HOMMAGE NACH RÜCKZUG

Von Harry Schaack

CB-DVD Master Class: Wladimir Kramnik

Mihail Marin, Karsten Müller,
Yannick Pelletier, Oliver Reeh,
Master Class Vol. 11: Vladimir Kramnik,
DVD-Box, ChessBase 2019,
9 Stunden,
29,90 Euro

(Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma ChessBase zur Verfügung gestellt.)

Als Wladimir Kramnik im Januar nach dem Turnier in Wijk aan Zee sein Karriereende bekannt gab, trat einer ab, der selbst unter den Weltmeistern zu den größten zählt. Sein herausragendes strategisches Verständnis und die schon fast sagenhafte Technik, mit der er geringste Vorteile sukzessive zu einem Sieg akkumulierte, sind außergewöhnlich. Gerade rechtzeitig zum Rücktritt des 14. Weltmeisters ist bei ChessBase in der Serie Master Class eine Monographie über ihn erschienen.

Der größte Teil der DVD ist vor dem Karriereende Kramniks produziert worden, weshalb die Kommentare gelegentlich obsolet wirken, wenn etwa gefragt, welchen Einfluss Kramnik künftig aufs Schach nehmen wird. Deshalb gibt es eine kurze Einführung von Karsten Müller, der auf den Rücktritt, der kurz vor Erscheinen der DVD erfolgte, eingeht.

Wie stets in der Master Class-Serie werden die Qualitäten eines Spielers in den unterschiedlichen Partiephasen untersucht. Pelletier beschäftigt sich im ersten Kapitel der DVD mit der Eröffnung. Der Schweizer Großmeister beschreibt Kramnik als einen der wenigen „Denker“ in der Eröffnung. Er besaß ein be­sonderes Gespür für das Potential von Varianten. Sein Einfluss auf die moderne Theorie ist gewaltig. Seine Ideen haben oft den Weg gezeigt, wie man bestimmte Abspiele behandeln muss. Und fast alles, was er anfasste, wurde bald beliebt und so manche Neben- zur Hauptvariante. Kramnik hat viele Eröffnungen für Weiß eingeführt, in denen man einen kleinen, aber langanhaltenden Vorteil bei sehr geringer Verlustgefahr hat. Laut Pelletier ist die Popularisierung der Berliner Verteidigung Kramniks größter Beitrag zur Schachtheorie.

Pelletier beschäftigt sich auch mit dem WM-Match 2000, in dem Kramnik Kasparow bezwang und Weltmeister wurde. Dabei profitierte Kramnik auch davon, dass er der einzige Weltklassespieler war, der keine psychologischen Probleme oder Angst gegen Kasparow hatte. Aber letztlich gewann er, weil seine Vorbe­reitung und seine Matchstrategie extrem tief und klug gedacht waren, meint Pelletier. Kramnik wählte gegen die dynamischen Angriffsqualitäten Kasparows eine Reihe von Systemen mit schnellem Damentausch, wodurch er seine eigenen Stärken ausspielen konnte.

Pelletier erkennt über die Jahre einen Wandel im Stil Kramniks. Seine Eröffnungswahl änderte sich von relativ aggressiven Varianten in den neunziger Jahren zu soliden nach dem Match gegen Kasparow. Doch als er 2008 seinen WM-Titel verlor, kehrte er wieder zu scharfen Systemen zurück.

Nachdem er Weltmeister wurde, spielte Kramnik regelmäßig 1.e4, was nicht ganz seinem Stil entsprach. Doch Mihail Marin meint, Kramnik wollte nicht wie andere Weltmeister in der Vergangenheit nach dem Erringen des Titels stehen bleiben, sondern sich weiterentwickeln und seine taktischen Angriffsressourcen schärfen, die in den offenen mehr als in den halboffenen Stellungen eine Rolle spielen.

In den letzten Jahren hat Kramnik aber versucht – wie auch Carlsen – die Eröffnungsdebatte zu minimieren. Besonders gegen schwächere Gegner wich er schon nach wenigen Zügen von bekannten Pfaden ab, was ihm zwar keinen Eröffnungsvorteil, aber rasch eine spielbare Stellung einbrachte. Der Kampf sollte so früh wie möglich beginnen.

Marin macht in seinem Kapitel deutlich, dass Kramnik einer der vielseitigsten Spieler war. In seinem Spiel vereinen sich alle schachlichen Elemente. Er ist ein Meister des positionellen Druckspiels, gepaart mit taktischen Berechnungen und einer überragenden Intuition bei der Stellungsbewertung, die eine seiner Hauptstärken ist.

Karsten Müller zeigt, dass Kramnik extrem stark in strategischen Endspielen ist. Er hat ein besonders gutes Gefühl für Initiative in asymmetrischen Stellungen. Es mag allerdings überraschen, wie oft er seine Endspiele taktisch zum Gewinn führt. Kramnik ist auch ein Spezialist im Endspieltyp Turm/Springer gegen Turm/Läufer, was man auch in seinen Partien gegen Fritz in Bahrain sieht, wo er das Computer­programm zweimal in solchen Endspielen bezwingen konnte.

Zudem finden sich auf der DVD von Oliver Reeh präsentierte interaktive Taktikaufgaben, eine Datenbank mit allen Partien Kramniks, sein Eröffnungsrepertoire sowie ein Lebenslauf.

Nach dem Durchsehen dieser DVD befällt einen etwas Wehmut, wenn man bedenkt, dass dieser große Spieler fortan nicht mehr die Schachwelt mit seinen genialen Schöpfungen bereichern wird.

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