Edward Dearing
Play the Nimzo-Indian
Everyman Chess 2005,
Englisch, kartoniert,
224 Seiten

 

Die Belegexemplare
wurden freundlicherweise
von der Firma
Schach E. Niggemann

zur Verfügung gestellt.

 








von Erik Zude

 

Die KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne präsentiert Rezensionen aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur, Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum aktuellen Schachgeschehen.

 

 

AKTIVES SCHWARZREPERTOIRE

In "Play the Nimzo-Indian" setzt sich Edward Dearing das Ziel, dem Leser ein "übersichtliches und praktikables" Nimzoindisch-Repertoire für Schwarz vorzustellen.

Edward Dearing ist ein junger schottischer IM, dies ist sein drittes Eröffnungsbuch, nach "Play the Sicilian Dragon", Gambit 2004, und "Challenging the Günfeld", Quality Cessbooks 2005.

Auf dem Buchrücken verspricht der Herausgeber, dass das Buch von einem "renommierten Eröffnungsexperten" verfasst wurde, in der Einleitung relativiert Dearing dies aber: Er hat viel Nimzoindisch-Erfahrung mit Weiß, und dabei schon beinahe alles versucht, übrigens mit wenig Erfolg, wie er sagt. Mit Schwarz hat er aber erst eine Handvoll Nimzoinder gespielt. Immerhin lässt er aber durchblicken, seit einem Jahr von John Emms trainiert zu werden, der als Experte für Nimzoindisch gilt.

Der Band richtet sich ausdrücklich an Schachfreunde, die die Nimzoindische Verteidigung neu in ihr Repertoire aufnehmen möchten. Dearing beschreibt in der sehr langen Einleitung ausführlich, wie er selbst zu Nimzoindisch gefunden hat. Er erklärt hier auch, welche Gedanken bei der Auswahl der Varianten bestimmend waren. Edward Dearing möchte seinem Gegner im Verlauf der Partie zahlreiche Probleme stellen, und dies so früh wie möglich, und er möchte ihm Stellungen aufzwingen, die ihm wenig vertraut sind. Wichtig ist ihm, dass die Stellung sehr flexibel ist. Aufgrund der Flexibilität will er im weiteren Verlauf viele Möglichkeiten haben, forcierte Varianten zu vermeiden.

Dearing schlägt folgendes Repertoire für Schwarz vor, nach 1 d4 Sf6 2 c4 e6 3 Sc3 Lb4:

  1. The Classical Nimzo: The Romanishin Variation
    ( 4 Dc2 d5 5 cd5: Dd5:)
  2. The Classical Nimzo: Preserving the Tension with 5 a3
    ( 4 Dc2 d5 5 a3)
  3. The Rubinstein Variation: The Romanishin-Psakhis System ( 4 e3 b6 5 Se2 c6 6 a3 La5)
  4. The Rubinstein Variation: The Classical Fianchetto System ( 4 e3 b6 5 Ld3 Lb7 6 Sf3)
  5. The Leningrad Variation
    ( 4 Lg5 c5 5 d5 Lc3:+ 6 bc3: d6 7 e3 De7)
  6. The 4 f3 !? Variation ( 4 f3 d5 5 a3 Lc3:+ 6 bc3: c5)
  7. The Sämisch Variation
    ( 4 a3 Lc3:+ 5 bc3: c5 6 e3 Sc6 7 Ld3 0-0 8 Se2 b6)
  8. The Fianchetto Variation ( 4 g3 0-0 5 Lg2 d5)
  9. 4 Sf3 0-0

Das Buch wird abgerundet mit einem Index der Partien sowie einem Variantenverzeichnis.

Dearing beginnt jedes Kapitel mit einer ausführlichen Vorstellung der Variante, meistens über mehrere Seiten. Er erläutert hier die grundlegenden Ideen und Stellungsbilder und gibt einen Überblick über die folgenden kommentierten Partien, die den Hauptinhalt darstellen. Hier hat Dearing sehr viel hocklassiges Material zusammengetragen, das er dem Leser wohl geordnet präsentiert. Der Band ist sehr übersichtlich und mit Hilfe des Variantenverzeichnisses lassen sich gesuchte Zugfolgen leicht finden.

Innerhalb der insgesamt 50 ausführlich kommentierten Partien sind noch zahlreiche weitere komplette Partien und Partiefragmente enthalten, fast immer auch Zitate von Großmeister-Analysen. Ich habe allerdings vergleichsweise wenig eigene neue Analysen Edward Dearings entdeckt, lediglich im 4 f3 - Kapitel sowie bem Romanischin-Psachis-System tauchen diese etwas zahlreicher auf. Dearing kommentiert jeweils die gesamte Partie, diskutiert oft die Stellungseinschätzung, insbesondere, wenn er eine andere Meinung vertritt als andere Autoren. In Mittel-und Endspiel werden die Kommentare etwas leichtgewichtiger, er erklärt aber weiterhin das Geschehen und weist auf Wendepunkte und wichtige Alternativen hin.

Bis dahin also ein sehr ordentlich gemachtes und umfassendes Werk, an dem es handwerklich nichts auszusetzen gibt. Kann Dearing aber auch Verständnis für die Eröffnung vermitteln? Ist das vorgeschlagene Repertoire solide und geeignet für Vereins- und Turnierspieler?

Die erste Frage kann ich mit einem klaren "Ja" beantworten! Dearing betreibt einigen Aufwand, um die beiderseitigen Pläne sowie die Stellungsbilder verständlich zu machen. Er erklärt, welche Figur wohin gehört, welche Funktion sie ausübt, ob man sie abtauschen soll oder nicht, und vieles mehr. Sehr ergiebig sind hier die Partiezusammenfassungen, in denen Dearing noch einmal die wichtigsten Lehren der eben vorgestellten Partie Revue passieren lässt. Zusammen mit den konkreten Varianten ergibt sich so ein oft sehr klares Bild. Dearing geht aber oft auch auf die historische Entwicklung und den gegenwärtigen Stand der Theorie ein. Obwohl ich anfangs etwas skeptisch ob der geringen praktischen Erfahrung Edward Dearings im Nimzonidischen war, haben mich seine Erläuterungen überzeugt. Man kann einfach eine Menge über die vorgestellten Systeme lernen.

Bei der zweiten Frage bin ich nicht ganz überzeugt. Zwar sind alle vorgeschlagenen Varianten durchaus als solide anzusehen, sie haben auch alle ihre Großmeister-Protagonisten, die diese Systeme seit vielen Jahren auf hohem Niveau anwenden. Auch reichen die von Dearing gebrachten Informationen und ausführlichen Erläuterungen aus, die Systeme in der Praxis anzuwenden. Während mir alle anderen Varianten sehr geeignet erscheinen, mache ich allerdings bei der Auswahl der Systeme gegen 4. Dc2 und 4. e3 einen deutlichen Hang Edward Dearings zu scharfen und auch forcierten Varianten aus. Im Romanischin-Psachis-System muss man schon einige Varianten aus dem Effeff beherrschen, um sicher zu sein, dass der Läufer a5 nicht doch ins Gedränge kommt. Und auch beim klassischen System 4. Dc2 d5 5. a3 schlägt Dearing Varianten vor, bei denen Schwarz angriffslustig mit den Springern das Zentrum besetzt, um mit taktischen Kniffen einen Ausgleich für das weiße Läuferpaar und seine Expansionsmöglichkeiten am Damenflügel zu bekommen. Einige dieser Varianten sind sehr forciert und erfordern nicht nur anfangs eingehendes Heimstudium sondern auch, sich von Zeit zu Zeit mal in aktuellen Periodika zu informieren, ob nicht starke Neuerungen oder gar Ausheber gefunden wurden. Das ist nicht jedermanns Sache, insbesondere nicht, wenn er oder sie eine Eröffnung neu ins Repertoire aufnimmt. Hier hätte es meines Erachtens Alternativen gegeben, die dem Anspruch "übersichtlich, praktikabel und flexibel" besser gerecht werden.

Fazit:
Edward Dearing legt ein gutes Eröffnungsbuch vor, ein konsistentes und solides Nimzoindisch-Repertoire, das allen Freunden angriffslustigen und forcierten Spiels in der Eröffnung sehr gut gefallen wird. Nimzoindisch-Neulinge, die flexible und eher strategisch geprägte Stellungen anstreben und es, wo möglich, weniger theorielastig angehen lassen wollen, sind mit der zweiten Hälfte des Buches gut bedient, werden gegen 4. Dc2 und 4. e3 aber nach anderen Systemen Ausschau halten.

 

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