in der Ken Whyld Association (die sich jetzt Chess History & Literature Society nennt). Stellvertretend für viele andere sei Dr. Thomas Thomsen genannt, der einst die größte Schachspielkollektion besaß, und uns über die Jahre mit zahlreichem Bildmaterial versorgt hat. Anderen bin ich dankbar, dass sie mir schwer greifbare Primärliteratur zugänglich gemacht haben.
Schließlich sei auch unseren langjährigen Werbepartnern Schach Niggemann sowie ChessBase gedankt, die uns über 25 Jahre lang begleitet haben.
Karl war immer auch ein Türöffner. Die Zeitschrift verschaffte Zugang zu Personen und Orten, die ansonsten verschlossen geblieben wären. Im wahrsten Sinne des Wortes und am ungewöhnlichsten war vielleicht mein Besuch im Gefängnis von Straubing und – dank der Vermittlung des Sammlers und einstigen Oberstaatsanwaltes Hans Ellinger – in der JVA Rottenberg für die Ausgabe 1/17 mit dem Schwerpunkt „Gefangenschaft“.
In diesem Heft schrieb auch der 2017 verstorbene Kunsthistoriker Hans Holländer, der gemeinsam mit seiner Frau Barbara besonders für unsere Ausgaben über Kunst und Literatur unschätzbare Beiträge geliefert hat und eine langjährige Säule unserer kulturellen Ausrichtung war, seinen letzten Karl-Artikel.
Es gab viele denkwürdige Begegnungen in den letzten 25 Jahren. Der Besuch einer Klasse in einer Brennpunktschule, in der Dijana Dengler für die Münchner Schachakademie Drittklässlern Schachunterricht gab, sowie ein Spaziergang mit Michael Ehn durch Wien, der mir die alten Schachcafés und Grabstätten bedeutender Schachspieler auf dem Zentralfriedhof zeigte, gehören zu den schönsten Erlebnissen meiner Tätigkeit. Unvergessen ist mir auch der Besuch in München bei der Familie von Wolfgang Unzicker geblieben. Durch die intensiven Gespräche ist 2007 eine Biografie entstanden, die viel Neues brachte.
Besondere Momente waren auch die neun Weltmeisterschaften, die ich besucht habe. Es sind die einzigen aktuellen Ereignisse, bei denen Karl mit monatlichen Schachzeitschriften in Konkurrenz tritt. Wir verstehen Titelkämpfe als Meilensteine der Schachgeschichte. Ein wochenlanges psychologisches Duell zwischen zwei Spielern, wie es WM-Wettkämpfe sind, haben im Sport keine Parallele und sind ein Alleinstellungsmerkmal des Schachs. Ein Schwerpunkt-Heft über eine Weltmeisterschaft geht über tagesaktuelle Meldungen hinaus. Zum einen wird das Match im Nachhinein, aus dem Wissen um das Ergebnis bewertet und gewichtet – ein Aspekt, der bei der täglichen Berichterstattung im Netz zu kurz kommt. Zum anderen gibt es heutzutage kaum noch Wettkampfbücher, weshalb monothematische Karl-Schwerpunkte einen Ersatz dafür bieten. Ferner gibt der Ort, an dem eine WM stattfindet, der Veranstaltung ein besonderes Gepräge. Wir versuchen stets auch das Umfeld abzubilden, machen Interviews und berichten über die Schachgeschichte des jeweiligen Austragungsortes, sodass mehr entsteht als die reine Dokumentation der Partien.
Als wir damals das Karl-Konzept entwickelten, sind wir davon ausgegangen, dass unsere Schwerpunkte nicht so altern wie aktuelle Monatszeitschriften. Deshalb haben wir immer einige Ausgaben mehr produziert, um ältere Hefte später noch verkaufen zu können. Mittlerweile sind vier Ausgaben vergriffen und nur noch als PDF erhältlich. Den Rest gibt es noch im Original. Und weil wir 25-jähriges Jubiläum feiern, können sie bis zum 30. April ältere Ausgaben zu unserem Verkaufspreis von 2001 für 5,- Euro (zzgl. Porto) erwerben. Eine gute Gelegenheit, Lücken zu füllen!
