(UN)VOLLENDETE SCHACHKUNST
Das tragische Leben des Leonid Stein

 

VON MIHAIL MARIN // Übersetzt aus dem Englischen von Harry Schaack


(Der Artikel ist auszugsweise wiedergegeben.
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Die Lieblingsbücher meiner relativ großen Schachbibliothek sind zweifellos die Vidaiostscieschia schachmatistii Mira („Die herausragendsten Schachspieler der Welt“), die wegen der Farbe ihres Covers auch als schwarze Serie bezeichnet werden. Die Biographie der größten Heroen zu lesen und ihre Partien nachzuspielen, ist äußerst inspirierend. Große Kämpfe, wundervolle und überraschende Züge, tiefe Pläne und interessante Aspekte zu den Freuden und den Nöten der Elitespieler … Aber die Bücher, die mir am lebendigsten in Erinnerung geblieben sind, waren die, die mich emotional berührten, zumeist aufgrund des tragischen Verlaufs einer Spielerkarriere.

Viele Jahre war Akiba Rubinstein mein unumstrittener „sentimentaler“ Held, weil er als einer der stärksten Spieler aller Zeiten niemals ein Weltmeistermatch bestreiten durfte. Es dauerte bis 1997, als mir die Monographie von Gufeld und Lasarew über den ukrainischen Großmeister Leonid Zacharowitsch Stein in die Hände fiel und ich auf ein ähnlich tragisches Schicksal aufmerksam wurde.

Geboren am 12. November 1934 hatte Stein wie so viele andere seiner Generation eine schwierige Kindheit. Seine Familie musste nach Taschkent fliehen, als die Nazis seine Heimatstadt Kamenets Podolskie angriffen. Sein Vater starb kurz darauf, was die Entbehrungen der Familie noch verstärkte. Konfrontiert mit der täglichen Armut erlitt Leonid eine Herzkrankheit, die später – auf dem Höhepunkt seiner Karriere – seinen viel zu frühen Tod verursachte.

DER LANGE WEG ZUR NATIONALEN ANERKENNUNG

Stein erlernte das Schachspiel mit zehn Jahren. Schon bald wurde das immense Talent des Jungen offensichtlich. Er spielte sehr schnell, was bis zu seinem Tod eines seiner Markenzeichen blieb. Schon als Heranwachsender benötigte er oft nur
15-20 Minuten für die gesamte Partie, ohne dass sich die Qualität seines Spiels verschlechterte. Aber natürliches Talent geht selten mit Arbeitsfleiß einher, weshalb sich Steins Resultate stets in einem Schlingerkurs bewegten.

In jenen Jahren war der erste wichtige Schritt die Qualifikation für die Nationale Meisterschaft der sowjetischen Republiken – in Steins Fall der Ukraine. Aber diese Aufgabe war eine harte Nuss. Der bitterste Moment für Stein kam im Jahre 1959, als er im Halbfinale den vierten Platz belegte und damit die Qualifikation um einen Platz verpasste. 24 Jahre alt und immer noch weit vom nationalen Meistertitel entfernt, entschied er, sein Turnierspiel aufzugeben und sich auf die Trainertätigkeit zu fokussieren.

Aber plötzlich reichte ihm Fortuna die Hand. Einer der Finalisten erschien nicht zum Start und um das Feld der 22 Spieler zu komplettieren, gaben die Organisatoren Stein einen Freiplatz. Und dieses Mal ging alles gut. Er gewann die Bronzemedaille, erhielt den Meistertitel und durfte am Halbfinale der sowjetischen Meisterschaft teilnehmen!

 

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