„EIN REIZENDES BILD DES GANZEN MENSCHLICHEN LEBENS“

VON HARRY SCHAACK

 

Johann Jacob Wilhelm Heinse ist vermutlich in Schach- bekannter als in Germanistikkreisen. Sein sperriges Hauptwerk, der Ardinghello, ist heute fast vergessen, ebenso wie seine Verdienste um die Wiederentdeckung von Peter Paul Rubens. Da verwundert es, dass gerade seine 1803 posthum erschienene Anastasia und das Schachspiel eine bis heute andauernde Bekanntschaft genießt.

Dank des übersichtlichen Buchmarktes in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kann man davon ausgehen, dass die Anastasia in den
meisten Schachvereinen jener Zeit zum Bestand gehörte. Bilguer hat auf das mehrfach nachgedruckte und übersetzte Werk bei den Analysen zur Italienischen Eröffnung in seinem berühmten Handbuch des Schachspiels von 1843 zurückgegriffen.

Dabei ist die Anastasia weder ein Schachbuch, noch ein Roman. Es ist eher eine jener belehrenden Schriften in Brief- und Diskussionsform. Die nur skizzierte Rahmenhandlung spielt in Italien. Der erste Teil des im Original zweibändigen Werks, in deren Mittelpunkt die begabte 14-jährige Schachspielerin Anastasia steht, beschäftigt sich mit der Frage, was unter dem Schachspiel zu verstehen ist. Die Gesprächspartner bemühen bekannte und weniger bekannte Analogien. Auch der Geniegedanke kommt zur Sprache, der für Heinses Oeuvre so bedeutend ist.

Als schachliche Vorlage dienen Heinse Partien, die er den Osservazioni des bedeutenden Modeneser Schachtheoretikers Giambattista Lolli entnommen hat. Die moderne italienische Schule begann zu jener Zeit die als veraltet geltenden Auffassungen Philidors abzulösen.

Heinses anfänglich prosaischer Text geht mehr und mehr über in eröffnungstheoretische Ausführungen, die zusammen mit 33 angehängten Schachproblemen den größten Teil des Buches ausmachen. Eines davon ist berühmt geworden. Das Anastasia-Matt.

Eine Schwierigkeit der Heinse-Rezeption war stets die schlechte Editionslage. Die Sämtlichen Werke liegen lediglich in einer Auflage von 1903ff vor, die modernen Ansprüchen längst nicht mehr genügt. Erfreulicherweise gab es in den letzten Jahren einige Neuerscheinungen. Dem Hamburger Jens-Erik Rudolph Verlag ist es zu verdanken, dass Heinses Klassiker nun wieder greifbar ist. Lobend ist zu erwähnen, dass die Wiederauflage die alte Orthographie beibehält, sodass die Quelle originalgetreu vorliegt. Lediglich die Anzahl der Diagramme ist erweitert und die umständliche Zugbeschreibung durch eine figurine Notation ergänzt, sodass dem heutigen Lesern nun auch die Partien zugänglicher sind.


 

anastasia

 

Das Rezensionsexemplar
wurde freundlicherweise
vom Jens-Erik Rudolph Verlag
zur Verfügung gestellt.