GUTE JAHRE MIT GROSSEN MATCHES

Ein Interview mit Weltmeister Vishy Anand, für den die Rheingoldhalle so etwas wie ein „Wohnzimmer“ war. Insgesamt siegte er bei den Chess Classic elfmal, neunmal davon hintereinander – eine der bemerkenswertesten Serien im professionellen Schach.

Vishy Anand, HW + Conni Schmitt
Ein starkes Team:
Weltmeister Vishy Anand, Hans-Walter und Conni Schmitt

(Foto: HW Schmitt privat)

(Das Interview ist folgend auszugsweise wiedergegeben. Den ganzen Text lesen Sie in KARL 2/11)

KARL: Wie haben Sie die Nachricht vom Ende der Chess Classic aufgenommen?

VISHY ANAND: Hans-Walter [Schmitt] sagte mir einige Wochen vor der offiziellen Verkündung, dass es schlecht aussieht. Ich war natürlich sehr traurig über die Absage, und das ging nicht nur mir so. Vielen Profis lag dieser Event am Herzen. Man hatte dort immer eine großartige Zeit, es war das perfekte Sommerturnier. Die Veranstaltung ist über die Jahre hinweg riesig geworden. Das ORDIX Open hatte zum Schluss im Schnitt 700 Teilnehmer – das ist wirklich etwas. Aber ich verstehe, dass Hans-Walter unter den schwierigen aktuellen Bedingungen eine Pause machen musste. Ich hoffe, dass die Chess Classic vielleicht in zwei oder drei Jahren fortgesetzt werden können, wenn sich die Situation verbessert hat. Ein definitives Ende wäre furchtbar beklagenswert, denn es war das beste Turnier, das es in Deutschland gab.

Sie sind seit dem Beginn vor 17 Jahren eng mit der Veranstaltung verbunden. Was bedeuteten die Chess Classic für Sie?

Für mich war es einfach ein großer Event, an dem ich regelmäßig teilnahm. Der Stellenwert wuchs, als Hans-Walter begann, die inoffizielle Schnellschach-Weltmeisterschaft auszutragen. Die FIDE hatte zwar bis dahin eine Weltmeisterschaft im Blitz organisiert, aber keine im Rapid. Es gab zwar noch andere Schnellschach­events, aber die Chess Classic waren sicher der Höhepunkt und trugen zu Recht die Bezeichnung „Weltmeisterschaft“, weil die gesamte Weltspitze teilnahm.

Als Sie das erste Mal in Kontakt mit Hans-Walter Schmitt kamen, bat er Sie, für die ersten Chess Classic ein Simultan zu geben – an 50 Brettern. Erinnern Sie sich an diesen Moment?

Allerdings, das war 1994. Anfangs hatte ich den Eindruck, etwas läuft ernsthaft schief. Wir verstanden uns zu Beginn recht schlecht. Ich sprach noch kein Deutsch und sein Englisch war noch nicht so gut. Mir war aber klar, dass wir schnell unsere Kommunikation verbessern mussten. Vieles ging in der Übersetzung verloren. (lacht)
Nach unserem ersten Kontakt willigte ich in ein Simultan ein. Daraufhin schickte er mir einen Brief, in dem er mir mitteilte, dass ich zwei Simultanvorstellungen an 50 Brettern spielen sollte – und ich sagte sofort: Nein! Wegen des großen Interesses einigten wir uns auf zweimal 40 Bretter. Diese recht große Teilnehmerzahl wurde fortan zum Chess Classic-Standard.
Wir begannen schnell, uns gut zu verstehen. Er und seine Frau Conni waren rührende Gastgeber. Und ich fühle mich in Bad Soden bis heute sehr wohl.
Lange Zeit war Hans-Walter mein Glücksbringer. Wenn er zu einem Turnier kam, gewann ich. Das ging eine ganze Weile so und das verband uns irgendwie.

Können Sie sich noch erinnern, wann Sie Schmitt das erste Mal getroffen haben?

Ja, als ich das erste Mal in Frankfurt-Zeilsheim Simultan spielte. Ich habe Hans-Walter als eine warmherzige, aber auch sehr energische Person kennengelernt. Er war jemand, der Schach wirklich liebte und etwas Besonderes dafür tun wollte. Viele meiner Kollegen schätzen ihn aus diesem Grund.
Oft blieb ich nach den Chess Classic noch eine Woche in Bad Soden, bevor ich zum Turnier nach Dortmund weiterzog. Die beiden Veranstaltungen lagen früher zeitlich direkt hintereinander. Bei Hans-Walter war man immer willkommen. Das war sehr angenehm. Für viele von uns war das wie ein Zuhause.

Dabei sind Sie vom Charakter her doch sehr unterschiedlich. Es überrascht, dass sie so gut zusammenpassen.

Ja, manchmal klappt es gerade dadurch so gut. Auch wenn wir uns nicht immer völlig verstehen (lacht). Wir wohnen nebeneinander und kennen uns mittlerweile so gut, dass wir nicht mehr viel sagen müssen. Unsere Zusammenarbeit geht ja über die Chess Classic hinaus und ist noch nicht beendet.

Wie sehen Sie im Rückblick die Entwicklung der Chess Classic?

Anfangs suchte Hans-Walter noch nach einer Vision. Als er Siemens als Sponsor gewonnen hatte, war ich mir sicher, dass er als Organisator den Durchbruch geschafft hatte. Denn mit diesem Vertrag wuchs die Veranstaltung immens.
Ich denke, er lag mit seiner Auffassung richtig, kein klassisches Schach zu machen, sondern sein eigenes „Ding“. Hans-Walter und das Chess Tigers Team begannen mit Rapid. Und spätestens 1998, mit dem potenten Sponsor Siemens, wurde klar, dass dies eine Zukunft haben wird.
Als die Chess Classic 2001 nach Mainz umzog, war ich zunächst skeptisch. Aber Hans-Walter akquirierte schnell viele Sponsoren aus der Gegend. Man sah sofort, wie das Gesamtkonzept aufging: Familien kamen, man konnte in die unglaublich schöne Altstadt oder am Rhein spazieren gehen, für Kinderbetreuung war gesorgt. Für jeden war etwas dabei. Oder wie Hans-Walter sagte: Wenn die Spieler ihre Familie mitbringen können, dann ist es für sie viel leichter, am Turnier teilzunehmen.
Als er den Gourmet Club einführte, glaubte ich erst nicht an den Erfolg. Aber dann begriff ich, dass es ein sehr gutes Angebot für die Sponsoren war. Die fühlten sich wohl. Ich denke, Hans-Walter hatte eine ganze Menge guter Ideen. Sein eigener beruflicher Hintergrund als Manager bei Siemens hat dabei sicher geholfen. Ich denke, wenn man heute ein großes Turnier veranstalten will, dann war das ein Konzept, von dem man sich eine Menge abschauen kann.

Sie standen dem Organisator stets mit Ihrem Rat zur Seite. Hatte Ihnen Schmitt davon erzählt, dass er Chess960 in Mainz einführen will?

Ja, wir sprachen oft darüber. Uns war klar, dass man erst einmal einige hochkarätige Turniere durchführen muss, um die Idee in die Köpfe zu bekommen. Nachdem ich 2009 erstmals selbst Chess960 gespielt hatte, bedauerte ich, es nicht öfter getan zu haben. Ich nahm das damals sehr ernst und bereitete mich mehrere Tage darauf vor. Aber zwei Chess Classic Turniere in sechs Tagen haben mich ausgelaugt.
Viele meiner Kollegen finden, dass Chess960 die perfekte Art ist, Schach zu spielen. Und zwar deshalb, weil sie morgens spazieren gehen und sich entspannen können, anstatt sich den ganzen Vormittag auf den Gegner vorzubereiten. Hans-Walter dachte, Chess960 sei vor allem reizvoll für Amateure, weil sie keine Eröffnungskenntnisse brauchen. Aber die Großmeister haben das vermutlich noch mehr genossen.
Das war ein einzigartiger Event. Ohne die Classic entsteht gerade hier eine Lücke, die nicht leicht gefüllt werden kann.

Die Chess Classic haben viele Höhepunkte gehabt. Einer davon war das Top Ten-Turnier 2000. Können Sie Sich an dieses außerordentliche Ereignis erinnern?

Die erste Hälfte des Jahres lief nicht sehr gut für mich. Meine Resultate waren schon seit Ende 1999 sehr durchschnittlich. Bei den Chess Classic verlor ich dann vor dem eigentlichen Turnier erstmals in einem kurzen Match gegen einen Computer. Das war ein sehr unerfreuliches Gefühl, das mich zunächst sehr verunsicherte. Doch ich konnte noch drei Tage in Bad Soden ausspannen, und der Wunsch zu spielen kam zurück. Am ersten Tag gewann ich gleich mehrere Partien und übernahm die Führung.
Dieser Start war sehr ermutigend und ich konnte das Turnier sehr überzeugend mit deutlichem Vorsprung gewinnen. Das war für mich ein sehr wichtiger Erfolg, weil dadurch in der zweiten Hälfte des Jahres auch mein Selbstvertrauen wieder zurückkehrte. Darüber hinaus war das ein überaus wertvoller Turniersieg, eine wahre Schnellschachweltmeisterschaft, denn es hatten ausnahmslos die Allerbesten der Welt teilgenommen.

(Der Artikel ist auszugsweise wiedergegeben. Den ganzen Text lesen Sie in KARL 2/11)