BIBLIOPHILES JUWEL

TEXT UND BILD: HARRY SCHAACK

Mittelalterliche Manuskripte sind im wahrsten Sinne des Wortes einzigartig. Es existiert meist nur eine einzige Abschrift, weshalb die Schönheit nur wenigen zugänglich ist. Die valencianische Buchbinderei Scriptorium schickt sich an, das zu ändern. Sie liefert Nachdrucke in höchster Qualität. Mit der auf natürlichem Lamm-Pergament faksimilierten Ausgabe des berühmten Spielebuchs von Alfons X. "dem Weisen" ist ein handwerkliches Meisterwerk gelungen.

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„Das Buch der Spiele“ des spanischen Königs Alfons X. des Weisen.
Prachtausgabe auf natürlichem Lamm-Pergament faksimiliert, 198 S., (99 Folios), Format: 41 x 29 cm, in Samtkassette, mit begleitendem spanisch/englischem Kommentarband. Infos bei Bibliotheca Rara, Münster. Tel.: +49 (0) 251 48 227 20

Das 1284 in Sevilla vollendete Manuskript des Buchs der Spiele (so jedenfalls Ulrich Schädler in Alfons X., „der Weise“, Das Buch der Spiele (s.u.). Im Manuskript steht 1283.) liegt heute in der Bibliothek des von Phillip II. im 16. Jahrhundert erbauten Königspalastes von San Lorenzo El Escorial. Alfons X., der wegen der Förderung der Kultur "der Weise" genannt wurde, ließ das Spielebuch im 13. Jahrhundert in Auftrag geben. Ulrich Schädler, der das in spanischer Sprache verfasste Manuskript zusammen mit dem verstorbenen Ricardo Calvo übersetzt und kommentiert hat, bezeichnet es als das "wahrscheinlich schönste Buch zur Kulturgeschichte des Spiels überhaupt". Das Jahrhundert, in das die Entstehung des Buches fällt, war eine der Blütezeiten Spaniens, in der Araber, Christen und Juden friedlich zusammenlebten. Diese Koexistenz spiegelt sich motivisch im Detail in der Manufaktur von Alfons wider.

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Alfons X., „der Weise“, Das Buch der Spiele.
Übersetzt und kommentiert von Ulrich Schädler
und Ricardo Calvo. Hrsg. von Rainer Buland,
Wien: Lit Verlag, 2. Auflage 2011,
gebunden, 335 S., 29.90 Euro

Das Buch, dessen Originaltitel verloren gegangen ist, beginnt mit einer Anekdote, hinter der die von Theologen diskutierte Frage steht, ob der Mensch selbst für sein Schicksal verantwortlich ist oder ob Gott alles vorgegeben hat. Der König fragt seine drei Weisen, was das Wichtigste im Leben sei. Der erste Berater antwortet seinem König, es sei die Intelligenz und trägt ein Schachbrett unterm Arm, der zweite verweist auf das Glück und hat Würfel in der Hand, und der dritte meint, ein bisschen von beiden und führt ein Tricktrack (Backgammon) mit sich. Die einzelnen Spiele stehen für Rationalismus, Fatalismus und einen empirischen Pragmatismus.

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150 teils ganzseitige Miniaturen auf 99 Folios erläutern den Text. Der größte Teil der reich illustrierten Darstellung der mittelalterlichen Brett und Würfelspiele gebührt mit symbolischen 64 Seiten dem Schach. Dem königlichen Spiel ist auch das edelste Ambiente zugeordnet. Es findet meist in palastartiger, höfischer Umgebung statt. Lediglich die Darstellungen von Handwerkern, die die Spiele herstellen, bilden eine Ausnahme. Bei den Illustrationen zum Würfelspiel ist die Szenerie dagegen häufig ausgelassen, kneipenähnlich und bisweilen derb.

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Der Schachteil endet mit der berühmten Zeltszene: Die Lanzen stehen draußen, weshalb die Begegnung zwischen einem Christen und einem Araber freundlich zu deuten ist. Die Szene soll auf die historische Legende von Ibn Ammar und Alfons VI. zurückgehen, die ihren Konflikt anstatt auf dem Felde auf dem Schachbrett ausgetragen haben.

Die Miniaturen im Schachteil zeigen meist rechts und links zwei Spieler, nicht selten Frauen, und in der Mitte frontal ein Schachbrett, dass einem heutigen Diagramm nicht fern ist. Insgesamt enthält das Buch 103 Schachprobleme, die zum überwiegenden Teil arabischen Quellen entnommen sind.

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Der nun von der Manufaktur Scriptorium angefertigte Nachdruck lässt dieses wunderbare Beispiel mittelalterlicher Buchmalerei in einzigartiger Weise aufleben. Jedes Buch wird erst gebunden, wenn die Bestellung eintrifft. Die Auflage ist auf 390 Stück limitiert. Jedes Exemplar ist nummeriert, personalisiert und mit einer von einem Notar beglaubigten Urkunde versehen.

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Der Foliant wird mit einer samtbezogenen Schutzkassette geliefert.

Das Original wurde zuletzt 1964 in Pergament gebunden. Die jetzige Neuerscheinung der Firma Scriptorium hat auch die Mönche des El Escorial überzeugt. Sie denken nun darüber nach, die Handschrift neu einbinden zu lassen. Denn der Neudruck ist, wie es im 13. Jahrhundert üblich war, mit lederbezogenen Holzdeckeln gefertigt. Das Pergament benötigt ein schweres Gewicht, damit es sich nicht verformt. Früher waren deshalb Schließmechanismen angebracht, um die Deckel zusammenzuhalten.

Schon früher hat man versucht, das Spielbuch Alfons zu faksimilieren. Eine sehr schöne Arbeit stammt von 1913, ist aber nur schwarzweiß. Anlässlich der Weltmeisterschaft zwischen Kasparow und Karpow in Sevilla gab es 1987 ein weiteres auf Papier gedrucktes Faksimile. Doch der Druck wies große Farbabweichungen auf und ein Maßstabsfehler von etwa 6 % hatte sich eingeschlichen.

Das neue Faksimile der Manufaktur Scriptorium ist eine Sensation. Jedes Buch, für das die Felle von 52 Lämmern benötigt werden, ist eine handwerkliche Glanzleistung. Das Pergament wird in Verfahren hergestellt, die im Mittelalter üblich waren. Dadurch erhält jede Ausgabe eine einzigartige Haptik und ein Erscheinungsbild, wie es auf Papier unmöglich reproduzierbar ist.

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Der Druck ist absolut farbecht, teilweise mit Blattgold versehen. An einer Stelle, an der das Pergament des Originals eingerissen ist, ist auch der Nachdruck mit einer Naht versehen. Und die Bindung ist selbstverständlich handgenäht.

Für jeden bibliophil Interessierten ist dieses Buch ein Schatz. Allerdings sind die Kosten so immens, dass es wohl nur in ausgewählten privaten Sammlungen zu finden sein wird.