Jewgeni Alexejew &
Gennadi Nesis:
Königsindische
Verteidigung
- richtig gespielt,
205 S.,
gebunden,
Verlag Beyer 2010,

19,80 Euro.


Das Belegexemplar
wurde freundlicherweise
von der Firma
Joachim Beyer Verlag

zur Verfügung gestellt.









von Harry Schaack

Die KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne präsentiert Rezensionen aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur, Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum aktuellen Schachgeschehen.

 

IDEENSAMMLUNG

Königsindisch ist im Laufe seiner Geschichte schon mehrfach unter Druck geraten und gar tot gesagt worden. Als z.B. Wladimir Kramnik in den neunziger Jahren mit b4 im Klassischen System, dem Flaggschiff des Königsinders, große Erfolge mit Weiß feierte, galt dies als Widerlegung, und selbst der wohl renommierteste Verfechter dieser Eröffnung, Garri Kasparow, legte seine Lieblingswaffe gegen 1.d4 nieder. Doch neue Generationen wie Teimour Radschabow oder Magnus Carlsen demonstrieren heute eindrucksvoll, wie effektiv diese scharfe Eröffnung auch im Computerzeitalter ist.

Das im Joachim Beyer Verlag erschienene Königsindische Verteidigung - richtig gespielt ist eine Sammlung von 60 Partien, die das gesamte Spektrum des Königsinders abdecken. Unter Federführung von Gennadi Nesis - seines Zeichens Fernschachvizeweltmeister und ehemaliger Trainer von FIDE-Weltmeister Alexander Khalifman - bietet das in Hardcover hochwertig produzierte Buch eine Übersicht über eine der schärfsten schwarzen Erwiderungen auf 1.d4. Die drei größten Kapitel beschäftigen sich mit dem Fianchetto-System, Sämisch und der Klassischen Variante. Daran schließt sich ein kürzeres Kapitel über den Vierbauernangriff an. Awerbach sowie die h3-Systeme sind subsumiert unter "Seltene Varianten".

Die Autoren präsentieren wichtige Meilensteine zu den einzelnen Abspielen, wobei auch historisch relevante Begegnungen berücksichtigt werden. Gerade in älteren Partien lassen sich Pläne und Grundideen einer Eröffnung noch recht klar erkennen, wogegen heute wirkungsvolle Pläne von beiden Seiten frühzeitig durchkreuzt werden. So zeigte Svetozar Gligoric in seiner berühmten Modellpartie gegen Miguel Najdorf, Mar del Plata 1953, im Klassischen System alle wichtigen Ideen des Schwarzen in Reinform. Der Jugoslawe demonstriert das fragile Gleichgewicht zwischen Verteidigung und Angriff vorbildlich. Mit Sd7 verhindert er zunächst c5, dann schützt er vorbeugend mit Tf7, Lf8, Sf6-e8 die Einbuchfelder am Damenflügel, und setzt schließlich mit Tg7 und Sh8-f7-h6 den Durchbruch g4 mit entscheidendem Königsangriff durch.

Beim Durcharbeiten des Buches bekommt man den Eindruck, dass die Analysen teils länger zurückliegen. Vergleicht man die Partien, so überschneiden sich zuweilen die einführenden Anmerkungen. Auch verweise unter den einzelnen Partien sind nur teilweise gegeben. Hier hätte man etwas mehr Sorgfalt erwarten können und die einzelnen Partien aufeinander abstimmen sollen.

Die Anordnung z.B. im Bereich des Klassischen Systems ist teils etwas seltsam. Am Ende schließen sich noch einmal Partien mit dem Sd2 bzw. Se1-System an, die thematisch schon zu Beginn des Kapitels behandelt wurden. Auch eine chronologische Rechtfertigung ist hier nicht zu erkennen.

Schließlich stimmen seltsamerweise die Zug-Reihenfolgen bei einigen Notationen nicht mit den ChessBase-Daten überein, was die Auffindung in der Datenbank zuweilen erschwert. Ob der Fehler in der Datenbank oder in Buchnotation liegt, war nicht festzustellen.

Positiv zu bemerken ist jedoch, dass es den Autoren gut gelingt, die geschichtliche Entwicklung einer Variante darzustellen. Jeder Komplex ist mit einer kurzen, aber anschaulichen Einleitung versehen, die die Grundsätze des jeweiligen Systems erläutert. So weisen die Autoren z.B. darauf hin, dass das Vierbauernsystem das am wenigsten erforschte Abspiel des Königsinders ist und dass hier noch viele Überraschung zu erwarten sind. Dass starke Spieler wie Baadur Jobawa regelmäßig und erfolgreich auf diese Waffe zurückgreifen, unterstreicht diese Ansicht. Erfreulich - bei Autor Gennadi Nesis aber nicht verwunderlich - ist, dass mehrere Fernpartien Eingang in das Werk gefunden haben.

Königsindische Verteidigung - richtig gespielt ist als Einführung in die komplexe Welt des Königsinders gut geeignet, weil es die Ideen und die dynamischen Möglichkeiten dieser Verteidigung an wichtigen Partien der letzten Jahrzehnte aufzeigt. Und darum ging es den Autoren, weniger um neue Analysen und innovative Vorschläge. Nichts ist besser geeignet, als glanzvolle Siege, um für eine Eröffnung zu begeistern. Dank Spielern wie Bronstein, Gligoric, Geller, Fischer, Nunn, vor allem aber Kasparow und jüngst Radschabow gibt es im Königsindisch daran keinen Mangel.

 

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