LIEBE LESER,


der Meister des Langmuts, John Cage, sagte einmal: „Wenn Dir etwas nach zwei Minuten langweilig erscheint, versuche es vier Minuten. Ist es immer noch langweilig, versuche es acht Minuten, 16, 32, usw. Schließlich wird man entdecken, dass es überhaupt nicht langweilig ist, sondern sehr interessant!“

In gewisser Weise trifft das auch auf das Endspiel zu. Vielen ist die letzte Partiephase ein Gräuel und mancher Vereinsspieler kommt sein ganzes Leben ganz gut ohne Kenntnisse in diesem Bereich zurecht. Daher ist es nicht verwunderlich, dass das Endspiel der Teil des Schachspiels ist, der am wenigsten beachtetet wird. Das jedenfalls kann man an der im Vergleich zu den anderen Partiephasen kargen Literatur ersehen. Allerdings ist in den letzten Jahren offenbar ein Gesinnungswandel eingetreten, denn die Publikationen zur Schlussphase der Partie haben gewaltig zugelegt. Vielleicht hängt diese Entwicklung mit der verkürzten Bedenkzeitreglung zusammen, unter der das Endspiel am meisten leidet und das ein größeres Grundwissen erforderlich macht. In unseren Rezensionen geben wir einen Überblick über die Neuerscheinungen.

Mit dem vorliegenden Heft hoffen wir, Lust aufs Endspiel zu machen, denn bei Lichte betrachtet ist im Schach kaum etwas so faszinierend und überraschend wie ein gelungenes Schlussspiel. Das weiß auch Gerald Hertneck, der schon lange ein Afficionado des Endspiels ist. In seinem Artikel gibt der Münchner Großmeister einen Überblick über die Geschichte der Endspielliteratur. Er spannt den Bogen von der Vergangenheit bis in die Gegenwart und gibt lehrreiche Partiebeispiele.
Der Hamburger Großmeister Karsten Müller, ein anderer deutscher Experte auf dem Gebiet unseres Schwerpunktes, stellt – auch anlässlich des kürzlichen Todes des amerikanischen Weltmeisters – die so genannten Fischer-Endspiele mit der Konstellation Läufer gegen Springer vor.
Einer der besten Problemkomponisten unseres Landes, Jürgen Fleck, gibt eine kurze Stilgeschichte der Studien, die Schach in seiner reinsten Schönheit zeigen.
Daran schließt sich der Artikel von Robert K. von Weizsäcker an. Der 1. Vorsitzende des DSB erreichte mit seinem deutschen Fernschach-Team kürzlich den Sieg bei der Olympiade. In seinem Artikel für KARL beschreibt er, dass trotz des Einsatzes von Computern auch im Fernschach die Ästhetik eine Rolle spielen kann.

Vor dem Computerzeitalter verband der Turnierspieler das Endspiel vor allem mit einem Namen: Juri Awerbach. Sein „Lehrbuch der Schachendspiele“ ist bis heute eines der wichtigsten Referenzwerke auf diesem Gebiet. Im Interview mit KARL berichtet die lebende Schachlegende über die aufwendige Arbeit an seinem
Monumentalwerk, über den Einfluss der Computer und über seine Innovationen auf dem Gebiet des Damenendspiels.
Und Michael Negele widmet sich dem ersten großenEndspielexperten Johann Berger, der mit seinem monumentalen Hauptwerk „Theorie und Praxis der Endspiele“ einen Meilenstein der Schachtheorie vorgelegt hat. Die Biographie des Grazers zeigt aber auch ein erstaunlich schaffensreiches Leben.

Im Porträt stellen wir diesmal die deutsche Nachwuchshoffnung Georg Meier vor. Der junge Trierer Großmeister, der eine Vorliebe für den „Franzosen“ hat, kämpft um einen Platz in der Olympiamannschaft.

Harry Schaack