DREI JAHRZEHNTE WELTSPITZE

Mit seinem Sieg 1991 in Reggio Emilia stieß Vishy Anand in die Top Ten vor und steht mit 50 Jahren immer noch ganz oben. Harry Schaack sprach mit dem 15. Weltmeister über die denkwürdigsten
Momente seiner langen und prächtigen Karriere.

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vishy anand, Wijk aan Zee 2010
(Foto: © Harry Schaack)

JUNIORENWELTMEISTER 1987
1978, als ich acht Jahre alt war, wurde mein Vater von seinem Arbeitgeber für eineinhalb Jahre auf die Philippinen versetzt. Einmal machte meine Familie einen Ausflug nach Baguio City. Wir schauten uns die Spielstätte an, in der kurz zuvor die WM zwischen Karpow und Kortschnoi stattgefunden hatte. Es ist eine seltsame Koinzidenz, dass ich neun Jahre später am selben Ort, wo einst einer der erbittertsten WM-Kämpfe ausgefochten wurde, den Junioren­weltmeistertitel holte.
Dabei war ich wegen mäßiger Ergebnisse im Vorfeld mit keinen großen Erwartungen gestartet, begann langsam, bezwang jedoch in der fünften Runde den Favoriten Agde­stein. Am Ende gewann ich das Turnier mit einem halben Punkt Vorsprung vor Iwantschuk. Für mich war es ein historischer Moment, weil nie zuvor ein Asiate diesen Titel geholt hatte.

GROSSMEISTERTITEL
Etwas später bin ich der erste indische Großmeister geworden. Das Problem mit dem GM-Titel ist, dass man danach erst einmal keine Ziele mehr hat und sich neu definieren muss. Aber dieser Titel und die Juniorenweltmeisterschaft machten mich in Indien bekannt. Davor wurde ich zwar gelegentlich in den Sportrubriken der Zeitungen erwähnt, doch dann zeichnete man mich für meine Erfolge mit einigen Preisen aus und mein Konterfei war auf vielen Titelseiten zu sehen.

TILBURG, REGGIO EMILIA 1991/92
Ich denke immer noch, dass meine Leistung in Tilburg 1991 beeindruckender war als kurze Zeit später in Reggio Emilia. Dort gewann ich gegen Karpow, Short, Kortschnoi, Kamsky, Barejew und das erste Mal gegen Kasparow. Am Ende verlor ich allerdings einige entscheidende Partien, was meine Chancen auf den Turniersieg verdarb. Ich wurde schließlich Dritter hinter Kasparow und Short, aber vor Karpow.
Reggio Emilia, das nur wenig später stattfand, war damals das Turnier mit dem höchsten Elo-Schnitt der Geschichte. Es verlief viel ruhiger. Ich verlor nur eine Partie und gewann vier, wodurch ich vor Kasparow und Karpow Erster wurde. Durch einen Schlussrundensieg mit Schwarz gegen Beljawski zog ich noch an Kasparow, den ich erneut geschlagen hatte, vorbei. Danach war ich so aufgeregt, dass ich meinem Freund Frederic Friedel ein Fax schickte und meine Eltern in Indien anrief.
Es kursierte bald der Scherz, dass ich der letzte sowjetische Champion sei, denn während des Turniers löste sich die Sowjet­union endgültig auf – und ich war der einzige Teilnehmer, der nicht aus diesem Land kam. In den letzten Runden wussten wohl nicht einmal die Teilnehmer selbst, zu welchem Land sie gehörten.
Reggio Emilia war für mich definitiv eines der Highlights jener Jahre. Es war der große Durchbruch. Danach flog ich zurück nach Indien, spielte in Kolkata ein Open und wurde fast wie ein Staatsgast be­handelt.

MATCHES GEGEN KAMSKY 1994/95
Mit dem Kasparow-Short-Match 1993 spaltete sich die Schachwelt und es gab fortan zwei parallel laufende WM-Zyklen, was für die Spieler zunächst einmal sehr angenehm war. Durch Zufall spielte ich in beiden Zyklen gegen Kamsky. Das erste Match 1994 in Sanghi Nagar, das zum FIDE-Zyklus gehörte, war wie eine griechische Tragödie. Ich hatte zwei Punkte Vorsprung, doch Kamsky schaffte in den letzten drei Partien noch den Ausgleich und schlug mich in den Schnellschach­partien im Stichkampf. So etwas hinterlässt einige Narben im Kopf.
Ich war zu selbstsicher, auch weil ich die Punkte zuvor recht mühelos gemacht hatte. In der 5. Partie stand ich auf Gewinn, ließ ihn aber ins Remis entkommen. Ich lehnte mich zu früh zurück, machte mir keine Sorgen und wurde leichtfertig. Als ich die 6. Partie verlor, war das ein richtiger Schock. Am Ende bin ich regelrecht zusammengebrochen und im Stichkampf war ich nicht wiederzuerkennen. Es war eine heilsame Lektion – aber so etwas will natürlich niemand erleben.
Als ich nur wenige Monate später das zweite Match gegen Kamsky im Finale des PCA-Zyklus 1995 in Las Palmas spielte, bereitete ich mich viel härter darauf vor und arbeitete an meiner Fitness. Kurz nach der Niederlage gegen Kamsky hatte ich sehr überzeugend das PCA-Kandidaten­match gegen Adams in Linares gewonnen und danach ein gutes Turnier in Argen­tinien gespielt. Deshalb fühlte ich mich gut, auch wenn die Erfahrungen des ersten Wettkampfes natürlich noch in mir steckten. Wenn man gut spielt, vergisst man seine Bedenken schnell. Allerdings begann der Wettkampf holprig, nachdem ich die Auftaktpartie in Gewinnstellung durch Zeitüberschreitung verloren hatte. Aber ich konnte das schnell abschütteln, bekam das Match in den Griff und nahm mit 6,5:4,5 erfolgreich Revanche. Damit war ich Herausforderer von Kasparow.

WM-MATCH GEGEN KASPAROW
Dieses Match 1995, das genau sechs Jahre vor dem Anschlag am 11. September mit der Eröffnungs­zeremonie im World Trade Center begann, war zweifellos eine wichtige Er­fahrung für meine Karriere. Man lernt sehr viel, wenn man sich drei Monate lang auf einen Gegner wie Garri vorbereitet. Das ist eine nützliche Arbeit, von der man auch im Nachhinein profitiert. Ich schöpfte noch viele Jahre aus dem Fundus an Ideen und Analysen, die wir für das Match entwickelt hatten.
Der Wettkampf nahm einen für mich völlig unerwarteten, sehr ruhigen Verlauf mit vielen unspektakulären Remisen zu Beginn. In der 9. Partie ging ich in Führung, alles schien zu meinen Gunsten zu laufen. Aber mit der Niederlage in der 10. Partie fiel plötzlich alles auseinander. Ich habe mich natürlich gefragt, warum ich nicht in der Lage war, dem Druck standzuhalten. Ich hatte jedoch noch nie zuvor ein so langes Match gespielt, während Garri damit große Praxis hatte.
Mein größter Fehler war vermutlich, dass ich nicht flexibel genug war. Mein Team und ich hatten im Vorfeld gute Arbeit geleistet, aber ich war während des Matches etwas zu steif. Bis heute bereue ich, dass ich in der 10. Partie doch noch einmal zum offenen Spanier zurückgekehrt bin, obwohl wir uns als Überraschung Skandinavisch zurechtgelegt hatten. Das gab Kasparow Gelegenheit, seine große Neuerung zu spielen. In diesem Moment kippte der Kampf. Damals war ich auf diesen Umschwung psychologisch nicht vorbereitet. Als ich in der 14. Partie endlich zu Skandinavisch griff, war es bereits zu spät.

(Der Artikel ist auszugsweise wiedergegeben.
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