OHNE SCHACH WÄRE ES KEIN LEBEN
FÜR VLASTIMIL GEWESEN
Harry Schaack sprach mit Brigitte Hort
über Erinnerungen an ihren Mann
Anlässlich seines 70. Geburtstages hatte ich Vlastimil Hort 2014 in seinem Haus in Eitorf besucht. Ich erinnere mich noch sehr gut an unser langes, lebhaftes Interview. Jetzt, aus traurigem Anlass, bin ich zwölf Jahre später wieder in dem kleinen Ort in der Nähe von Bonn, um mit Vlastimils Frau Brigitte über ihren verstorbenen Ehemann zu sprechen. Man merkt ihr an, dass sie immer noch in Trauer ist. Obgleich ihr Mann bereits am 12. Mai 2025 verstorben ist, liegt die Beisetzung erst wenige Monate zurück. Zu Beginn unseres Gespräches schmerzt es sie, über ihren Mann zu sprechen. Doch am Ende wird sie sagen, dass es ihr gutgetan hat, die vielen Erinnerungen wieder aufleben zu lassen. „Das schönste für mich ist, mit Menschen zu reden, die Vlastimil kannten“, sagt sie. „Er war der wichtigste Mensch in meinem Leben. Ich kann noch gar nicht so richtig begreifen, dass er nicht mehr da ist.“
KENNENLERNEN
Kennengelernt hat Brigitte Hort ihren späteren Mann ganz standesgemäß – im Rahmen einer Simultanveranstaltung, die Vlastimil Hort 1987 in Köln gab.
„Zu dieser Zeit interessierte ich mich für Schach, ging in einen Club und lernte eine ältere Dame kennen. Wir waren eine kleine eingeschworene Gemeinschaft. Eines Tages sagte sie, dass Hort nach Köln kommt und dort eine Simultanvorstellung gibt. Er sei der netteste Großmeister, da müssten wir unbedingt hin. Bis dahin kannte ich ihn gar nicht. Da ich nur über bescheidene Schachkenntnisse verfügte, wollte ich nicht mitspielen. Schließlich überredete sie mich, wenigstens zum Zuschauen mitzugehen. Als ich Vlastimil im Foyer das erste Mal sah, war ich berührt. Er wirkte scheu und gehetzt zugleich. Erst nachher erfuhr ich, dass er zu dieser Zeit gerade die Deutsche Meisterschaft in Bad Neuenahr spielte. Er schob in seinen engen Zeitplan immer gerne noch zusätzliche Termine dazwischen, das war schon sein Stil.
Während des Simultans hatten wir ab und an Blickkontakt. Vertrauensvolle, warme Augen, dachte ich. Nach seinem Simultan bat ihn meine Freundin, die Notationszettel zu signieren. Sie war ganz aufgeregt, weil sie ihn sehr mochte. Zufällig trafen wir uns dann alle am Aufzug und fuhren gemeinsam zum Festsaal. Der Blickkontakt blieb – ich wusste, der spätere Austausch der Telefonnummern war der Beginn einer dauernden Liebe.
Als Vlastimil mich kurz darauf das erste Mal anrief, war er sehr niedergeschlagen, denn er hatte bei der Deutschen Meisterschaft einzügig die Dame eingestellt.“
Offenbar hatte das Treffen mit Ihnen seine Wirkung nicht verfehlt, werfe ich ein. Aber Brigitte Hort wiegelt ab. Sie meint, Vlastimil sei einfach überlastet gewesen – obwohl sie sich damals wunderte, wie so etwas einem renommierten Großmeister passieren kann.
„Damals merkte ich schon, dass Vlastimil auch eine sehr sensible Seele war. Ich weiß gar nicht, ob das viele wissen“, fragt sie sich.
EITORF
„Vlastimil hatte gerne seine Geheimnisse“, sagt Brigitte Hort. „Er hat die Geschichte unseres Kennenlernens im Dunkeln gelassen. Über Gefühle sprach er nicht gerne. Viel, viel später hat er unsere Geschichte auch erzählt, so dass auch ich jetzt offen darüber sprechen kann.
Wir führten viele Jahre eine Fernbeziehung. Anfangs wohnte ich zwar in Köln, war dann aber beruflich in Bonn und Frankfurt tätig, weshalb wir sehr lange getrennte Wohnorte hatten. Er war natürlich beruflich auch oft unterwegs. Man braucht schon starke Nerven und viel Verständnis als Partnerin eines Schachspielers, aber vor allem muss man alleine sein können, besonders an Wochenenden und Feiertagen. Natürlich begleitete ich ihn, so oft ich konnte. Gott sei Dank haben wir sehr liebe Nachbarn, die sich dann um unsere Katzen kümmerten.
Als wir älter wurden und ich frühzeitig in Rente gehen konnte, war es ein Ziel von uns, zusammenzuleben. Wir fanden ein Haus in Eitorf, etwa 50 km von Köln entfernt, mit einem schönen Garten. Vlastimil pflanzte eigenhändig, Bäume, Sträucher und mähte den Rasen. Er fand großen Gefallen am Gärtnerdasein.
Es war Vlastimils Idee, nach Eitorf zu ziehen, weil er auch logistisch gedacht hat. Wir haben hier eine gute Verkehrsanbindung und der ICE-Bahnhof in Siegburg/Bonn ist nicht weit. Mit seiner Neuropathie, eine Folge der Diabetes, war Autofahren gefährlich. Deshalb war es wichtig, dass Vlastimil unabhängig war und mit dem Zug überall hinkommen konnte, insbesondere zu seinem Lieblingsverein und Arbeitgeber in Oberhausen.“
HEIRAT
Geheiratet haben Brigitte und Vlastimil acht Jahre nach dem Kennenlernen, am 9.1.1995. Beide verband eine Liebe zur Zahlenmystik. Das Datum der Trauung ist daher nicht beliebig gewählt, sondern eine Verknüpfung der persönlichen Daten beider.
„Wir haben uns lange gesucht“, stand in tschechischer, deutscher und französischer Sprache auf unserer Hochzeitsankündigung. Das sagt alles. Wenn ich eine Metapher für unsere Beziehung finden sollte, dann fällt mir gleich die Lithographie „Verschlungene Bäume“ ein, die in unserem Flur hängt.
Als Ort bot sich Bad Neuenahr an, weil ich ihn dort während seines Wettkampfes um die Deutsche Meisterschaft zum ersten Mal in Aktion erlebte. Die er dann ja auch gewonnen hat, sowie in Folge noch zweimal. Das Datum unserer Trauung sollte eine Mischung unserer Geburtsdaten sein, natürlich eine Idee von Vlastimil. Aus seiner Sicht wahrscheinlich auch ein Garant für eine lebenslange Verbindung! Mein Geburtsdatum ist der 9. Mai 1951, Vlastimil wurde am 12. Januar 1944 geboren. In unserem Hochzeitsjahr wurde ich 44 und er 51, also die Umdrehung unserer Geburtsjahre, die zusammen 95 ergaben. Ferner musste es eine Mischung unserer Geburtstage sein: mein Tag, der 9., und sein Monat, der Januar. Alles sehr kompliziert durchdacht, aber auch eine wunderschöne Liebeserklärung. Leider gab es für dieses Datum keinen Termin beim Standesamt in Bad Neuenahr, weswegen wir nach Bad Ems ausgewichen sind. Wichtig war nur, dass der Ort ein Heilbad mit Spielkasino war.
Es ist schon seltsam, dass Vlastimils Sterbedatum ebenfalls eine Mischung aus unseren Daten ist, nur umgedreht. Er ist am 12. Mai gestorben – sein Geburtstag, mein Geburtsmonat.“
