GANZ OHR

Von Harry Schaack

Dirk Jan ten Geuzendam, Herausgeber des holländischen Schachmagazin New In Chess (NIC), ist seit über 20 Jahren im Schachzirkus unterwegs und ist mit vielen Spitzenspielern befreundet. Jetzt hat er eine Anthologie seiner zuvor in NIC abgedruckten Interviews der letzten Dekade herausgegeben. Dieses Lesebuch besticht durch seine durchweg brillanten Texte.
Das Interview mit David Bronstein aus dem Jahre 2001 ist eines der Highlights des Bandes. Der Vize-Weltmeister von 1951 gilt als schwierige Persönlichkeit mit sehr „eigenen“ Ansichten. Interviews gibt er heute keine mehr, weil er meint, alles zu seinem Leben schon gesagt zu haben. Und auch Geuzendam hatte es nicht leicht, ihn vor fünf Jahren zu einem Gespräch zu überreden. Bronstein sagte ihm kurz vor dem vereinbarten Termin, er habe schlechte Nachrichten, er könne ihm kein Interview geben. Daraufhin antwortete Geuzendam, er weiß. „But don’t worry, I don’t want to interview you. All I want is spend some time with you, come to your home, and talk. … But I will write about it, of course.“
Die Kunst des Interviews besteht auch darin, die Ansicht des Anderen aufzuzeigen und doch seine eigene Position als Frager zu bewahren. Geuzendam gelingt dies, indem er etwa zu Bronstein einmal beiläufig bemerkt: „Again I feel tempted to raise some objection, but wisely remain silent.“

Die Verbitterung eines David Bronstein ist Mark Taimanow fremd. Während das Interview mit Bronstein mit dem Zitat: „I’m not Zurich ‘53 and 12-12“ überschrieben ist, das die Festschreibung auf die bedeutendsten Ereignisse seines Schachlebens (nämlich das unglückliche Unentscheiden im WM-Kampf gegen Botwinnik von 1951 und der von ihm geschriebene Schachbuch-Klassiker über
das Kandidatenturnier Zürich 1953) ablehnt, hat Taimanow kein Problem, über die schrecklichste Zeit seiner Biographie zu
sprechen. Seine ganze Schachkarriere ist vor allem mit der 6:0 Niederlage im Kandidaten-Match gegen Bobby Fischer verbunden. Bekanntlich gibt das Ergebnis nicht ganz den Verlauf der Partien wider. Für Taimanow war ein deutlich besseres Resultat möglich. Schlimmer als diese Niederlage war jedoch das darauf
folgende Berufsverbot, dass die sowjetischen Funktionäre verhängten. Dennoch blieb seine Einstellung zum Leben stets positiv. „Firstly I love life, secondly I’m an optimist“ sagt er von sich, und freut sich, mit der Musik eine Doppelbegabung zu haben, die ihm im Leben vieles erleichterte. Geuzendam gelingt es ebenso überzeugend, den positiven Lebenswillen Taimanows dem Leser deutlich zu machen, wie es ihm bei Bronstein gelungen ist, dessen Verbitterung zum Ausdruck zu bringen.

Das wichtigste an einem Interview ist, eine vertrauenswürdige Beziehung aufzubauen und die Gesprächsführung so zu lenken, dass der Interviewte Lust dazu hat, etwas aus seinem Innern preiszugeben. Und Geuzendams „Gespräche“ stehen gerade dafür. Sie sind zuweilen ergänzt durch ausführliche Beschreibungen der Situation, des Umfeldes, oder der Stimmung.

The Day Kasparov Quit gibt außerdem einen sehr unterhaltsamen Überblick über die wichtigsten Ereignisse der zurückliegenden Jahre. Von 1994 bis 2005 werden insgesamt 30 Interviews präsentiert, davon alleine fünf mit Kasparow. Die Fokussierung auf den Branchenführer ist auch ein emotionales Abbild des weltbestbesten Spielers. Wie er die von ihm hervorgerufene Spaltung des Weltschachs über die Jahre unterschiedlich beurteilt, wie er den WM-Kampf mit Anand und später seine Niederlage gegen Kramnik bewertet. Und wie er am Ende keine Ziele mehr hat und vom professionellen Schach zurücktritt. Es ist die jüngere Geschichte des Schachs, die durch den individuellen Blick des langjährigen Weltranglistenersten wiederauflebt.

Geuzendam stellt in diesem Buch eine perfekte Mischung an Schach-Persönlichkeiten vor. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wird von Taimanow, Najdorf, Awerbach und Bronstein repräsentiert, die jüngere Weltelite wird verkörpert von Spielern wie Leko, Kramnik, Anand oder dem exzentrischen amerikanischen Nachwuchsstar Nakamura.

In der direkten Nebeneinanderstellung gewinnen die Interviews an Eigendynamik, da man sie vergleichen kann - anders als in der ursprünglichen Konzeption im NIC. Durch das Nebeneinander der unterschiedlichen subjektiven Perspektiven wird auch der Wandel der Schachwelt abgelichtet. hs

 

Dirk Jan ten Geuzendam,
The Day Kasparov Quit
and other chess interviews,
New In Chess 2006,
kartoniert, 344 Seiten,
23,95 Euro.


Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von der Firma Schach E.
Niggemann zur Verfügung gestellt.