kolumne 121

John L. Watson,
Eric Schiller
Taming
Wild Chess Openings
How to Deal
with the Good,
Bad and Ugly
432 Seiten,
kartoniert,
1. Auflage 2015



Die Belegexemplare
wurden freundlicherweise
von der Firma
Schach E. Niggemann
zur Verfügung gestellt.



von Jochen Wege

Die KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne präsentiert Rezensionen aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur, Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum aktuellen Schachgeschehen.

 

EHER UNTERHALTEND ALS SERIÖS

Einen unterhaltsamen Ansatz zum Umgang mit Eröffnungen abseits des Massengeschmacks bietet das Buch Taming the Good, the Bad and the Ugly vom Autorengespann John Watson und Eric Schiller. Watson ist bekannt für viele seriöse Publikationen, beispielsweise Secrets of Modern Chess Strategy (‚Geheimnisse der modernen Schachstrategie') und Play the French, während Schiller sich hauptsächlich als Vielschreiber von Büchern eher mäßiger Qualität hervorgetan hat. So war sein Buch Unorthodox Chess Openings Anthony Miles im Schachmagazin Kingpin eine eher kurze Kritik wert, die ich an dieser Stelle komplett zitieren möchte: "Utter crap."

Wie der Titel schon suggeriert, teilt sich das Buch in drei Abschnitte auf, in jedem werden jeweils aus schwarzer und weißer Sicht die angemessenen Reaktionen auf ungewöhnliche Partiebeginne aufgezeigt. ‚The Bad' behandelt Eröffnungen, die einfach zu schlechterem Spiel führen sollten. ‚The Ugly' befasst sich mit Abspielen, die nicht notwendigerweise schlecht, jedoch aus ästhetischen Gründen (zumindest aus Sicht der Autoren) in dieser Rubrik zu finden sind. Schließlich wird in ‚The Good' ein Repertoire gegen Eröffnungen gezeigt, die man durchaus öfter als nur einmal im Schachturnierleben aufs Brett bekommen kann. Üblicherweise wird die Eröffnung anhand von nur einer Beispielpartie demonstriert, in wichtigen Fällen können es auch Mal mehr sein.

‚The Bad' ist hauptsächlich interessant wegen der Namensgebung einiger Eröffnungen: 1.a4 = Ware-Eröffnung; 1.e4 e5 2.f4 Lc5 3.Sf3 g5 = Sénéchaud-Gegengambit und weitere Partiebeginne ähnlicher Qualität. Etwas überraschend ist hier auch das Cochrane-Gambit (1.e4 e5 2.Sf3 Sf6 3.Sxe5 d6 4.Sxf7) zu finden, das immerhin schon von Topalov angewandt wurde (1999 gegen Kramnik). Das Ansinnen der Autoren, sich nicht mit der häufig in Schachbüchern zu findenden Bewertung ‚unklar' (was leider oft so viel bedeutet wie ‚ich verstehe die Stellung nicht, aber bin auch zu faul, es zu analysieren') zu begnügen, sondern ganz klar eine Widerlegung bieten zu wollen (daher ist es auch in ‚The Bad' aufgehoben), verdient Anerkennung. So wird diesem Gambit vernünftigerweise mehr Raum zugestanden als den meisten anderen Eröffnungen.

‚The Ugly' ist der mit großem Abstand umfangreichste Teil des Buches. Einige äußerst krude Aufbauten werden vorgestellt, doch finden sich hier auch populäre Varianten wie im Sizilianer das Czerniak-System (2.b3) und das Morra-Gambit. Die Systeme, die hier dem Nachziehenden empfohlen werden, stellen interessante Alternativen zu den Hauptvarianten dar. So ist es schade, dass auch hier, wenngleich ausführlicher kommentiert, eine Beispielpartie pro System genügen muss.

Auch das Sizilianische Flügelgambit wird in verschiedenen Ausführungen vorgestellt, seltsamerweise an ganz unterschiedlichen Stellen des Buches. Da ich das Gambit von beiden Seiten des Brettes her ein wenig kenne (zumindest in Schnell- und Blitzpartien), war ich da besonders neugierig. Und wurde leider enttäuscht. In der Zugfolge 1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.b4 cxb4 wird nur 4.d4 erwähnt, wonach Schwarz mit 4…Sf6 komfortables Spiel erhält (4.e5 Sd5; 4.Ld3 d5). Das plausiblere 4.a3 dagegen findet überhaupt keine Erwähnung. Zudem fehlen die Zugfolgen 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.b4 sowie das in den letzten Jahren beliebt gewordene 1.e4 c5 2.a3 komplett.

Die angesprochene Unstrukturiertheit findet sich auch bei anderen Eröffnungen wieder; so wird das Blackmar-Diemer-Gambit gleich an drei unterschiedlichen Stellen des Buchs besprochen, zweimal davon wird durch Zugumstellung gar die exakt gleiche Stellung erreicht. Mangelte es da an der Kommunikation zwischen den beiden Autoren? Und ob es zum "Drunken Hippo", in dem Weiß in den ersten sieben Zügen seine Bauern von a bis g jeweils um ein Feld vorschiebt, wirklich zwei Beispielpartien (eine in ‚The Bad', eine in ‚The Ugly') bedurft hätte? Ich habe so meine Zweifel.

Die in ‚The Good' vorgestellten Aufbauten werden weitaus ausführlicher besprochen. So sind im Komplex Torre-Rubinstein-Zukertort in unterschiedlichen Kapiteln mehrere Partien aufgelistet, in denen sich Schwarz unterschiedlich aufstellt. Dies ist praktisch. Ein Königsindischspieler beispielsweise würde sich mit Aufbauten basierend auf …d5 nicht heimisch fühlen, so ist es plausibel, mehrere gesunde Systeme vorzustellen.

Dem Leser beschleicht des Öfteren das Gefühl, Zeuge einer Privatfehde Eric Schillers gegen Stefan Bücker zu sein. Auffällig viele von Bücker propagierte Systeme werden im Buch gnadenlos verrissen: die Nordwalder Variante im Königsgambit, der Geier, Sizilianisch mit 2…h6 usw. Leider teilweise jedoch ohne die dahinter liegenden Ideen zu begreifen. So wird in ‚The Ugly'das Ortho-Schnapp-Gambit gegen Französisch (1.e4 e6 2.c4 d5 3.cxd5 exd5 4.Db3) besprochen. In einer der Hauptvarianten 4…dxe4 5.Lc4 De7 wird mit dem langsamen 6.Se2? fortgesetzt, wonach Schwarz keine Probleme hat, seinen Königsflügel zu entwirren. Das konsequente 6.Sc3 nebst 7.d4 (mit der Idee 7...exd3 e.p.+ 8.Le3 und 9.0-0-0) ist dagegen brandgefährlich und kann den un- bzw. mit diesem Buch vorbereiteteten Spieler in arge Bedrängnis bringen.

Alles in allem umfasst der Inhalt des Buches auf über 400 Seiten knapp 200 Eröffnungen. Und wenn der Leser trotz der Bemühungen der Autoren in der frühen Partiephase dennoch überrascht wird, so findet er im Vorwort Hilfe: ‚Stell mindestens einen Bauern ins Zentrum, entwickle deine Figuren, rochiere und verbinde die Türme'. Herzlichen Dank.

Fazit: Wenngleich einige interessante Systeme besprochen werden, ist der Großteil des Buches doch eher Unterhaltung. Die Autoren möchten offenbar beide Zielgruppen erreichen: auf der einen Seite die Fans von Spaßeröffnungen, auf der anderen Seite die Spieler, die an einem Repertoire gegen seriöse Randsysteme bzw. unsolide Systeme, die immerhin konkrete Variantenkenntnis erfordern. Dieser Spagat gelingt nicht ganz. Weniger Eröffnungen, besser strukturiert und analysiert, hätten dem originellen Werk gut getan.

 

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