HÄSSLICHES MITTELMASS

VON HARRY SCHAACK

Mit einem Augenzwinkern widmet sich Lothar Nikolaiczuk in seinem Buch Remis bitte? Wie bitte? dem Unentschieden als einem weitgehend überflüssigen Phänomen. Eigentlich handelt es sich um ein Taktik-Buch, denn es werden unter verschiedenen Rubriken Stellungen präsentiert, die allesamt Remis endeten, obwohl doch so viel mehr „drin“ gewesen wäre.

Nach einer kurzen Einleitung, die sich dem Sinn und Unsinn der Punkteteilung widmet und einen kleinen Ausflug in die Geschichte wagt, präsentiert der Autor unter verschiedenen Gesichtspunkten zahlreihe Diagramme zum Selbstlösen. Mal ist eine Pointe übersehen worden, ein anderes Mal ist es Schachblindheit. Im Kapitel „Mehr oder weniger Dauerschach“ finden sich Beispiele, in denen die Seite, die auf Gewinn steht, mit großem Aufwand ein brillantes Dauerschach produziert – anstatt den ganzen Punkt einzufahren.

Jede Lösung wird mit einem ausführlichen und humorvoll-ironischen Kommentar begleitet. Eigentlich führt der Autor weniger schachliche als menschliche Schwächen vor Augen, bedingt durch einen inneren Sicherheitsdrang, dem Hang zum Allzufriedlichen. Insbesondere im Abschnitt „Warum Remis – statt Glanzpartie?“ ist man unweigerlich an Harry Moseby alias Gene Hackman in „Night Moves“ erinnert, der in einem der besten filmischen Schachanalogien eine ausgelassene Glanzkombination zum Symbol für vergebene Möglichkeiten des Lebens werden lässt. So hat Nikolaiczuks Buch immer auch etwas Tragikomisches. Da wird ein Remis zum Versagen, zu einem Nicht-zu-Ende-gebrachten, einer Leerstelle – ja zu einem Lebensversäumnis, dem ein ungewolltes nihilistisches Element innewohnt, das sowohl auf einen Kenntnismangel als auch auf eine Charakterschwäche zurückzuführen ist. Das Remis als eigene Beschränkung.


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Lothar Nikolaiczuk,
„Remis bitte? Wie bitte?“
Joachim Beyer Verlag 2014, Hardcover,
195 S., 19,80 Euro

Das Rezensionsexemplar
wurde freundlicherweise
vom Joachim Beyer Verlag
zur Verfügung gestellt.