LIEBE LESER,

selten hat ein Thema so gut zu unserem Heft gepasst – wie das Titelbild, die KARLsbrücke in Prag, zeigt. Die goldene Stadt an der Moldau ist der Mittelpunkt unseres Heftthemas, das die lebhafte Schachgeschichte des böhmischen Gebietes über den Zeitraum von über 165 Jahren beleuchtet. Eine lange zeitliche Strecke, in der sich die Landesgrenzen oft verschoben haben. Deshalb wundert es nicht, dass neben schachlichen auch politisch-historische Aspekte Relevanz gewinnen.

Ausgangspunkt unserer Betrachtung ist Wilhelm Steinitz, über den schon viel geschrieben worden ist. Umso erstaunlicher ist es, wie viel Neues Michael Ehn in seinem Beitrag über die frühen Jahre des gebürtigen Pragers herausgefunden hat. Mit vielen, immer wieder tradierten Irrtümern kann er aufräumen und so das Bild des ersten Weltmeisters in mancher Hinsicht gerade rücken.

Anfang des 20. Jahrhunderts erlebte Böhmen eine schachliche Blütezeit, auch wegen der großen internationalen Turniere in Marienbad und vor allem Karlsbad, über die Michael Ehn berichtet. Einer der ersten Spieler des Landes war damals der heute fast vergessene Oldrich Duras, an den Jan Kalendovský und Michael Negele erinnern.

Lubos Kavaleks Biographie zeigt auf eindrückliche Weise, wie der Prager Frühling nicht nur die Geschichte der Tschechoslowakei verändert hat. Er zählte zu den ersten, die noch vor dem Einmarsch der Sowjets das Land verließen. In KARL berichtet er über seine politischen Schwierigkeiten, Zensur, seine Flucht sowie seine Zusammenarbeit mit Bobby Fischer und Nigel Short.

Die Schachszene des heutigen Tschechien wird durch Pavel Matocha maßgeblich mitgestaltet. Der durch seinen Irokesenschnitt unverwechselbare Organisator hat in den letzten Jahren durch mehrere originelle Projekte auf sich aufmerksam gemacht. Zuletzt realisierte er mit einer Rundreise durch Mitteleuropa ein Schachturnier in einem Zug. Im Interview erfährt der Leser, warum er zu den höchsten politischen und wirtschaftlichen Kreisen seines Landes beste Kontakte pflegt.

Niemand in Tschechien hat eine so hohe Elo-Zahl erreicht wie David Navara. In unserem Porträt über den zurückhaltenden Prager geht es um sein Studium, seine Karriere, seine Schwächen und seine Trainingsmethoden. Für KARL hat er einige
seiner Partien analysiert.

Mein besonderer Dank gilt dem Sammler und Chefredakteur der tschechischen Zeitschrift ŠACH info Bretislav Modr, der großzügig sein Bildarchiv zur Verfügung gestellt hat; zudem Mihail Konopka, der mir die wichtigsten Schachplätze in Prag gezeigt hat; Vlastimil Hort und Pavel Matocha für stete Unterstützung und schließlich dem Fotografen Martin Chrz, der mich in langen Gesprächen über die wechselhafte Geschichte Böhmens zu dem jetzigen neutralen Titel veranlasst hat.

Harry Schaack

 

 

editorial