Johannes Fischer,
Jahrgang 1963,
lebt als freier Übersetzer, Dolmetscher und Journalist
in Leipzig
und spielt beim
SC Leipzig-Gohlis
in der 2. Bundesliga.

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John Watson,
Play the French,
London: Everyman 2003,
272 S., kartoniert,
ca. 26,50 EUR.

 

Das Belegexemplar
wurde uns freundlicherweise
von der Firma
Schach E. Niggemann

zur Verfügung gestellt.

 








von Johannes Fischer

 

Die KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne wird etwa alle ein bis drei Wochen aktualisiert und präsentiert Rezensionen aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur, Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum aktuellen Schachgeschehen.

 

GLAUBENSSACHE ERÖFFNUNGSSTUDIUM: JOHN WATSONS PLAY THE FRENCH

 

Play the French gilt als die Bibel der Französisch-Spieler. Französisch-Fans verdanken ihm zahllose Punkte und kaum ein Theoriewerk hat einer Eröffnung so viele Anhänger verschafft. Die vor kurzem veröffentlichte dritte Auflage dieses Klassikers zeigt die Gründe dafür.

Eröffnungen sind Glaubenssache. Wer seinen Systemen vertraut, spielt optimistisch und macht mehr Punkte. Und Begeisterung weckt Watson tatsächlich - ja, blättert man ein wenig in Play the French, kann man den Eindruck gewinnen, Weiß müsste nach 1.e4 e6 bereits um Ausgleich kämpfen. Dieser übertriebene Enthusiasmus wirkt glaubwürdig, da Watson selbst leidenschaftlicher Französisch-Spieler ist (siehe Partie weiter unten).

Aber im Gegensatz zu Repertoirebüchern, die im Titel unbekümmert "Winning with ..." oder "How to win with..." verkünden, um anschließend die kritischen Varianten, die diesen Anspruch unterminieren, zu ignorieren, leistet Watson gründliche Arbeit. Er empfiehlt mindestens zwei Systeme gegen jede der weißen Hauptvarianten, in der Regel ein ruhigeres und ein schärferes, damit für jeden Geschmack etwas dabei ist. Er stellt eigene Analysen an und greift Vorschläge einer weltweiten Fangemeinde auf, die ihm bereitwillig Analysen und Partien schicken. Tatsächlich stammen, wie Watson im Vorwort erklärt, die Varianten im Kapitel über 6....Dc7 im Winawer-Franzosen größtenteils sogar von einem Gastautor, dem norwegischen FM Hans Olav Lahlum.

Wie Watson im Vorwort schreibt ist "ein Eröffnungsbuch, das versucht, jede sinnvolle Variante abzuhandeln notwendigerweise gedrängt und gelegentlich schwer zu lesen". Allerdings kann der Leser dafür die vorgestellten Systeme besser kennenlernen und ist so auf theoretische Entwicklungen besser eingestellt.

Stichwort theoretische Entwicklungen. Was hat sich gegenüber der zweiten Auflage geändert? Zwar empfiehlt Watson nach 3.Sc3 nach wie vor die Winawer-Variante, aber nach dem kritischen Zug 7.Dg4 (1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Lb4 4.e5 c5 5.a3 Lxc3 6.bxc3 Se7 7.Dg4) ist er zum Anhänger Kindermanns und Dirrs geworden und empfiehlt 7....0-0 anstelle seines bisherigen Vorschlags 7....Dc7. Außerdem berücksichtigt Watson in der dritten Auflage auch die Französisch-Anhänger, die sich mit der Winawer-Variante nicht anfreunden können und behandelt die wichtigste Alternative zum Winawer, die klassische Variante (1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6) in einem eigenen Kapitel.

Watsons Begründung für diese Änderungen zeigt sein Vertrauen in die Kraft des Franzosen: "Das soll nicht bedeuten, dass die in der zweiten Auflage empfohlenen Systeme schlecht sind; im Gegenteil, keines dieser Systeme ist in Verruf geraten. Aber diese neuen Varianten bringen frischen Wind und zeigen die ganze Bandbreite spielbarer Varianten im Franzosen".

Das Buch hat nur einen kleinen Schönheitsfehler. Aus irgendeinem Grund sind die im Index angegebenen Seitenzahlen gegenüber den tatsächlichen Seiten im Buch teilweise um zwei Seiten verrückt, d.h. man findet eine Variante, die im Index mit S.145 angegeben ist, auf S. 143.

Also: Wer bereits Französisch spielt, sollte Play the French lesen, um zu wissen, was "der Guru" empfiehlt. Wer mit Weiß gegen Französisch spielt, sollte Play the French lesen, um zu wissen, was "der Guru" empfiehlt. Wer kein Französisch spielt, sollte Play the French lesen, wenn er den Glauben in seine bisherigen Eröffnungsvarianten verliert - oder auch nur, weil es als Eröffnungsbuch Masssäbe setzt.

Dass Watson nicht nur predigt, sondern auch praktiziert, zeigt die folgende nette Partie:

JOOST MARCUS - JOHN WATSON
Las Vegas 1994

1.e4 e6 2.d4 d5 3.exd5 exd5 4.Sf3 Ld6 5.Ld3 Se7 6.Sc3 c6 7.0-0 Lg4 8.h3 Lh5 9.Te1 Dc7 10.g4 Lg6 11.Se5 Lxd3 12.Dxd3 f6 13.Sf3 Sd7 14.a3 0-0-0 15.b4 Sb6 16.b5 c5 17.dxc5 Lxc5 18.Se2 Sg6 19.Sfd4 The8 20.Df5+ Sd7 21.Se6

21...Lxf2+ 22.Dxf2 Txe6 23.Sd4 Txe1+ 24.Dxe1 Sde5 25.Df2 Dc3 26.Se6 Dxa1 27.Dc5+ Kd7 28.Dxd5+ Ke7 29.Dxd8+ Kxe6 30.Dg8+ Ke7 31.Dxg7+ Sf7 0-1


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