LIEBE LESER,

einer der bemerkenswertesten Schachspieler der Geschichte ist zweifellos der 9. Weltmeister Tigran Petrosjan. Seine Schachauffassung unterscheidet sich so signifikant vom „Mainstream“, dass es schwer fällt, jemanden zu nennen, dessen Stil mit ihm vergleichbar wäre.

Obwohl Weltmeister, genießt Petrosjan unter den Champions keinen guten Ruf. Der Grund sind seine Friedfertigkeit und mangelndes Selbstbewusstsein, was im Verbund zu vielen Punkteteilungen führte. Doch der Leser sei gewarnt: Petrosjans Remisen haben es oft in sich. John Watson schrieb, er sei vielleicht der Spieler, der die meisten brillanten Partien gespielt hat, die unentschieden endeten.

Meine eigene Faszination für Petrosjan speist sich aus einem anfänglich tiefen Befremden beim Nachspielen seiner Partien. Bei keinem anderen Spieler stieß ich so oft auf ungewöhnliche Manöver, überraschende Umgruppierungen, bizarre und mysteriöse Züge. Seine positionellen Qualitätsopfer, die langen Königswanderungen, und besonders seine kleinen Turmzüge hatten es mir in meiner Jugend angetan. Bei genauerer Betrachtung findet man bei Petrosjan ein Harmoniegefühl für sein Figurenspiel, das schlicht grandios ist. Seine Weitsicht und die damit einhergehende Prophylaxe machten ihn zu einem fast unüberwindbaren Bollwerk. Doch irgendwie hat man immer das Gefühl, dass dieser Spieler, obwohl er Weltmeister war, sein Potential nicht ausgeschöpft hat.

Mihail Marin vermittelt den KARL-Lesern einen Eindruck, wie Petrosjan Pläne schmiedete. Und der enge Freund des 9. Weltmeisters, die Schachlegende Juri Awerbach, erläutert seine Bedeutung für die Gegenwart. Mein besonderer Dank gilt Lothar Schmid, ohne dessen zahlreiche Fotos diese Ausgabe so nicht denkbar gewesen wäre.

Sei noch auf das Porträt von Rainer Buhmann hingewiesen, der kürzlich die 2600er-Elogrenze geknackt hat.

Noch ein Wort in eigener Sache: Neuerliche Gebührenerhebungen der Deutschen Post für Auslandssendungen zwingen uns, unsere sehr moderaten Preise für die Auslands-Jahresabos ab 2010 anzuheben. Künftig kostet der Bezug im europäischen Ausland 26,- Euro, weltweit 28,- Euro.

Harry Schaack

editorial