LANGER ABEND

Oder: Wie ein 65-jähriger Blindsimultan-Weltrekord in Sontheim von dem FIDE-Meister Marc Lang zu Fall gebracht wurde.

TEXT UND BILD: HARRY SCHAACK

 


Marc Lang vor seinem Laptop
mit der Eingabemaske für seine Züge

Mehr als 1000 Züge hat Marc Lang angesagt, über 21 Stunden hat er gespielt, und am Ende gegen 46 Kontrahenten 34,5 Punkte ohne Ansicht des Brettes geholt. Damit war der legendäre Blindsimultan-Weltrekord von Miguel Najdorf, den er vor 65 Jahren in im brasilianischen São Paulo an 45 Brettern aufgestellt hatte, Geschichte.

Dank des Sponsors Astra Tech, der für den finanziellen Ausfall einstand, konnte sich Lang ein halbes Jahr beruflich freistellen lassen und sich mehrere Monate voll auf seine Aufgabe konzentrieren. Auch an seiner Physis hat er hart gearbeitet, denn er rechnete im Vorfeld mit über 30 Stunden Spielzeit. Sein Aufwand hat sich ausgezahlt, denn gegen seine Kontrahenten, die teilweise in Teams spielten und sich in der Nacht abwechselten, verlor er nur zwei Partien, gewann 25 und remisierte 19. Um den Rekord Najdorfs zu schlagen, hätten 23,5 Punkte gereicht, doch sein angestrebtes Ziel waren 30 plus x. Am Ende war er schneller und erfolgreicher als bei seinem Europarekord im vergangenen Jahr, als er „nur“ gegen 35 Spieler angetreten war. Seine Strategie, aggressiv zu spielen, hatte sich ausgezahlt.


Da habe ich doch was übersehen ...

Erstaunlich ist die Lockerheit, mit der Lang auftritt. Selbst nach dem Ende der Veranstaltung war er noch fit und zeigte kaum Anzeichen von Erschöpfung, weder physisch noch psychisch. Im Anschluss an seine heroische Leistung gab er sogar noch einige Interviews.


Immer gelassen: Lang gibt direkt nach
seinem Weltrekord Interviews. Im Hintergrund seine Frau.

An 46 Brettern zu spielen ist selbst für sehende Simultanspieler eine Herausforderung. Wie schwer das ist, zeigte Vlastimil Hort, der zum Auftakt in Sontheim dieselbe Gegnerzahl stemmte und fast sechs Stunden brauchte. Hort, der die Partien in der Gemeindehalle live kommentierte, war vom Erfolg Langs begeistert. Nachdem er vor etlichen Jahren gegen 23 Widersacher blind gespielt hatte, benötigte er ein halbes Jahr, um wieder auf die Beine zu kommen. Er warnte Lang vor gesundheitlichen Schäden. Doch offenbar verfügt der 41-Jährige über eine besondere Technik, die es ihm ermöglicht, sich nicht zu sehr auf die Partien zu fokussieren. Er muss über ein gewaltiges fotografisches Gedächtnis verfügen, das auch nach einiger Zeit kaum verblasst. Es erlaubt ihm, selbst nach einer einstündigen Pause die Partien ohne Probleme fortzusetzen. Störungen durch starke Geräuschkulisse oder Geplauder von Menschenmengen kennt er nicht. Für ihn ist es, wie wenn er virtuelle Räume betritt, in denen die Bretter aufgebaut sind. Und in die kehrt er zurück, sobald er seinen Zug ausführt.


Vlastimil Hort beim Auftakt-Simultan - sehend an 46 Brettern (unten gegen den späteren Blindsimultan-Weltmeister Marc Lang)

Viele, die Lang kennenlernen, sind verwundert. Von jemandem, der eine solch außergewöhnliche Gedächtnisleistung vollbringt, erwartet man vielleicht nicht unbedingt, dass er so unkompliziert und umgänglich – kurz: so überraschend „normal“ ist. Seine Gabe zum Blindschach entdeckte er, als er mit einem Freund in einem Lokal Schach spielen wollte, das aber unerwünscht war. Deshalb spielten sie blind. Dieses Talent baute er mehr und mehr aus. Mit seinem Blindsimultan-Weltrekord hat er sich nun einen Traum verwirklicht.


Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Sontheim/Brenz:
v.l. : Roland Mayer, Vlastimil Hort, Klaus Wolfermann, Jan Gustafsson, Bürgermeister German Fries, Dr. Karsten Wagner

Der FIDE-Meister spielt seit zwei Jahren in Sontheim/Brenz, dem mit 138 Mitgliedern größten Dorfverein Deutschlands, wie der Erste Vorsitzende Roland Mayer stolz erklärt. Eine Bezahlung wollte Lang nicht, aber Unterstützung für sein Blindschach-Projekt. Der Vorsitzende machte sich an die Arbeit, konnte er doch auf hochmotivierte Mitglieder zurückgreifen. Nachdem der Verein den Blindsimultan-Europarekord, den Lang bravourös meisterte, durchgeführt hatte, meldete sich ein potentieller Sponsor. Erst als Dr. Karsten Wagner von Astra Tech überschwänglich zum Europarekord gratulierte, realisierte Mayer, dass es die Firma ernst meint. Wagner ist ein starker Hobby-Schachspieler, und sah eine Möglichkeit, Schach strategisch für seine Firma als Werbeplattform zu nutzen. Astra Tech ist eines der führenden Unternehmen für Zahnimplantate. Und Strategie spielt eine Rolle, wenn man über Zahnerneuerung nachdenkt. Wagner will diese PR-Idee für seine Firma ausbauen und auch künftig Schach unterstützen. Und eine Veranstaltung wie die in Sontheim, mit einem großen medialen Wiederhall weit über das Schach hinaus, ist dazu gut geeignet. Gleich mehrere Fernsehsender waren vor Ort und eine Radiostation berichtete live über das Ereignis.


Der Olympiasieger im Speerwerfen von 1972
Klaus Wolfermann macht den Eröffnungszug. Mit Schwarz Chefentwickler Dr. Stig Hansson von Astra Tech

Lang fragte auch beim Guinness Buch der Rekorde an. Doch die hatten keine „Blindschachsimultan“- Rubrik. Sie empfahlen ihm, etwas anderes zu machen, in Ketchup zu baden oder Telefonbücher zu zerreißen. Danach hatte er genug und war sich sicher, auch so genügend Aufmerksamkeit zu erhalten.


Daniel Häussler kurz vor dem Sieg
in der Handycappartie gegen Jan Gustafsson

So gewaltig die Leistung Langs ist, so zeitaufwändig ist sie auch. Er brauchte fast eine Stunde, um eine Runde zurückzu­legen. Deshalb haben sich die Veranstalter Dank Sponsoren wie Consol ein reichhaltiges Rahmenprogramm geleistet. Die ganze Nacht hindurch gab es einen 24-Stunden Blitz-Grand-Prix, der mit einem großen Preisfond von 1400 Euro gut dotiert war. Zudem bewiesen die Veranstalter ein gutes Händchen, als sie Jan Gustafsson verpflichteten, der als frisch gekürter Europameister nach Sontheim kam. Er spielte gegen vier Gegner mit einer DWZ zwischen 1600 und knapp 2000 jeweils zwei Schnellpartien mit Springervorgabe. Ein Showkampf, dessen Ausgang der Hamburger nicht vorherzusagen wagte, den er aber schließlich knapp mit 4,5:3,5 gewann.


Jan Gustafsson gegen Thomas Leyrer

Selbst ein Konzentrationswunder wie Marc Lang braucht zwischendurch Erholung, weshalb es alle vier Stunden Pausen gab. Dann nahm er viel Eiweiß und Kohlenhydrate zu sich. Seine Frau, die vor Beginn deutlich nervöser war als der Hauptdarsteller, sorgte für die gedächtnisfördernde Verpflegung, vor allem für ausreichend Tee. Kaffee ist Gift für die Konzentration, sagt Lang. Das hat er einmal versucht. Es half kurzfristig, doch danach bekam er Kopfschmerzen. Deshalb hat er sich diesmal von einem Ernährungswissenschaftler beraten lassen.


Helfer Harald Keilhack

Langs Freund Harald Keilhack, selbst FM, führte die Züge an den Brettern aus, um Unregelmäßigkeiten zu vermeiden. Es soll vorgekommen sein, dass ein Gegner eine Figur vom Brett geworfen und dann falsch wiederaufgebaut hat. Andere analysierten ihre Stellung und konnten die Ausgangsposition nicht mehr re­konstruieren. Dank Keilhack wurden solche Missverständnisse schnell korrigiert.


Lang hatte Befürchtungen, die Partien könnten seinen eigenen qualitativen Ansprüchen nicht standhalten. Dabei spielte er nicht nur kreativ, sondern auf einem guten Niveau. Nur einmal stellte er einen Turm ein. In einer anderen Partie hatte er kurz nach seinem Zug bemerkt, dass er einzügig die Dame hätte gewinnen können. Er bekennt solche Ausrutscher freimütig und diskutiert sie mit den Zuschauern. Seine Gegner weist er gelegentlich auf Fehler hin oder verrät, dass er eine Hausvariante gespielt hat. Nur zweimal sind ihm unmögliche Züge unterlaufen, die er aber sofort korrigieren konnte. Vier weitere Male hat er das Ausgangsfeld der Figuren falsch angegeben – eine zu vernachlässigende Quote.

Natürlich hat Lang Techniken, die ihm das Blindspiel erleichtern. Er hat sich auf seine Klientel gut vorbereitet, hat Partien von seinen Gegnern gesichtet, und die Sitzordnung im Simultan selbst arrangiert. Der DWZ-Schnitt betrug etwa 1550, was leicht unter dem Schnitt der Mitglieder des DSB liegt. Ein Drittel seiner Gegner kannte er, weil sie aus seinem Verein kommen. Die anderen haben sich extern um einen Platz beworben. Die guten Spieler kann Lang in der Regel besser kontrollieren. Die Schwächeren, die unorthodox spielen, sind problematisch. Auch weil sie oft erst spät aufgeben.

Um sich die Stellungen besser merken zu können, teilte Lang das Simultan in Fünferblöcke auf, die sich aus je vier Weiß- und einem abschließenden Schwarzbrett zusammensetzten. Jede einzelne Sektion stand unter einem bestimmten Motto. Fianchettierte Läufer, Gambits, oder die schnelle Springerentwicklung nach c3 gaben den einzelnen Partieblöcken rasch unverwechselbare Gepräge.


Hautnah dabei: Das Fernsehteam

All diese Techniken ließen den Rekord von außen für die zahlreichen Zaungäste fast mühelos erscheinen. Man hatte den Eindruck, Lang hätte ohne weiteres an noch mehr Brettern spielen können. Ob er sich noch einmal zu einer Verbesserung seines Rekordes hinreißen lässt, wusste er noch nicht. „Aber jetzt muss ich erst einmal ausschlafen,“ sagte der Protagonist am Ende eines langen Tages dann doch etwas erschöpft.

 

 

Alle Infos, Tabellen und die bereits kommentierten Partien gibt es auf Marc Langs Blog: www.blindsimultan.de