LIEBE LESER,

Taktik ist ein weites Feld, möchte man sagen. Manche nennen sie die Seele des Spiel. Auf jeden Fall ist die Taktik ein elementarer Bestandteil des Schachspiels. Wie wichtig das Taktiktraining für den Fortschritt der Spielstärke ist, wird jedem Anfänger schnell bewusst, wenn er die ersten drastischen Opfer über sich ergehen lassen muss. Der Coach des tschechischen Nationalteams Michal Konopka gibt einen Einblick in seine Trainingsarbeit. Er zeigt, wie auch die großen Meister fehlgreifen, worauf es bei der Wahl der Übungsaufgaben ankommt, und warum für uns manche Lösungen so schwer zu finden sind.

Außerdem haben wir in unserem Heft einige der größten Kombinationsgenies versammelt. Michael Ehn nähert sich in fünf Anläufen dem Wiener Rudolf Spielmann, der dank zahlreicher spektakulärer Partien ein gern gesehener Gast auf Turnieren war. Trotz vieler Erfolge hat er es wegen seiner extrem schwankenden
Leistungen nie ganz nach oben geschafft.

Als wir vor eineinhalb Jahren an unserem Schwerpunkt „Botwinnik“ (vgl. KARL 3/2005) arbeiteten, fragten wir auch bei seinem großen Antipoden David Bronstein um ein Interview an. Unsere telefonische Anfrage wurde unmissverständlich und barsch abgeschmettert und mit dem Hinweis versiegelt, alles, was er in seinem Leben zu sagen hatte, habe er bereits gesagt – und nichts mehr hinzuzufügen! Im Dezember ist er im Alter von 83 Jahren verstorben. Johannes Fischer zeigt in seinem Nachruf, wie sehr Bronsteins Karriere von der Politik überschattet war.

Michael Negele widmet sich in seinem Artikel dem Exzentriker Emil Joseph Diemer. In seinem Porträt leuchtet er Diemers Schicksal aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln schlaglichtartig aus und lässt ihm mit einem Augenzwinkern eine Art „späte Genugtuung“ zukommen.

Im Porträt stellen wir diesmal einen in der Schachszene bis vor kurzem noch weitgehend Unbekannten vor. Der Stuttgarter Mathematikprofessor Christian Hesse hat kürzlich mit seinem Werk Expeditionen in die Schachwelt ein bemerkenswertes Stück Schachliteratur vorgelegt. Die Lektüre ist eine Reise durch die gesamte Welt der Schachgeschichte, dem Ungewöhnlichen und dem Überraschenden, kurz: Die Publikation zeigt Schach von seiner schönsten Seite und könnte als ideale Werbung für das Spiel der 64 Felder herhalten. Welcher Kopf hinter dem Buch steckt, lesen Sie auf S.44ff.

Besonders hingewiesen sei auf die Dokumentationen zweier bedeutender wissenschaftlicher Funde für die Schachgeschichtsforschung. Zum einen haben Brigitte
Felderer und Ernst Strouhal die früheste bekannte Erwähnung von Kempelens Schachautomaten, dem „Türken“, entdeckt. Zum anderen ist in der Bibliothek der Stiftung Coronini Gronberg in Gorizia ein verschollenes Manuskript des Mathematikers Luca Pacioli aus dem beginnenden 16. Jahrhundert gefunden worden, das nun zu den ältesten bekannten Schachbüchern zählt.

Schließlich haben wir diesmal einen großen Rezensionsteil zu bieten, der sich mit vielen Neuerscheinungen zum Thema Taktik beschäftigt. Dem Interessierten wird die Wahl unter der Vielfalt der Publikationen nicht leicht fallen.

Harry Schaack

Errata:
1) Versehentlich ist in unserem Heft 1/2007 beim Artikel von José Antonio Garzón über den Fund des Schachbuchs von Luca Pacioli der Quellenhinweis verloren gegangen. Der Text war zuvor in der Zeitschrift CAPEA erstabgedruckt und wurde uns freundlicherweise von Josè Gutièrrez zur Verfügung gestellt.
2) Ebenso haben wir es versäumt, darauf hinzuweisen, dass die auf S.59 in der linken Spalte im Diagramm abgebildeten Wesire einem Schriftfont entstammen, der von Ulrich Dirr exklusiv für das Buch Expeditionen in die Schachwelt von Christian Hesse, Chessgate 2006, kreiiert worden ist.
3) Auf S.38 hat sich beim Todesjahr von Bronstein ein Schreibfehler eingeschlichen. Er starb natürlich am 5. Dezember 2006 (nicht 2005)
Wir bitten diese Versehen zu entschuldigen.