Alexander Bangiev:
Felderstrategie - Taktik,
Deutschland
(Silbersaiten) 2006,
181 Seiten, gebunden,
18,90 €

 

 

Die Belegexemplare
wurden freundlicherweise
von der Firma
Schach E. Niggemann

zur Verfügung gestellt.

 








von Wilhelm Schlemermeyer

 

Die KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne präsentiert Rezensionen aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur, Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum aktuellen Schachgeschehen.

 

 

FINGER WEG VON DER FELDER STRATEGIE


Mein Fazit vorweg: Ich halte absolut nichts von Alexander Bangievs so genannter Felderstrategie und seinen daraus entwickelten Produkten. Wenn der Autor auf seiner Website seine Denkmethode (die er nach sich selbst Bangiev- bzw. B-Methode nennt) als „angewandte moderne Schachwissenschaft“ anpreist, ist dies nicht mehr als pseudowissenschaftliche Marktschreierei. Selbst wenn es so etwas wie eine „Schachwissenschaft“ tatsächlich gäbe, handelte es sich bei Bangievs Ansatz mehr um „Schachmystik“. Ich zumindest fühle mich bei seiner Felderstrategie eher an eine Pseudowissenschaft wie die Numerologie erinnert. Ebenso wie dort Verknüpfungen zwischen Zahlen und Ereignissen konstruiert werden, so entwickelt Bangiev eine Anleitung zum Verknüpfen von Feldern und Zügen. Möglich, dass der Trainer und Internationale Meister selbst wirklich glaubt, hier Bedeutsames entdeckt zu haben. Ich bezweifle dies und verspüre auch kein Verlangen nach einfachen „Wahrheiten“, wie sie Bangiev mit seinem Slogan „Lernen Sie denken wie die Spitzenkönner!“ verspricht. Keine Empfehlung meinerseits: Finger weg von der Felderstrategie!

Als zu besprechender Titel liegt mir das Buch Felderstrategie. Taktik vor. Dort behauptet Bangiev im Vorwort: „Wer ernsthaft das Schachspiel erlernen will, muss vor allem richtig denken lernen.“ Das ist eine gewagte, aber eben auch sehr vage These, die der Fantasie des Lesers weiten Spielraum lässt. Bangiev fährt fort: „Wie aber denkt man richtig, wie findet man die richtigen Züge bzw. Pläne?“ und gibt umgehend die Antwort: „Genau in diesem Punkt unterscheidet sich ein Meister vom Amateur. Der Meister sieht seine Ziele in der Eroberung von Feldern, der Amateur sieht seine Ziele meist in der Eroberung vom Material oder vom gegnerischen König. Ein Amateur kann nur dann ein Meister werden, wenn er wie ein Meister feldmäßig zu denken versucht.“ Das sind für meinen Geschmack recht abenteuerliche Behauptungen. Ich zumindest wüsste auf Anhieb keinen „Meister“ zu nennen, der das einfach so unterschreiben würde. Eine Begründung oder Erläuterung seitens Bangievs wäre wünschenswert, bleibt aber aus. Überhaupt findet sich im gesamten Buch nicht einmal der Versuch, Behauptungen wie die oben oder seine so genannte B-Methode plausibel zu machen.

Auf der Suche nach Antworten begebe ich mich auf die Website von Bangiev, finde aber auch dort keine Auskunft, sondern nur weitere Behauptungen. So lautet in einem Interview der Europa-Rochade auf die Frage: „Was ist eigentlich das wirklich Neue an der Bangiev-Methode?“ Bangievs Antwort: „Mit der Felderstrategie habe ich die Gesetzmäßigkeiten entdeckt und ausgearbeitet, die in jeder Spielphase gültig sind; bei jeder Überlegung gehe ich - im Unterschied zu bisherigen Unterrichtsformen - immer vom Schachbrett aus, also von den Feldern. Erst dann geht es um die für die Eroberung der jeweils wichtigen Felder in Frage kommenden Züge und erst dann wird geprüft, welche Züge sich dafür am meisten eignen. Also das Aufziehen des gesamten Spiels von den Feldern her und den Gesetzmäßigkeiten, die mathematischen Formeln gleichen - das ist das Neue an der Methode.“ Das war es dann aber auch: keine Erläuterung, keine Begründung. Das ist es, was ich unter pseudowissenschaftlicher Marktschreierei verstehe.

Auf das Vokabular und die Anleitung zur Anwendung von Bangievs neuer B-Methode möchte ich gar nicht weiter eingehen. Auch diese Abschnitte können weder sprachlich noch didaktisch überzeugen. So ist genau genommen Bangievs eigene Darstellung seiner Methode unzureichend. Ich vermute, die B-Methode ließe sich viel besser präsentieren. Aber auch das würde den gesamten Ansatz nicht retten. Es gibt zurzeit eine Reihe von wirklich guten Titeln zum Thema Denktechniken im Schach. Bangievs Bücher und CDs gehören nicht dazu.

Wegen meines so eindeutig negativen Urteils habe ich mich im Internet auf die Suche nach freundlicheren Besprechungen begeben, aber keine gefunden – jedenfalls nicht von namhaften Autoren. So beschreibt Jonathan Rowson in New in Chess 6/2006 Bangievs Felderstrategie als „consistently confusing and frequently inconsistent“ und schließt “if my reviewing intuition is worth anything, it is worth advising you stay away from this CD, and anything else based on Bangiev's squares strategy”. Und eine Besprechung der Chessbase CD “Felderstrategie. Taktik“ bei chesscafe.com schließt gar mit dem Dorothy-Parker-Zitat „this CD fills a much-needed gap“.

Etwas seltsam finde ich es deshalb, dass auf der offiziellen Website des Deutschen Schachbundes vom Referenten für Öffentlichkeitsarbeit Klaus Jörg Lais die Produkte von Bangiev völlig kritiklos angepriesen und Partie-Kommentare nach der Bangiev-Methode veröffentlicht werden. Zumal der Artikel von Lais auch noch als Werbetext auf der Website von Bangiev auftaucht, könnte dies leicht den – hoffentlich falschen – Eindruck erwecken, als würde der Deutsche Schachbund für die Felderstrategie die Werbetrommel rühren.

 

Reaktion von Alexander Bangiev

Antwort von Wilhelm Schlemermeyer

Antwort von Alexander Bangiev

 

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