Johannes Fischer,
Jahrgang 1963,
lebt als freier Übersetzer, Dolmetscher und Journalist
in Leipzig
und spielt beim
SC Leipzig-Gohlis
in der 2. Bundesliga.

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von Johannes Fischer

 

Die KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne wird etwa alle ein bis drei Wochen aktualisiert und präsentiert Rezensionen aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur, Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum aktuellen Schachgeschehen.

 

WUNDERKIND MORPHY: VERKANNT ODER ÜBERSCHÄTZT

Ist einem eine Sache erst einmal ins Auge gefallen, scheint sie einem permanent zu begegnen. Seit der Arbeit am Dezember-Karl sehe ich nur noch "Wunderkinder": Braun, Najditsch und Baramidse bei der Deutschen Meisterschaft in Altenkirchen, Ponomarjow, Radschabow und Wolokitin bei der WM in Moskau.

Ebenso stieß ich plötzlich überall auf den Namen von Paul Morphy, einem der frühesten Wunderkinder. Den Anfang machte dabei Richard Forsters ausgezeichnete Chesscafe Kolumne, in der er folgende Stellung präsentierte, die in einer in Paris 1863 gespielten Vorgabepartie Morphys gegen Maurian aufs Brett gekommen war. Weiß am Zug, wie ist die Stellung einzuschätzen und was soll Weiß ziehen?

Morphy zog überraschend 34.a4! und ich brauchte eine Weile, um den Sinn dahinter zu begreifen. Im Nachhinein ist natürlich alles recht logisch: Das sofortige 34.Tg7+ Kh8 35.Sf8 scheitert an Te1+ 36.Kf2 Te2+ und Weiß muß das Dauerschach zulassen, um nicht Matt zu werden. Um dies zu unterbinden, geschieht 34.a4. In der Partie ahnte Schwarz nichts Böses und fuhr arglos mit 34...bxa3 fort. Nach 35.Tg7+ Kh8 36.Sf8 war es jedoch vorbei und er gab auf.

Wie Forster darlegt, verfügt Schwarz über zwei bessere Alternativen: 34....Tae8, um Drohungen in der e-Linie aufzustellen, und 34...f4, um das Feld g6 mit dem Läufer von d3 aus zu decken. In beiden Fällen wird es recht kompliziert. Nach der forcierten Folge 34...Tae8 35.Tg7+ Kh8 36.Sf8 Te1+ 37.Kg2 (Nicht 37.Kf2?? T8e2+ 38.Kf3 Tf1#) 37...Lf1+ 38.Kf3 Le2+ 39.Kf2 Lh5 (Deckt g6 und droht T8e2#) spielt Weiß 40.Th7+ Kg8 41.Txh5. Diese Stellung scheint für Weiß gewonnen zu sein. Wieder hat Schwarz zwei Möglichkeiten: 41... T8e2+ und 41....T1e2+. Nach 41....T8e2+ 42.Kf3 Te3+ 43.Kf4 Te4+ 44.Kxf5 Te5+ 45.Kg6 Txh5 gewinnt Weiß durch den schönen Zug 46.Sh7.

Und auch nach 41...T1e2+ 42.Kf3 T2e3+ 43.Kf4 T3e4+ 44.Kxf5 T4e5+ 45.Kg6 Txh5 46.Kxh5 Kxf8 47.Kg6 behält Weiß das klar bessere Endspiel.

Aber 34...f4 sieht wie der Weg zum Remis aus. Nach 35.Tg7+ Kh8 36.Sf8 Te1+ 37.Kf2 Tf1+ 38.Kg2 f3+ 39.Kh3 Ld3 40.Sg6+ Lxg6 41.Txg6 41...b3 42.Th6+ Kg8 43.Tg6+ Kf8 44.Th6 münden die Komplikationen in einem Dauerschach.

Heutzutage lassen sich diese Varianten mit Hilfe eines Computers relativ leicht ausrechnen. Aber wie stark muss man sein, um einen Zug wie 34.a4 am Brett zu finden?

Versucht man diese Frage ernsthaft zu beantworten, gelangt man natürlich sofort zur ebenso müßigen wie faszinierenden Debatte über die Spielstärke der alten Meister. Natürlich gibt es hier keine endgültige Antwort, denn immer wieder scheitert man an der Schwierigkeit, die Fähigkeiten des einzelnen Spielers von dem Wissen und der schachlichen Qualität seiner Epoche auseinanderzuhalten. Ideale Voraussetzungen für hitzige Debatten.

Gerade an Morphy scheiden sich die Geister. Halten die einen ihn für ein Genie, das unerreichbar gut spielte, führen die anderen seine Erfolge auf seine schwache Gegnerschaft und die unterentwickelte Verteidigungstechnik der damaligen Zeit zurück. So ist es sicher kein Zufall, wenn die Sammlung The World's Greatest Chess Games von John Nunn, Graham Burgess und John Emms keine einzige Partie von Morphy enthält.

Und gibt es bei anderen Schachspielern wenigstens grobe Anhaltspunkte, die durch eine Rückrechnung der Elozahl geliefert werden, so liegt der Fall bei Morphy etwas schwieriger, weil er relativ wenig Partien, kaum Turniere und meist Wettkämpfe gespielt hat. Und viele seiner Partien waren wenig aussagekräftige Vorgabepartien gegen schwächere Spieler.

Seiner Popularität tut das keinen Abbruch: in einer in der Nummer 269 veröffentlichten Umfrage von TWIC landete Morphy auf Platz acht der beliebtesten Spieler aller Zeiten (vor ihm lagen Fischer, Kasparow, Aljechin, Tal, Lasker und Karpow).

Aber meiner Ansicht nach gibt es deutliches Indiz für die ungeheure Stärke des Amerikaners: seine Simultanblindpartien. Mich würde interessieren, wie viele gute Spieler heutzutage in der Lage wären, gleichzeitig sechs oder acht Partien so souverän, sicher und erstaunlich fehlerfrei blind zu spielen wie Morphy? Nachfolgend zwei Beispiele. In beiden Fällen trat Morphy gegen sechs Gegner gleichzeitig an:

MORPHY - NN
New Orleans 1858

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.b4 Lxb4 5.c3 La5 6.d4 exd4 7.0-0 dxc3 8.La3 d6 9.Db3 Sh6 10.Sxc3 Lxc3 11.Dxc3 0-0 12.Tad1 Weiß hat zwei Bauern weniger, übt aber einen gewissen Druck aus. Was im folgenden beeindruckt, ist die Gelassenheit, mit der Weiß seine Stellung verstärkt. 12...Sg4 13.h3 Sge5 14.Sxe5 Sxe5 15.Le2 f5? Ein typisches Beispiel für die schlechten Verteidigungskünste der damaligen Zeit. Schwarz sollte natürlich versuchen, die Stellung geschlossen zu halten. Und seinen Läufer c8 entwickeln. 16.f4 Sc6 17.Lc4+ Kh8 18.Lb2 De7 19.Tde1 Tf6 20.exf5 Df8

Jetzt folgt eine der Kombinationen, für die Morphy berühmt geworden ist. 21.Te8! Dxe8 22.Dxf6 De7 22...Se5 23.Dg5 h6 24.Dg3 rettet ebenfalls nicht. 23.Dxg7+ Dxg7 24.f6 Dxg2+ 25.Kxg2 Lxh3+ 26.Kxh3 h5 27.Tg1 ... und Weiß gewann. 1-0

Eine der typischen Morphy Partien, die im Guten wie im Schlechten seinen Ruf begründen: Bauernopfer in der Eröffnung, rasche Entwicklung, schlechte Verteidigung des Gegners und eine spektakuläre, aber nach heutigen Maßstäben nicht besonders schwere Schlußkombination.

Strategisch inhaltsreicher ist das zweite Beispiel. Auch diese Partie wurde 1858 bei einer Blindsimultanvorstellung gegen sechs Gegner in New Orleans gespielt:

MORPHY - AMATEUR

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.b4 Lxb4 5.c3 Lc5 6.0-0 d6 7.d4 exd4 8.cxd4 Lb6 9.Sc3 Sa5 10.Sg5 Sxc4 11.Da4+ c6 12.Dxc4 Sh6 13.Kh1! Weiß hat einen Bauern weniger, aber Kompensation durch seine bessere Figurenstellung. Der Königszug bereitet das Vorgehen des f-Bauern vor. Das folgende souveräne Vorgehen des Weißen läßt leicht vergessen, dass er das Brett nicht vor Augen hatte. 13...0-0 14.f4 Kh8 15.f5 f6? Eine ernsthafte Schwächung. Besser war 15....Df6. 16.Se6 Lxe6 17.fxe6 De7? Provoziert den folgenden Tausch, weil Schwarz sich Hoffnungen auf einen Angriff in der g-Linie macht. 17...Sg8 war vorzuziehen. 18.Lxh6 gxh6 19.Tf3 Tg8 20.Taf1 Tg6 21.Se2 Der Beginn einer Reihe starker Springermanöver. 21...Tf8 22.Sf4 Tg5 23.d5 c5 24.Dc3 Ld8 25.Se2 Dg7 26.Sg3 Dc7

Gestattet die folgende Abwicklung. 27.Txf6 Lxf6 28.Txf6 Txf6 29.Dxf6+ Dg7 30.Dd8+ Dg8 31.e7 Te5 32.Sh5 Txe4

Dieses Grundlinienmatt musste bei dem Einschlag auf f6 in Betracht gezogen werden. Wirklich gefährlich ist es jedoch nicht: 33.e8D Te1+ 34.Dxe1 Dxd8 35.Dc3+ und Schwarz gab auf. 1-0

Trotz seines Rufs als Kombinationsspieler konnte Morphy auch anders. In der folgenden Partie zeigt er eine kraftvolle positionelle Leistung. Sein Gegner Harrwitz war einer der damals besten Spieler Europas. Ein Wettkampf gegen Morphy kam bald zum Erliegen, weil Morphy nach Anfangserfolgen von Harrwitz so aufdrehte, dass dieser immer wieder zu unpäßlich zum Spielen war. Vielleicht schlugen ihm die vielen klaren Niederlagen auf den Magen:


MORPHY - HARRWITZ
Paris 1858

1.e4 e5 2.Sf3 d6 3.d4 exd4 4.Dxd4 Sc6 5.Lb5 Ld7 6.Lxc6 Lxc6 7.Lg5 Mit der Idee, die schwarze Entwicklung zu behindern. 7...f6 8.Lh4 Sh6 9.Sc3 Dd7 10.0-0 Le7 11.Tad1 0-0 12.Dc4+ Tf7 13.Sd4 Faszinierend ist die Leichtigkeit, mit der es Morphy immer wieder gelang, seine Figuren harmonisch zu entwickeln, um danach seine Stellung energisch zu verstärken. 13...Sg4 14.h3 Se5 15.De2 g5 Schwarz versucht, den Springer auf e5 zu halten. Falls Weiß f4 spielt, rechnet er sich Gegenchancen auf der geöffneten g-Linie aus. Aber die zentralisierten weißen Figuren und die auf f5 entstehende Schwäche erweisen sich als schwerwiegender. 16.Lg3 Tg7 17.Sf5 Tg6

18.f4! Weiß zeigt sich unbeeindruckt. 18...gxf4 19.Txf4 Kh8 20.Th4 Schon tauchen die ersten Drohungen auf: Tausch auf e5 nebst nachfolgendem Txh7. 20...Lf8 21.Lxe5 Strategisch vollauf gerechtfertigt: der Springer ist die stärkste schwarze Figur und die Läufer sind in dieser Stellung nicht so stark wie die weißen Springer. 21...fxe5 22.Tf1 De6 23.Sb5 Dg8 24.Tf2 Heute würde man dies wohl einen prophylaktischen Zug nennen. Weiß schützt vorsorglich den Punkt g2. 24...a6 Opfert einen Bauern in der Hoffnung auf Gegenspiel. 25.Sxc7 Tc8 26.Sd5 Lxd5 27.exd5 Tc7 Schwarz kann schlecht auf d5 nehmen. Es folgt: 27...Dxd5 28.Txh7+ Kxh7 29.Dh5+ Lh6 30.Se7 De4 31.Sxg6 De1+ 32.Tf1 De3+ 33.Kh1 mit Gewinnstellung für Weiß, z.B.: 33...Txc2? 34.Tf7+ Kg8 35.Se7+ Kh8 36.Tf8+ Kg7 37.Df7# 28.c4 Le7 29.Th5 De8

30.c5! Energisch bis zum Schluß. 30...Txc5 31.Txh7+ Kxh7 32.Dh5+ Kg8 33.Sxe7+ Kg7 34.Sf5+ Kg8 35.Sxd6 Schwarz gab auf. Eine Partie, in der Morphys Spiel leicht, harmonisch und nahezu perfekt wirkt, und die ahnen läßt, warum Fischer Morphy für den (zweit)-besten Spieler aller Zeiten hielt.

 

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