AUS PORZELLAN, ACHAT,
BERGKRISTALL UND JASPIS

32 kostbare Schachfiguren Herzog Carl Eugens von Württemberg

Von Matthias Ohm und Katharina Küster-Heise

Schachfigurenset des Herzog Carl Eugens von Württemberg
Abb. 1: Die Figuren aus Porzellan und Halbedelsteinen vor dem Futteral aus rotem Leder (Landesmuseum Württemberg, Stuttgart, Foto: Hendrik Zwietasch)

Carl Eugen von Württemberg – eine kleine Figur im großen europäischen Spiel

Bereits im Alter von neun Jahren wurde Carl Eugen (1728–1793) Herzog von Württemberg, weil sein Vater früh verstorben war. Zunächst stand der junge Herrscher unter der Vormundschaft seiner Onkel, mit 16 Jahren wurde er für voll­jährig erklärt und konnte die eigenständige Regierung antreten.
Württemberg als aufstrebendes Herzogtum im deutschen Südwesten war für Preußen, das mit Österreich um die Vorherrschaft in Deutschland kämpfte, von besonderem Interesse. Dem preußischen König Friedrich II. („dem Großen“) gelang es, den jungen württembergischen Prinzen an seinen Hof zu holen und ihn dort auszubilden. Um die Verbindung zwischen Preußen und Württemberg noch weiter zu stärken, verheiratete der Preußenkönig seine Nichte Elisabeth Friederike Sophie von Brandenburg-Bayreuth mit Carl Eugen von Württemberg.

Herzog Carl Eugens Schachfiguren
Abb. 2: Aus Böttcherporzellan mit Email- und Lackfarben: weißer König und weiße Dame (Landesmuseum Württemberg, Stuttgart, Foto: Hendrik Zwietasch)

 

Schwarze Schachfiguren des Herzog Carl Eugens von Württemberg
Abb. 3: Ebenfalls aus Porzellan: schwarzer König und schwarze Dame (Landesmuseum Württemberg, Stuttgart, Foto: Hendrik Zwietasch)

 

Carl Eugen und seine Schachfiguren – eine lebenslange Beziehung

Als Carl Eugen im Jahr 1741 nach Berlin reiste, nahm er eine Vielzahl wertvoller persönlicher Gebrauchsgegenstände mit, wie eine mit Perlmutter verzierte Schreibtafel, einen mit Brillanten besetzten Degen oder Speiseservice aus Porzellan oder Silber. Diese kostbaren Objekte wurden in eigens dafür angefertigten Futteralen und Kästen transportiert. Unter den Gegenständen, die Carl Eugen mitgegeben wurden, war auch ein „Schachspiel von allerhand Steinen“, also Schachfiguren aus unterschiedlichen Halbedelsteinen.
Als Carl Eugen im Jahr 1793 verstarb, hatte er Württemberg fast ein halbes Jahr­hundert lang regiert. Sein ganzes Leben hatte ihn sein Schachspiel begleitet, wie die starken Gebrauchsspuren und wiederholten Reparaturen an den 32 Figuren belegen. In der Auflistung seines Besitzes, die bald nach seinem Tod angelegt wurde, ist auch ein Schachspiel in rothem Futteral von allerhand gefärbten Steinen erwähnt. Kurz darauf wurden Teile seines Besitzes zum Verkauf freigegeben, darunter auch die Schachfiguren (Abb. 1 und 4).

Schachfiguren-Etui des Herzog Carl Eugens von Württemberg
Abb. 4: Die Figuren aus Porzellan und Halbedelsteinen in ihrem Futteral (Landesmuseum Württemberg, Stuttgart, Foto: Hendrik Zwietasch)

 

Aus Edelstein und Porzellan – die 32 Figuren

Wie es dem Status ihres hochadeligen Besitzers entsprach, waren die 32 Schachfiguren Carl Eugens von Württemberg aus kostbarsten Materialien hergestellt. So wurden für die Türme, Läufer, Springer und Bauern Achat, Bergkristall und Jaspis verwendet.
Dagegen sind die beiden Könige und Damen aus Böttgerporzellan gefertigt, das mit Email- und Lackfarben bemalt wurde. Bei den vier Figuren handelt es sich um sogenannte Pagoden. Diese Darstellungen von Chinesen waren in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts sehr populär. Die Chinamode erfasste alle europäischen Höfe und spiegelte sich nicht nur in der Architektur mit Porzellan- und Lack­kabinetten in den Schlössern, sondern auch in der angewandten Kunst wider. Für das Schachspiel Carl Eugens ver­wendete man ebenfalls vier dieser Chinoiserien (Abb. 2 und 3).
Vermutlich um die schnelle und eindeutige Unterscheidung der Könige von den Damen sowie zwischen den Läufern und Springern zu gewährleisten, wurden die beiden Könige sowie die acht Leicht­figuren mit silbernen, teilweise vergoldeten Buchstaben bekrönt, die den jeweiligen Anfangsbuchstaben der Figur angeben: K, L und S.
Für Transport und Aufbewahrung der Figuren wurde ein rotes Lederfutteral gefertigt, in dessen Vertiefungen die 32 Figuren liegen oder stehen (Abb. 4). Auf seiner Vorderseite trägt das Futteral in Gold eingeprägt das württembergische Wappen, wie es seit 1789 verwendet wurde: in der Mitte die drei Hirschstangen, das Familienwappen des Hauses Württemberg, umgeben von sechs weiteren Feldern, die Besitzungen und Ehrentitel des württembergischen Herzogs repräsentieren.
In beiden Quellen – zu Beginn seines Lebens und nach seinem Tod – ist jeweils nur von Schachfiguren die Rede, nicht aber von einem zugehörigen Brett. Dies klingt für uns heute überraschend, war im 18. Jahrhundert aber nichts Außer­gewöhnliches, führten doch die adeligen Spieler auf Reisen jeweils ihre eigenen Figuren mit sich. Die Steine kamen auf Spieltischen mit intarsierten Schach­brettern zum Einsatz, wie sie in allen Schlössern des 18. Jahrhunderts zum üblichen Inventar gehörten.

Delphin-Stempel
Abb. 5: Der niederländische Quittungsstempel: ein Delphin (Landesmuseum Württemberg, Stuttgart, Foto: Moritz Paysan)

 

In die Niederlande – und wieder zurück nach Württemberg

Nach dem Tod Herzog Carl Eugens wurden die Schachfiguren an eine niederländische Adelsfamilie verkauft. Beim Überqueren der Grenze überprüfte der Zoll das Silber und erhob Gebühren. Als Beleg für die geleisteten Abgaben schlug der Zoll winzige Stempel in die silbernen Teile. So trägt die Figur des weißen Königs auf ihrer Bekrönung einen nieder­ländischen Gebührenstempel vom Anfang des 19. Jahrhunderts: Er zeigt einen nach links schwimmenden Delphin in einem Dreieck (Abb. 5).
Nach über zwei Jahrhunderten kehrte das Schachspiel im Sommer 2018 zurück nach Württemberg. Mithilfe der Museums­stiftung Baden-Württemberg und mit Lotto-Mitteln konnte das Landesmuseum Württemberg die 32 Figuren und ihr Lederfutteral erwerben. Seit Ende Februar 2019 ist das Schachspiel im Alten Schloss in Stuttgart zu bewundern.
Um an die engen Beziehungen zwischen Württemberg und Preußen zu Beginn der Amtszeit von Carl Eugen zu erinnern, sind die Figuren nicht in der Grund­stellung zu sehen, sondern nach den Zügen 1.e2-e4 e7-e5 2.Sg1-f3 Sb8-c6 3.Lf1-c4 Sg8-f6 4.Sf3-g5 d7-d5.

Quellen:

Landesarchiv Baden-Württemberg – Hauptstaatsarchiv Stuttgart, G 230 Bü 13, Bü 135 und Bü 136.

Autoren:

Dr. Matthias Ohm leitet die Ab­teilung Kunst- und Kulturgeschichte, Dr. Katharina Küster-Heise das Ressort Älteres Kunsthandwerk am Landesmuseum Württem­berg in Stuttgart.

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