Ljubomir Ftácnik,
The Sicilian Defence
Quality Chess 2010,
gebunden,
427 S.,
35,99 Euro


Die Belegexemplare
wurden freundlicherweise
von der Firma
Schach E. Niggemann

zur Verfügung gestellt.

 








von Thomas Feldtmann

Die KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne präsentiert Rezensionen aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur, Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum aktuellen Schachgeschehen.

 

BEREICHERUNG MIT LÜCKEN

Das Buch The Sicilian Defence von Lubomir Ftacnik ist im Sommer 2010 als sechster Band der Grandmaster-Repertoire-Serie im Quality-Chess-Verlag erschienen. Auf über 400 Seiten stellt der slowakische Großmeister dem Leser ein vollständiges Repertoire gegen 1.e4 vor, das auf dem Najdorf-System 1...c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 a6 basiert. Schon beim ersten Durchblättern fällt ins Auge, mit welchem Fleiß und Enthusiasmus der Autor ans Werk gegangen sein muss; hinter den Hunderten von Neuerungen dürften sich viele Stunden Analysearbeit verbergen. Es entspricht dem Charakter der Eröffnung, dass Ftacnik seine Ergebnisse fast ausschließlich in Form konkreter Zugfolgen präsentiert; eine Zusammenstellung typischer Pläne und Motive fehlt, und der Text ist überwiegend begleitender Natur. Ähnlich wie zum Beispiel Khalifman und Avrukh in ihren Repertoireserien gelingt es Ftacnik dabei immer wieder, mit wenigen Halbsätzen Stellungseinschätzungen nachvollziehbar zu begründen und dem Leser Hinweise für das anstehende Mittelspiel zu geben. Die Texte sind in einem locker-humorvollen Ton geschrieben, ohne dabei aufdringlich zu wirken. Als besonderes Bonbon sind die Kapitel des Buches mit den Titeln berühmter Kinofilme überschrieben, die auf mehr oder weniger offensichtliche Art den Inhalt des jeweiligen Abschnitts andeuten.

Von der Thematik und der Zielgruppe her ist Ftacniks Buch mit drei anderen Repertoirewerken vergleichbar, die in diesem Jahrtausend erschienen sind, und zwar mit Play the Najdorf: Scheveningen Style von John Emms (Everyman 2003), Mastering the Najdorf von Julen Arizmendi und Javier Moreno (Gambit 2004) sowie The Sharpest Sicilian von Kiril Georgiev und Atanas Kolev (Chess Stars 2007). Im Gegensatz zu den beiden erstgenannten Werken ordnet Ftacnik wie Georgiev und Kolev sein Material in Variantenbäumen anstatt es in die Kommentare von Musterpartien einzuflechten. Im Najdorf-System sprechen gute Gründe dafür, gegen 6.Lc4, 6.Lg5 und 6.h3 auf die Antwort 6...e5 zu verzichten; dagegen ist es nach allen anderen weißen Zügen eine Frage des Geschmacks, ob Schwarz zum Najdorf-Zug 6...e5 greift oder mit 6...e6 in die Scheveninger Struktur überleitet. Während Arizmendi/Moreno und Georgiev/Kolev auf 6...e5 setzen, bevorzugt Ftacnik wie Emms generell 6...e6. Amüsanterweise empfehlen die beiden Bulgaren gegen 6.g3 ausnahmsweise 6...e6, während Ftacnik ausgerechnet in diesem Fall der Najdorf-Zug sympathischer ist. Ansonsten bleibt The Sicilian Defence jedoch dem Scheveninger Aufbau treu, wobei Ftacnik gegen die klassische Hauptvariante 6.Lg5 und den englischen Angriff 6.Le3 mit 6...Sbd7 beziehungsweise 6...e5 jeweils auch eine Alternative anbietet. Die Vermehrung des Eröffnungswissens im Laufe der Zeit spiegelt sich darin wieder, dass die genannten Najdorf-Bücher in der Reihenfolge ihres Erscheinens immer umfangreicher geworden sind. Ftacnik hält klar den Rekord, behandelt im Gegensatz zur Konkurrenz allerdings auch den Komplex der Antisizilianer.

Um einen Eindruck von Ftacniks Repertoire und seiner Arbeitsweise zu vermitteln, werde ich vier Kapitel genauer unter die Lupe nehmen, die mich besonders interessiert haben.

Die Alapin-Variante 1.e4 c5 2.c3 mit ihrer Tendenz zu trockenen und technischen Stellungen verdirbt nicht wenigen kämpferisch aufgelegten Schwarzspielern die Freude am Sizilianer. In seinem vielsagend mit „Forrest Gump“ überschriebenen Kapitel schlägt Ftacnik gleich zwei verschiedene ambitionierte Systeme als Gegenmaßnahme gegen Frustration und Langeweile vor. Zum einen weist er überzeugend nach, dass 2...d6 3.d4 Sf6 zu Unrecht von der Theorie für schwächer als 2...d5 und 2...Sf6 gehalten wird. Zum anderen zeigt er auf, welche Ressourcen das selten gespielte 2...d5 3.exd5 Dxd5 4.d4 g6!? dem Schwarzen im Gewinnsinne bietet. Die Abschnitte zu weiteren unerfreulichen Systemen wie zum Beispiel dem Grand-Prix-Angrif 2.Sc3 d6 3.f4, dem geschlossenen Sizilianer 2.Sc3 d6 3.g3, der Moskau-Variante 2.Sf3 d6 3.Lb5+ und der ungarischen Variante 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Dxd4 sind mit interessanten Neuerungen gespickt. Natürlich kann auch Ftacnik nicht in jedem Antisizilianer das Rad neu erfinden, und im Kern stimmen die meisten seiner Empfehlungen mit den im Literaturverzeichnis aufgeführten Werken Anti-Sicilians: A Guide for Black von Dorian Rogozenko (Gambit 2003) und Fighting the Anti-Sicilians von Richard Palliser (Everyman 2007) überein. Unangenehm fällt auf, dass einige Systeme offenbar vergessen worden sind – zum Beispiel 2.f4 oder 2.a3, worüber immerhin bei Chess Stars ein ganzes Buch erschienen ist – und nicht immer alle relevanten Quellen ausgewertet worden sind. Zum Beispiel hängt auch Ftacnik der weit verbreiteten Mär an, gegen das Flügelgambit 2.b4 könne Schwarz mit 2... cxb4 3.a3 d5 bequem ausgleichen, was die mit Gambiteer I von Nigel Davies (Everyman 2007) und Band 29 der Zeitschrift Kaissiber vertrauten Weißspieler mit Freude lesen dürften. Der einzige mir bekannte Autor, der selbst bei exotischen Nebenvarianten fast nie derartige Unterlassungssünden begeht, ist Alexander Khalifman, dessen Repertoireserien bei Chess Stars aber gerade aus diesem Grund jedes vernünftige Maß sprengen. Viel wichtiger ist da, mit welcher Gründlichkeit Ftacnik die kritischen Hauptvarianten nach 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 a6 behandelt.

Gegen das klassische 6.Le2 empfiehlt Ftacnik wie erwähnt den Scheveninger Aufbau mit 6...e6. Diese Entscheidung führt nicht nur zu komplizierteren und anspruchsvolleren Stellungen als 6...e5, sondern auch zu einem unübersichtlichen Labyrinth von Untervarianten und Zugumstellungen. Ftacnik unternimmt gar nicht erst den Versuch, jede Abzweigung zu analysieren, sondern möchte dem Leser durch das gründliche Studium einiger Hauptvarianten den Ariadnefaden an die Hand geben. Dies kann allerdings nur funktionieren, wenn der Autor die Hauptvarianten zuverlässig auswählt. Im Gegensatz zu Emms entwickelt Ftacnik die schwarze Dame nach c7, bevor er den Springer b8 zieht. Diese Zugfolge hat den Vorteil, dass früher Aggressivität des Weißen im Zentrum oder am Königsflügel oft mit sofortigem b7-b5 begegnet werden kann. Dies ist natürlich auch Emms bewusst, der nach 7.0-0 Le7 8.f4 0-0 9.Le3 trotzdem 9...Sc6 bevorzugt, weil er auf 9...Dc7 das gefährliche 10.g4 befürchtet. Obwohl es sich hierbei um einen häufig gespielten Zug handelt und das Buch von Emms im Literaturverzeichnis aufgeführt ist, geht Ftacnik mit keiner Silbe auf 10.g4 ein.

Gegen den englischen Angriff 6.Le3 hat Ftacnik mit 6...e5 7.Sb3 Le6 8.f3 h5!? Und 6...e6 7.f3 b5 8.Dd2 b4 zwei kompromisslose Antworten im Angebot, die unter anderem durch einige Partien Veselin Topalovs auf allerhöchstem Niveau populär geworden sind. Da der schwarze Randbauernzug in der erstgenannten Variante weißes g2-g4 verhindert, gleichzeitig aber den schwarzen Königsflügel schwächt ohne zum Spiel im Zentrum beizutragen, erscheint es konsequent, in das System mit Le2 und kurzer Rochade überzuleiten. Nach 9.Le2 Sbd7 10.0-0 Le7 11.a4 Dc7 12.Dd2 0-0 13.Tfd1 Tfd8 betrachtet Ftacnik nur 14.a5, was nach seinen Analysen zu sehr komfortablem Spiel für Schwarz führt. Leider hat er es versäumt, Dismantling the Sicilian von Jesus de la Villa (New in Chess 2009) zu konsultieren, ein schwergewichtiges Repertoirebuch für Weiß, das als ernsthafter Konkurrent von Experts versus the Sicilian aus dem Quality-Chess-Verlag gelten muss. Der spanische Großmeister gibt 14.a5 ein Fragezeichen und empfiehlt stattdessen 14.Sd5 als Weg zu einem kleinen weißen Vorteil. Auch in der anderen oben genannten Variante schlägt de la Villa eine präzise Zugfolge vor, die von Ftacnik unerwähnt bleibt.

Die Variante 6.Lg5 galt viele Jahre als direkter Widerlegungsversuch des Najdorf-Systems. Aus theoretischer Sicht hat dieser Zug inzwischen ein wenig von seinem Schrecken verloren, ist aber bis in die Weltspitze hinauf eine gefährliche praktische Waffe geblieben. Insbesondere in Amateurkreisen stellt sich außerdem ehrgeizigen Spielern die Frage, wie man gegen 6.Lg5 auf Gewinn spielen kann. Die Vergiftete-Bauern-Variante 6...e6 7.f4 Db6 und die Gelfand-Variante 7...Sbd7 haben einen soliden theoretischen Status, gestatten dem Weißen aber mehrere Möglichkeiten, das Remis zu forcieren. Die Polugaevsky-Variante 7...b5 und das Richter-Rauzer-ähnliche 7...Sc6 befinden sich eher am anderen Ende des theoretischen Spektrums, und die klassische Variante mit 7...Le7 bietet nur geringe Gewinnchancen. Sowohl Emms als auch Arizmendi/Moreno empfehlen die Kasparov-Variante 7...Dc7, die einen vernünftigen Kompromiss zwischen Solidität und Chancenreichtum darstellt. Ftacnik präsentiert zwei gänzlich andere Herangehensweisen an das Eröffnungsproblem. Der erste Ansatz besteht in 6...e6 7.f4 h6, was gelegentlich als Browne-Variante bezeichnet wird, auch wenn der US-amerikanische Großmeister den Randbauern erst später in der Partie zu ziehen pflegte. Als ich mich vor Jahren auf diese Variante vorbereitete, galt 8.Lh4 Le7 9.Df3 Sbd7 10.0-0-0 Dc7 11.Le2!? mit der Idee 11...b5 12.Lxf6! Sxf6 13.e5! Lb7 14.Dg3 dxe5 15.fxe5 Sd5 16.Sxe6! als kritischer Test des schwarzen Aufbaus, und ich war gespannt, wie das Repertoirebuch aus dem Quality-Chess-Verlag diesen direkten Widerlegungsversuch entkräften würde. Eher ernüchtert musste ich dann feststellen, dass Ftacnik sich auf das Springeropfer einlässt und die alten Analysen nach 16...fxe6 17.Dg6+ Kd7 18.Lg4 Dxe5 19.Sxd5 Dg5+! nur ein paar Züge weiterführt mit dem Ergebnis, dass Schwarz sich mit knapper Not halten könne. Schwarze Gewinnchancen sind weit und breit nicht in Sicht, während es nicht überraschend wäre, wenn sich das weiße Spiel irgendwo noch verbessern ließe. Glücklicherweise hat Ftacnik einen Alternativvorschlag für seine Leser, und zwar 6...Sbd7. Nach 7.f4 möchte er nicht etwa mit 7...e6 in die Gelfand-Variante überleiten, sondern 7...Dc7 8.Df3 h6 spielen. Die Pointe dieser Zugfolge besteht in dem faszinierenden Bauernopfer 9.Lh4 g5!?, mit dem in jüngster Vergangenheit ein revolutionär neues Kapitel der Najdorf-Theorie aufgeschlagen worden ist. Populär wurde die Variante 2009 durch einige Partien des deutschen Großmeisters Sebastian Bogner, der die Analysen des Amateurs Christoph Tiemann verwenden konnte. Inzwischen haben selbst Spitzenspieler wie Ivanchuk und Gelfand das neue System in ihr Repertoire aufgenommen. Tiemann hat dem Quality-Chess-Verlag freundlicherweise seine Arbeit zur Verfügung gestellt; die Analysen der Stellung nach 7.f4 Dc7 gehören zu den interessantesten und inspirierendsten Abschnitten in Ftacniks Buch. Der häufigste Zug nach 6.Lg5 Sbd7 ist allerdings nicht das von Ftacnik als kritisch bezeichnete 7.f4, sondern vielmehr 7.Lc4. Leider wird diese Untervariante nur sehr oberflächlich behandelt. Nach dem von Ftacnik empfohlenen 7...Db6! 8.Lb3 e6 identifiziert Alexey Kuzmin im Chess Base Magazine Nr. 135 vier verschiedene Aufmarschpläne für Weiß, von denen Ftacnik nur einen ausführlich untersucht und zwei überhaupt nicht erwähnt, obwohl alle vier schon in der aktuellen Großmeisterpraxis ausprobiert worden sind.

Derartige Schludrigkeiten sind bei Schachbüchern keine Seltenheit, mit den hohen Ansprüchen, die Quality Chess an seine Veröffentlichungen stellt, jedoch nicht vereinbar. Auch wenn es überwiegend für ein Amateurpublikum geschrieben wird, ist ein Eröffnungsbuch dem Wesen nach eine wissenschaftliche Veröffentlichung und sollte als solche gewisse Mindeststandards erfüllen. Eine lückenlose Sichtung und Auseinandersetzung mit der einschlägigen Literatur erscheint mir als Gebot der Ehrlichkeit gegenüber dem Käufer. Die in The Sicilian Defence begangenen Unterlassungssünden sind in mehreren Internetforen kontrovers diskutiert worden. An den teilweise sehr empfindlichen Reaktionen des dänischen Großmeisters Jacob Aagaard, einem der Gründer und Inhaber des Verlags, war deutlich zu erkennen, dass man sich bei Quality Chess derartige Kritik zu Herzen nimmt. Was daraufhin geschah, unterstreicht nicht nur, warum Quality Chess als einer der ganz Großen auf dem Schachbuchmarkt gilt, sondern relativiert auch die in dieser Rezension angeführten Kritikpunkte. In drei Newslettern seit Erscheinen des Buches, die als ChessBase-Datenbanken oder im PDF-Format kostenlos von der Verlagshomepage herunter geladen werden können, hat das Quality-Chess-Team nicht nur die meisten der oben angesprochenen Lücken geschlossen, sondern sich auch fruchtbar mit den Empfehlungen Khalifmans auseinander gesetzt, dessen erster Najdorf-Band aus der Reihe Opening for White according to Anand fast gleichzeitig mit Ftacniks Buch bei Chess Stars erschienen war. Liest man The Sicilian Defence zusammen mit diesen Aktualisierungen, ergibt sich ein schlüssiges Gesamtbild und die Vorzüge von Ftacniks Arbeit treten wieder deutlich in den Vordergrund.

Fazit: The Sicilian Defence von Lubomir Ftacnik stellt definitiv eine Bereicherung der Najdorf- und Scheveningen-Literatur dar. Wer sich nicht daran stört, wenn ein Eröffnungswerk erst „beim Kunden reift“, dem kann das Buch uneingeschränkt zum Kauf empfohlen werden.

 

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