LIEBE KARL-LESER,

unser Schwerpunktthema kommt zur rechten Zeit, denn gerade läuft die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien. Die Motivation könnte den Ausschlag für den Sieger geben. Dabei ist Motivation ein sehr abstrakter Begriff. Für jeden Menschen, jeden Sportler oder Spieler mag der Antriebsgrund etwas anders aussehen. Doch das Thema hat sich in den letzten Jahren immer mehr in den Vordergrund der Sportunter­suchungen geschoben, weil unter gleichstarken Gegnern nicht selten gerade dieser Aspekt den Unterschied ausmacht.

Einer, der weiß, wovon er redet, ist Hockeynationaltrainer Markus Weise. Schon
dreimal hat er seine Teams zum Olympiasieg gebracht. 2011 ist der passionierte Schachspieler „Trainer des Jahres“ geworden. Im Interview mit KARL erzählt er, wie man Sportler auf den entscheidenden Moment vorbereitet.

Welche Auswirkungen die Motivation im Schach haben kann, zeigt Mihail Marin. Er unterscheidet drei verschiedene Antriebsquellen. Dabei wird klar, dass Motivation und Psychologie enge Gefährten sind.

Motivation war wohl auch beim Kandidatenturnier in Chanty-Mansijsk der entscheidende Faktor. Dort dominierte im März für viele überraschend Vishy Anand, den die meisten Experten nach seinem Titelverlust Ende letzten Jahres bereits
abgeschrieben hatten. Wie sich der Inder auf dieses Ereignis vorbereitete und welche Rolle Motivation in seiner Karriere spielte, verrät der Exweltmeister im KARL-Interview.

Vielleicht gelingt Vishy ja das Comeback in der zweiten WM-Auflage gegen Magnus Carlsen im November in Sotschi. Ausgeschlossen scheint es nicht. In der Geschichte gab es jedenfalls schon einmal eine ähnliche Situation, als der 50-jährige Botwinnik seinen 27 Jahre jüngeren Gegner Michail Tal im Rückkampf bezwang. Johannes Fischer zeigt, dass Revanche ein starker Motivationsgrund sein kann.

Grundsätzlich kann man von inneren und äußeren Beweggründen sprechen, aber auch von momentanen und langfristigen. Michael Negele beschreibt in seinem Beitrag über Henry Edward Bird einen Mann, der das Schach in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts maßgeblich mitgeprägt hat und für den sein ganzes Leben lang seine Passion zu den 64 Feldern eine entscheidende Triebfeder seines Tuns gewesen ist.

Die vielleicht stärkste Motivation entsteht, wenn es ums eigene Überleben geht. Erst kürzlich stand der Deutsche Schachbund am Abgrund, weil das Ministerium des Innern die Förderungsmittel komplett gestrichen hatte. Glücklicherweise wurden diese restriktiven Streichungen nach großen öffentlichen Protesten Anfang Juni wieder zurückgenommen. KARL sprach mit dem DSB-Präsidenten Herbert Bastian über die Einzelheiten und den Status quo.

Die Chancen für den DSB, auch in Zukunft Erfolge feiern zu können, stehen gar nicht so schlecht. Kürzlich ist Liviu-Dieter Nisipeanu zum Deutschen Schachverband gewechselt und wird unser Team im August bei der Olympiade in Tromsø verstärken. Für KARL ein guter Anlass für ein Porträt des Rumänen mit deutschen Wurzeln.

Noch ein Wort in eigener Sache: Der Deutsche Schachbund hat Anfang Juni das kulturelle Schachmagazin KARL als erste Schachzeitschrift überhaupt mit dem „Deutschen Schachpreis“ ausgezeichnet. Eine schöne Anerkennung, die uns motiviert, weiter­hin unser Bestes zu geben.

Harry Schaack

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