Martin Fischer,
Jahrgang 1962,
führt als Rechtsanwalt
seine eigene Kanzlei
in Norderstedt. Daneben
ist er der Turnierleiter
auf dem Server playchess.com .
Er spielt beim
SK Norderstedt in der
Landesliga (DWZ ca. 2120).



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James Rizzitano,
Understanding Your Chess,
Gambit-Verlag
,
192 Seiten, € 24,95



von Martin Fischer

 

Die KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne wird etwa alle ein bis drei Wochen aktualisiert und präsentiert Rezensionen aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur, Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum aktuellen Schachgeschehen.

 

HILFE ZUR SELBSTHILFE ODER REINE PARTIENSAMMLUNG?

Schon seit längerem fällt auf, dass der Gambit-Verlag immer wieder auch unbekannten Autoren die Chance gibt zu veröffentlichen. Das hier vorgestellte Buch von James Rizzitano fällt in diese Kategorie. Allerdings trägt es einen viel versprechenden Titel. Wenn man schon keine Chance hat, Schach zur Gänze zu verstehen, dann wäre es doch ganz nett, wenigsten das eigene Schach zu verstehen. Und lautet nicht einer der meist zitierten – und wohl auch meist ignorierten – Tipps zur Verbesserung der Spielstärke, die eigenen Partien zu analysieren? Würde man ja auch gerne machen, wenn die eigenen Partien nicht zu schlecht oder zu ideenlos wären oder man wüsste, wie es geht. Was den letzten Punkt angeht, so verspricht Rizzitanos Titel Abhilfe. Aber Fragen bleiben: wer ist Rizzitano, macht es Spaß das Buch zu lesen und erfüllt es den eigenen Anspruch?

James Rizzitano, so verrät das Vorwort, hat in der Zeit von 1976 bis 1989 das Schachgeschehen in Neu-England und Umgebung dominiert. Er startete in 336 Turnieren und gewann nicht weniger als 157 davon. Allerdings war Rizzitano kaum international aktiv, was erklären dürfte, warum er es nur zum IM und nicht zum GM gebracht hat. 1989 entschloss er sich dann, das Schach zu Gunsten einer bürgerlichen Existenz – soweit dieser Ausdruck bei einem Software-Spezialisten angemessen erscheint – aufzugeben. Aber 2003 verfiel er der Droge Schach erneut. Als Vorbereitung in den Wiedereinstieg analysierte er seine Partien von damals, diesmal mit Hilfe von Schach-Software. Das Resultat ist das vorliegende Buch.

Beim ersten Durchblättern des Buches gewinnt man den Eindruck, es handele sich um eine Partiensammlung im Stile von „My best Games ...“. Aber warum sollte man die Partiesammlung eines kaum bekannten Internationalen Meisters nachspielen? Wer jedoch nach diesem ersten Eindruck urteilt und das Buch zur Seite legt, der begeht wohl einen Fehler.

Es stimmt, es handelt sich um eine Partiensammlung. Aber die Liste der Gegner von Rizzitano ist nicht von Pappe, denn Namen wie Alburt, Benjamin, Christiansen, Miles oder Tal, um nur einige zu nennen, belegen, dass Rizzitano mit seiner Spielstärke deutlich über dem Niveau einer regionalen Größe liegt. Wesentlich wichtiger als die Liste der Gegner ist allerdings, dass alle Partien (sowie einige Partiefragmente) ausführlich und instruktiv kommentiert sind. Mit diesen Kommentaren erfüllt der Autor seinen im Titel formulierten Anspruch.

In neun Kapiteln mit unterschiedlichen Schwerpunkten (z. B. Das Spiel gegen einen Giganten, Taktische Scharmützel oder Endspielabenteuer) analysiert der Autor seine Partien und zieht Schlüsse für die Verbesserung des eigenen Spiels. Der Leser erhält zahlreiche Hinweise, wie man seine Partien analysieren sollte und welche Schlüsse man aus ihnen ziehen kann und sollte. Also jede Menge Tipps für die Verbesserung des eigenen Spiels. Allerdings wird der Leser, der nach einfachen Patentrezepten sucht, nicht fündig. Aber wenn Schach so einfach wäre, würden wir es dann noch spielen?

Aber das für mich Faszinierende an diesem Buch ist der Blick über den großen Teich, in eine Turnierwelt, die uns Europäern weitgehend unbekannt ist und Kuriositäten wie das Marathon-Schach (30 Stunden nonstop,12 Runden (S. 43) hervorbringt. Besonders interessant dabei ist die für europäische Verhältnisse, extrem pragmatische und auf den sportlichen Erfolg konzentrierte Einstellung der amerikanischen Spieler zum Schach. Es werden keine prinzipiellen Züge gemacht oder grundsätzliche Fragen gestellt. Entscheidend ist immer wieder, wie mache ich den Punkt, rette das Remis? Damit verbunden sind eine ganze Reihe praktischer Tipps, die für den Klub- und Turnierspieler hilfreich sein werden.

Derjenige, dessen Englisch halbwegs sicher ist und der Freude an umkämpften, nicht immer fehlerfreien, Partien hat, wird mit diesem Buch gut bedient sein. Vorausgesetzt, man ist bereit, Zeit in Buch und Partien zu investieren. Wer hingegen nach einer einfachen Checkliste zur Partieanalyse oder nach simplen Rezepten für das Aufspüren eigener Unzulänglichkeiten sucht, dessen Erwartungen werden nicht erfüllt.


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