katalanisch

Niigel Davies,
Gewinnen mit
Katalanisch,
Everyman chess 2009,
Hardcover,
202 S.
(Übersetzung aus
dem Englischen
von Johannes Fischer)
24,95 Euro


Die Belegexemplare
wurden freundlicherweise
von der Firma
Schach E. Niggemann

zur Verfügung gestellt.

 








von Jan Peter Schmidt

Die KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne präsentiert Rezensionen aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur, Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum aktuellen Schachgeschehen.

 

SOLIDE EINFÜHRUNG, ABER AUCH NICHT MEHR

Die katalanische Eröffnung hat während der letzten Jahre einen beispiellosen Aufschwung erlebt. Von Bobby Fischer gar noch als „rotten opening“ verspottet (so in einem Brief an Larry Evans aus dem Jahr 1963, zitiert nach Kasparov, My great predecessors IV, 315), stand sie über viele Jahrzehnte im Ruf einer etwas esoterischen Spielweise, der nur positionelle „Langweiler“ etwas abgewinnen können. Heute zählt die Eröffnung sowohl im Spitzenschach als auch auf Amateurebene zu den populärsten überhaupt. Die Liste ihrer jüngsten Erfolge ist geradezu beängstigend: So machte Anand, früher ein eingefleischter e4-Spieler, Katalanisch zu seiner Hauptwaffe im WM-Kampf gegen Topalov und errang dank ihr in den Partien 2 und 4 entscheidende Siege. Und beim diesjährigen Turnier in Dortmund benutzte Ponomariov die Eröffnung, um mit Kramnik einen ihrer größten Experten, der zudem maßgeblichen Anteil an ihrer Verbreitung trägt, völlig zu demolieren und frühzeitig die Weichen für den Turniersieg zu stellen. Dass Boris Avrukh Katalanisch zum wichtigsten Stützpfeiler in seinem monumentalen Werk „1. d4“ gemacht hat, dürfte die Beliebtheit der Eröffnung zumindest im Amateurbereich auf Jahre hin zementieren.

Bei näherem Hinsehen ist es nicht überraschend, dass Katalanisch gerade im Zeitalter von ChessBase und Rybka seine Blüte erlebt: Weiß versucht nicht, den Gegner zu überrennen, sondern gibt sich mit einem kleinen, dafür aber sehr nachhaltigen Vorteil zufrieden. Zudem trägt das Spiel meist wenig forcierten Charakter. Die zweite Partie aus dem Wettkampf Anand-Topalov bot hierfür ein faszinierendes Beispiel: Über 20 Züge lang spielte Weiß seelenruhig mit einem Minus(zentrums!)bauern und wartete einfach, bis Schwarz die Geduld verlor. Dass die Anhäufung positioneller Vorteile aber urplötzlich auch in einen fulminanten Königsangriff umschlagen kann, bewies Anand dann in der vierten Partie.

Wer neidisch auf die Erfolge der Weißspieler schaut, selber aber noch in einem anderen Repertoire feststeckt, für den bietet Gewinnen mit Katalanisch aus der Feder des äußerst produktiven englischen Großmeisters Nigel Davies eine gute Möglichkeit, auf den Katalanischzug aufzuspringen. Denn darin findet er einen leicht verdaulichen Überblick über die wichtigsten Varianten und die mit ihnen verbundenen Pläne, eine Erläuterung der verschiedenen Zugumstellungen sowie 66 knapp kommentierte Partien, die überwiegend aus den Jahren 2006-2008 stammen. Anders als Avrukh gibt Davies keine konkrete Repertoire-Empfehlung, sondern stellt stets auch die wichtigsten Alternativen zu den Hauptfortsetzungen dar. Hierdurch ist das Buch auch für diejenigen interessant, die bereits Katalanisch spielen, weil sie die Möglichkeit erhalten, ihr Arsenal zu erweitern und flexibler zu machen. Und Davies lässt den Leser bei der Auswahl der Varianten auch nicht gänzlich allein. Interessant ist etwa sein Ratschlag an „arbeitende Normalsterbliche“, in der Hauptvariante anstelle des populären, dadurch aber auch sehr „wartungsintensiven“ 10. Ld2 lieber das seltene 10. Lf4 zu spielen (29).

Ein Makel des Buches besteht darin, dass der Autor Avrukhs 1. d4, dessen Band 1 im Jahr 2008 erschien, nicht mehr berücksichtigen konnte oder wollte. Nicht nur leidet hierunter die Aktualität des Buches; auch wäre es interessant gewesen, Davies’ Einschätzung zu einigen von Avrukh analysierten Abspielen zu hören. Ein gewisses Pech für den Autor ist schließlich, dass Gewinnen mit Katalanisch im Lichte von 1. d4 schnell etwas oberflächlich erscheint (auch wenn man sich natürlich immer vergegenwärtigen muss, dass beide Bücher eine unterschiedliche Zielrichtung verfolgen). Ein Beispiel ist die hochaktuelle Stellung nach 1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. g3 Lb4+ 4. Ld2 Le7 5. Lg2 0-0 7. 0-0 c6 8. Lf4 Sbd7 9. Dc2 b6 10. Td1 Lb7 11. Sc3. Während Avrukh hier das mit 11. ... dc4: 12. Sd2 Sd5 13. Sc4: Sf4: 14. gf4: beginnende Abspiel als „kritisch“ erachtet und eingehend analysiert (163 ff.), endet Davies’ Darstellung bereits mit dem schlicht als „gut“ bezeichneten 12. Sd2 (109).

Ein anderes Versäumnis betrifft die Erläuterung der wichtigsten Strukturen und positionellen Grundideen der Eröffnung. Die „Einleitung“ (7 ff.) beginnt in diesem Punkt recht verheißungsvoll, bricht dann aber viel zu schnell ab. Dies ist sehr bedauerlich, gibt es doch eine ganze Reihe von typischen katalanischen Stellungsbildern, deren Verständnis ebenso schwierig wie wichtig ist, die einem aber weder eine Datenbank noch ein Computerprogramm erklären kann. Hierzu gehören etwa das weiße Spiel gegen die in der Hauptvariante nach a6, b5 entstehenden Felderschwächen auf dem schwarzen Damenflügel oder die Stellungen, in denen Weiß auf f4 seinen Läufer schlagen lässt und mit gxf4 eine Zersplitterung seiner Bauern für verstärkte Zentrumskontrolle in Kauf nimmt (beide genannten Motive kamen in Riblis Sieg gegen Karpow aus dem Jahr 1980 zum Tragen, siehe hierzu Riblis instruktiven Kommentare in Karl 1/2005, S.54ff.).

Selbst kleinere Finessen werden vom Autor nicht immer befriedigend erklärt. So heißt es zum typischen schwarzen Manöver, mit einem frühzeitigen Läuferschach auf b4 den weißen Läufer nach d2 zu locken, um dann unter scheinbarem Tempoverlust nach e7 zurückzukehren: „Schwarz stellt sich auf den Standpunkt, dass der weiße Läufer auf d2 besser auf c1 stehen würde, und in Anbetracht meiner Empfehlung Sbd2 und e2-e4 gegen geschlossenes Katalanisch spricht etwas für diese Auffassung“ (107). Der Läufer steht auf d2 aber auch noch aus anderen Gründen schlecht: zum einen verstellt er die d-Linie, sodass in manchen Abspielen der Bd4 hängt, zum anderen muss er für einen Wechsel auf die Diagonale a1-h8 mit dem ungünstigen Feld c3 Vorlieb nehmen (wo er den Angriffen der schwarzen Figuren ausgesetzt ist und evtl. seinem Turm die c-Linie versperrt).  

Schließlich hätte es einem Buch, das eine Spielweise von Grund auf erläutern möchte und immerhin „Savielly Tartakower, dem brillianten und humorvollen Erfinder der Katalanischen Eröffnung“, gewidmet ist, gut zu Gesicht gestanden, auch eine Auswahl klassischer Partien von Kennern wie Smyslow, Petrosjan, Kortschnoi usw. zu bieten. Hierdurch wäre es nicht nur um eine zusätzliche Dimension bereichert worden, sondern hätte sich auch besser wappnen können gegen das Fortschreiten der Zeit. So aber wird das Werk, in Anbetracht der Tatsache, dass Katalanisch heute in jedem Spitzenturnier gespielt wird und die Theorie sich in rasantem Tempo weiterentwickelt, schnell an Aktualität einbüßen.     

Das Fazit ist also gemischt: Denjenigen, die Katalanisch neu lernen oder ihre Kenntnisse in dieser Eröffnung erweitern wollen, ist das Buch, das auch im Layout einen ansprechenden Eindruck macht, durchaus zu empfehlen. Dass der Autor sein Herzblut in das Werk gesteckt hätte, kann man ihm hingegen nicht bescheinigen.

 

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