DIE FAUST NACH OBEN

Von Harry Schaack

Wladimir Kramnik Cover

Carsten Hensel,
Wladimir Kramnik.
Aus dem Leben eines Schachgenies,
Verlag Die Werkstatt, 2018,
Hardcover, 286 S.,
24,90 Euro

(Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise vom Verlag Die Werkstatt zur Verfügung gestellt.)

Wladimir Kramnik gehört zweifellos zu den größten Schachpersönlichkeiten, Gelfand hält ihn sogar für den einflussreichsten Eröffnungstheoretiker der Schachgeschichte. Umso mehr verwundert es, dass es bislang keine aktuelle Biographie zum 14. Weltmeister gab. Jetzt hat dessen langjähriger Manager Carsten Hensel diese Lücke geschlossen. Der Dortmunder hat Kraminiks Laufbahn während seiner turbulenten Weltmeisterjahre eng begleitet.

Für Hensel war dieses Buch auch eine Möglichkeit, seine eigene Lebenskrise zu überwinden. Nach zwei Herzinfarkten 2015 gab ihm die Arbeit an diesem Buch, die auch ein Blick zurück auf sein eigenes Leben ist, wieder Kraft. Um Verklärungen in der Erinnerung zu korrigieren und Fakten zu überprüfen, hat Hensel seine damaligen Aufzeichnungen aus seinem Notizbuch sowie Berichte und Gespräche aus jenen Tagen konsultiert, um ein möglichst
objektives Bild zu zeichnen.

Kramnik war ein Wunderkind und sein außerordentliches Schachverständnis war schon früh zu erkennen. Mit vier erlernte er das Spiel, mit zwölf entdeckte ihn Botwinnik, 1991 wurde er Juniorenweltmeister. Aber Hensel macht deutlich, dass dieses Schachgenie eine ambivalente Kindheit hatte, bei der Erfolge zwar früh zur Selbstbestätigung beitrugen, aber auch hartes tägliches Training den Alltag bestimmte.

Kramniks Weg in die Weltspitze war stringent. Spätestens als ihn Kasparow entdeckte, ihn gegen alle Kritik 1992 ins russische Olympiateam holte und der damalige FM mit 8,5/9 und einer Elo-Leistung von 2958 nicht nur den Brettpreis gewann, sondern auch das beste Ergebnis aller Teilnehmer erspielte, wurde die Öffentlichkeit auf ihn aufmerksam. Kurz danach war er in der Weltspitze angelangt, in der er bis heute – 25 Jahre später – geblieben ist.

Für Hensel ist Kramnik vor allem ein Künstler. Die Schönheit ist für sein Spiel eine größere Triebfeder als der sportliche Erfolg. In seiner Anfangsphase fehlt diesem Ausnahmetalent allerdings Disziplin. Erst als sein Lebensstil professioneller wird, holt er den WM-Titel. Dank einer akribischen Vorbereitung, in der sich die Berliner Verteidigung als Schlüssel zum Erfolg erweist, entthront er in London 2000 Kasparow und wird 14. Weltmeister. Danach wird Hensel sein Manager.

Die stärksten Momente des Buches liegen in Hensels Inneneinblicken, die man so teils noch nicht gelesen hat. Er berichtet darüber, wie Kramnik nach dem Kasparow-Match in ein Loch fiel, wie es bei vielen Sportlern der Fall ist, nachdem sie ein großes Ziel erreicht haben. Er schildert die endlosen Verhandlungen mit der FIDE um die Überwindung des Schismas, die sich wieder und wieder zerschlugen, und wie sich Kramnik immer dafür einsetzte, das klassische Matchformat beizubehalten.

Gelegentlich liest man auch unterhaltsame Anekdoten. Als Kramnik 2002 in Bahrain gegen Deep Fritz 7 ein Mensch-Maschine-Match spielt, ist es so heiß, dass die Figuren vor Spielbeginn im Kühlschrank gekühlt werden mussten, da ansonsten die Kontakte des Sensorenbrettes nicht funktionierten. Nach diesem Match hatte Kramnik Mühe, wieder in seinen Spielrhythmus zu finden, nachdem er sich so lange auf die Spielweise des Computers eingestellt hatte.

Das WM-Match zwischen Kramnik und Leko, das 2004 am Lago Maggiore stattfand, war der schwierigste Wettkampf für Hensel. Als Manager musste er beiden Spielern gerecht werden, da er seit 1998 auch den ungarischen Herausforderer betreute. Der Verlauf des Duells war dramatisch, auch hinter den Kulissen. Hensel erzählt von Kramniks Gichtanfällen und dass das Match wegen dessen Gesundheitszustand kurz vor dem Abbruch stand. Nach dem Verlust der 8. Partie musste Kramnik wegen schwerer Panikattacken ins Krankenhaus. Die 9. Partie spielte er unter starken Beruhigungsmitteln. Aber Leko machte schnell Remis und rettete seinen physisch und psychisch stark angeschlagenen Gegner, der sich am Matchende wieder erholt hatte. Hätte Leko diese 9. Partie ausgespielt, wäre er wahrscheinlich Weltmeister geworden – davon ist Hensel überzeugt.

2005 brach Kramniks schwere chronische Rheuma-Erkrankung voll aus. Es war das schlechteste Jahr seiner Karriere. Vor Schmerzen konnte er nicht mehr denken. Erst nach einer sechsmonatigen Spielpause bekamen die Ärzte die Krankheit in den Griff.

2006 kam es endlich zum Wiedervereinigungsmatch zwischen Kramnik und Topalow, das sich zum Skandal entwickelte und als Toiletgate in die Geschichte einging. Weil der Bulgare die ersten beiden Partien unglücklich verlor, sorgte sein Team mit anhaltenden Betrugsvorwürfen für Unruhe, die schließlich eskalierte und zu einem kampflosen Verlust Kramniks und fast zum Match-Abbruch führten. Am Ende gewann Kramnik im Schnellschach und reckte, wie schon nach den Siegen gegen Kasparow und Leko, als Symbol seines Triumphes ein drittes Mal die Faust in die Höhe. Hensel meint, dass die Topalow-Seite dieses Protestszenario von vornherein geplant hatte, falls es sportlich nicht laufen sollte. Und Kramnik konstatiert, dieser WM-Kampf sei die schwierigste Situation seiner Laufbahn gewesen.

Um die Wiedervereinigung abzuschließen, fand 2007 in Mexiko unter chaotischen Bedingungen ein WM-Turnier statt, das Anand gewann. 2008 war Hensel dann auch in die Organisation des WM-Matches in Bonn involviert. Diesmal war es Kramnik, der von seinem Gegner Anand auspräpariert wird. Wieder gibt Hensel interessante Einblicke: Trotz der intensivsten Vorbereitung seiner Karriere gelang es Kramnik und seinem Team nicht, brauchbare Eröffnungsideen für das Match zu kreieren. Kramnik hatte wegen einer Reihe von Absagen sein Wunsch-Sekundantenteam nicht aufbieten können. Hensel meint gar, Kramnik sei wegen seiner misslungenen schachlichen Vorbereitung wohl von vornherein ziemlich chancenlos gewesen.

Nach dem Verlust des Titels gingen Hensel und Kramnik getrennte Wege. Kramnik dachte längere Zeit darüber nach, das Schach aufzugeben und in die Politik oder die Wirtschaft zu wechseln.

Die Jahre nach 2008 werden von Hensel nur knapp behandelt. Der Band schließt mit Einschätzungen einiger Spitzenspieler zu Kramniks Spielstil, Kurzbiografien zu allen Weltmeistern, sowie den unkommentierten Notationen aller WM-Partien Kramniks. Hensel hat vor allem ein Lesebuch geschrieben, lässt allerdings immer wieder Kramnik selbst zu Wort kommen, der erhellende Beschreibungen zu seinen wichtigsten Partien liefert.

Diese Biografie behandelt auch ein Stück jüngerer Schachgeschichte, von jemandem erzählt, der ganz nah an den Geschehnissen war. Auch wenn Hensel gelegentlich etwas zu sehr die von ihm als ungerechtfertigt empfundene öffentliche Medienkritik an Kramnik betont, die sich aber vor allem gegen den verhaltenen Spielstil nach dessen Titelgewinn richtete, ist ein sehr lesenswertes Werk entstanden.

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