Valeri Bronznik,
Das Schara-Hennig-Gambit
142 Seiten,
gebunden,
1. Auflage 2011
Kania Verlag, 15,80 €


Das Belegexemplar
wurde freundlicherweise
von der Firma
Schach E. Niggemann

zur Verfügung gestellt.









von Erik Zude

Die KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne präsentiert Rezensionen aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur, Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum aktuellen Schachgeschehen.

 

SEHR GUTES BUCH -
ZWEIFELHAFTE ERÖFFNUNG

Valeri Bronznik hat sich seit vielen Jahren im Kania Verlag als Autor solider Schachbücher einen Namen gemacht. Seine Eröffnungswerke bieten nicht nur gute Varianten und Erklärungen, sondern auch eine gesunde Auswahl an typischen Stellungsbildern und das nötige Schachverständnis, diese auch gut zu behandeln. In seinem Buch über das Colle-System zum Beispiel geht er u.a. recht ausführlich auf Stellungen mit einem isolierten Damenbauern oder den Hängenden ein. Seinen Lesern vermittelt er viele typische taktische Motive und Pläne, die auch jenseits des durch die Eröffnung gesteckten Rahmens wertvoll sind.

Mit dem Schara-Hennig-Gambit hat sich Bronznik jedoch einem System zugewendet, dass einen zweifelhaften Ruf genießt. In Tim Harding's Fernschach-Datenbank Ultra-Corr 3 z.B. finden sich zur Hauptvariante 1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 c5 4.cxd5 cxd4 5.Da4+ Ld7 6.Dxd4 exd5 7.Dxd5 Sc6 8.Sf3 Sf6 9.Dd1
257 Partien, bei denen Weiß mit 53,4 % punktet, wobei die durschnittliche Performance der Weiß-Spieler gute 100 Elo-Punkte über ihrer durchschnittlichen Wertungszahl liegt, was aber durchaus noch einigermaßen im Rahmen liegt. Der Anteil entschiedener Partien ist übrigens mit knapp 80% sehr hoch. Auffällig ist jedoch, dass sich Fernschachspieler mit einer Elo-Zahl über 2300 sehr zurückhalten: Das Schara-Hennig-Gambit wird von ihnen in den letzten Jahrzehnten kaum noch gespielt.

In zahlreichen Theorie-Büchern wird das Gambit als eher zweifelhaft gebrandmarkt, nicht selten mit dem korrekten Hinweis, dass auch die Top-Spieler im Turnierschach einen Bogen darum machen. Abgesehen von gelegentlichen Überraschungsauftritten kommt es im Spitzenschach praktisch gar nicht vor.

Mit der theoretischen Reputation dieser Eröffnung steht es also nicht zum besten. Dies mag zu Recht so sein oder auch nicht, hat für den durchschnittlichen Turnierspieler allerdings kaum eine große Bedeutung.
Wie dem auch sei: Valeri Bronznik ist auf dieses Thema gekommen, weil das Schara-Hennig-Gambit schlecht angesehen ist, die konkreten Empfehlungen und Analysen in den Eröffnungsbüchern aber häufig unvollständig oder gar falsch sind. Bei der Arbeit für sein Buch 1.d4 - Ratgeber gegen Unorthodoxe Verteidigungen ist es ihm sehr schwer gefallen, eine Vorteilverheißende Variante, geschweige denn eine Widerlegung, zu finden.

Mit diesem Band möchte Bronznik jetzt anscheined das ramponierte Image des Schara-Hennig-Gambits etwas auffrischen. Da hat er wirklich einen Punkt! Wie der Autor mit zahlreichen eigenen Analysen beweist, ist die Kompensation, die Schwarz für seinen Gambitbauern erhält, durchaus nicht zu verachten. Das Risiko, dass Weiß, der immerhin keine schwerwiegenden Schwächen in seiner Stellung hat, die schwarze Initiative neutralisiert und am Ende mit einem gesunden Mehrbauern dasteht, ist zwar durchaus real. Allerdings zeigt Bronznik, sehr oft auch unter Verweis auf die umfassenden Analysen von Bücker und Winds im Kaissiber, dass der schwarze Entwicklungsvorsprung nicht nur zu sehr trickreichen Stellungen führt, in denen schon ein "kleiner" Fehler des Anziehenden zum Desaster führen kann. Oft reicht das Gegenspiel auch im Endspiel aus, um eine dominierende Stellung zu bekommen, die den Minusbauern kompensiert.

Bronznik schreibt aus der Sicht des Schwarzen, indem er alle weißen Abweichungen analysiert und sich meist auf ein oder zwei schwarze Spielweisen konzentriert, wobei Alternativen nur angedeutet werden. Allerdings wählt er dabei häufig grundlegend verschiedene Varianten, z.B. zeigt er gegen die oben angedeutete Hauptvariante ein komplettes Repertoire sowohl mit der langen als auch der kurzen Rochade des Nachziehenden. Auf diese Weise ist für Abwechslung gesorgt.

Der Autor ist, trotz aller Begeisterung, sichtlich um Objektivität bemüht. Dies gipfelt darin, dass er etwas macht, was wohl kaum je ein Verfasser eines Repertoire-Buches in einem der "großen" Verlage gebracht hat. Im Hauptsystem gibt Bronznik freimütig zu, dass es ihm gegen eine bestimmte weiße Zugfolge nicht gelungen ist, einen Weg zum Ausgleich zu finden, auch nicht "nach vielen Wochen Analyse". Hut ab! Seine Analysen sind jedenfalls sehr umfangreich und tief, mit zahlreichen Neuerungen. Bei einigen Stichproben sind mir keine klaren Fehler aufgefallen.

Ob Bronznik wenigstens "im Prinzip" richtig liegt, und das Schara-Hennig-Gambit wirklich deutlich besser ist als sein Ruf, kann ich an dieser Stelle nicht beurteilen. Klar ist aber, dass er die Theorie dieser interessanten Variante deutlich bereichert und dem Turnierspieler eine Fülle von neuen Varianten aufzeigt.

Satz, Layout, Druck und Bindung erfreuen sich der im Kania-Verlag üblichen sehr hohen Qualität, lediglich an der einen oder anderen Stelle wird das Variantendickicht ein wenig unübersichtlich.

Fazit
Wer nach einer soliden und einfach zu spielenden Eröffnung sucht, für die kaum Theoriearbeit zu leisten ist, muss sich anderweitig orientieren.
Turnierspieler, die gerne einen Bauern für Entwicklungsvorsprung opfern, ein überschaubares Risiko eingehen und auch ein paar Varianten genauer analysieren wollen, werden dagegen auf ihre Kosten kommen. Das System ist mindestens als Überraschungswaffe geeignet und bei der Analyse kann man durchaus viel lernen.

 

Inhalt

004 Zeichenerklärung

005 Einführung

007 Kapitel 1) Weiß spielt 5.D:d4

016 Kapitel 2) Weiß spielt 8.Lg5 (8.Lf4, 8.Ld2)

021 Kapitel 3) Weiß spielt 9.Db3

030 Kapitel 4) Die Hauptvariante: Schwarz rochiert lang

056 Kapitel 5) Die Hauptvariante: Schwarz rochiert kurz

070 Kapitel 6) Weiß stellt die Rochade zurück

094 Kapitel 7) Weiß hält e2-e3 zurück: 10.a3!?

106 Kapitel 8) Scharas Zugfolge 7...Sf6!?

119 Kapitel 9) Weiß weicht dem Schara-Hennig-Gambit aus

139 Spielerverzeichnis

140 Index

142 Literaturverzeichnis

 

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