Richard Palliser,
Tony Kosten und
James Vigus
:
Gefährliche Waffen: Flankeneröffnungen,
Everyman Chess,
2009,
267 Seiten,
gebunden,

26,- Euro
(deutsche Übersetzung:
Dirk Poldauf
)

 

Die Belegexemplare
wurden freundlicherweise
von der Firma
Eurochess
zur Verfügung gestellt.







von Jan Peter Schmidt

Die KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne präsentiert Rezensionen aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur, Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum aktuellen Schachgeschehen.

 

INTERESSANTE IDEEN IN SCHLECHTER VERPACKUNG

Das Buch Flankeneröffnungen stellt in zwölf selbstständigen Kapiteln Eröffnungsvarianten vor, die miteinander gemeinsam haben, dass in ihnen der Aufzug der e- und d-Bauern zunächst zurückgestellt wird (trotzdem ­– oder gerade deshalb – greifen diese aber oft schon kurz darauf munter ins Geschehen ein). Die Kapitel 1-7 behandeln Abspiele aus der Englischen Eröffnung und weisen somit einen gewissen inneren Zusammenhang auf. Auch die Kapitel 11 und 12 ergänzen sich, indem zunächst aus weißer Sicht das From-Gambit (1.f4 e5) untersucht wird und dann der sog. „Eisbär“, eine Art Leningrader Variante der Holländischen Verteidigung im Anzug. In Kapitel 8 wird ein Aufbau mit e3 und b3 unter Zurückhaltung des d-Bauern gegen die slawische Verteidigung empfohlen, der in einigen Abzweigungen in einen überraschend gefährlichen Königsangriff mündet. Kapitel 9 untersucht das kaum bekannte „Kramer-Gambit“ (1.Sf3 d5 2.c4 dc4: 3.e4!? c5 4.Lxc4 Sc6 5.b4!?) und Kapitel 10 eine Art Benoni im Anzug. Die überwiegende Zahl der Abspiele wird also aus weißer Sicht dargestellt.

Vom Konzept her ähnelt das Buch der erfolgreichen „Secrets of Opening Surprises“-Reihe, allerdings sind die vorgestellten Varianten, mit Ausnahme wohl nur von Kramers Gambit, im Vergleich deutlich weniger exotisch. Das in Kapitel 7 vorgestellte Kasparow-Gambit (1. c4 c5 2. Sf3 Sf6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 e5 5. Sb5 d5!?; mir war bislang eher Waganjan als Namensgeber bekannt) z.B. wird man schwerlich als Geheimwaffe bezeichnen können. Wie die Autoren schon im Vorwort deutlich machen, ging es ihnen aber zumeist auch nur darum, in bekannten Abspielen neue Möglichkeiten aufzuzeigen oder solche Varianten zu rehabilitieren, die vom Mainstream schon ad acta gelegt wurden. Soweit von mir überprüft, sind die vorgestellten Abspiele in der Tat noch kaum in der Praxis getestet und statten ihren Verwender somit zumindest mit einem psychologischen Vorteil aus. Da die Empfehlungen zugleich ein gesundes Maß an Seriosität aufweisen, muss man auch nicht befürchten, gegen einen informierten Gegner sogleich vor einem Trümmerhaufen zu stehen.

Potentielle Käufer sollten sich darüber im Klaren sein, dass stets nur Fragmente bestimmter Eröffnungen vorgestellt werden und man deshalb auch links und rechts der Variante zu Hause sein muss. So gehen etwa dem Kasparow-Gambit die meisten Weißspieler ohnehin mit 3.Sc3 aus dem Weg. Am meisten Nutzen wird aus dem Buch ziehen können, wer sowieso schon Englisch spielt oder mit 1.Sf3 eröffnet.

Kann das Buch inhaltlich durchaus überzeugen, weist es leider verschiedene Mängel in formaler Hinsicht auf. Dies beginnt bei der etwas großsprecherischen Rhetorik. Schon auf dem Buchrücken wird ein „Giftwaffenarsenal“ versprochen, mit dem „Sie alles plattmachen“. Schnell überdrüssig wird man auch dem Bild einer schießenden Kanone, zumal sich die damit angekündigte „Gefährliche Waffe!“ meist nur als ein plumpes „Schau-wie-wir-ihn-fertigmachen“ entpuppt. Weniger reißerisch und zudem gehaltvoller sind die ebenfalls graphisch unterlegten „Wirf-die-Würfel“-Einschübe, die auf riskante, aber spielbare Alternativen hinweisen.

Geteilter Ansicht kann man über das Konzept sein, zuerst die wichtigsten Ideen eines Abspiels anhand einer aktuellen Partie zu erläutern, um dann im „tieferen Blick“ die Feinheiten zu untersuchen. Dieses Vorgehen bietet natürlich den Vorteil, dem Leser den ersten Zugang zur Variante zu erleichtern. Die auftretenden Wiederholungen erweisen sich hingegen schnell als störend.

Der größte faux-pas ist aber der einspaltige Satz. Er macht nicht nur das Schriftbild sehr unübersichtlich und bereitet dadurch dem Leser große Mühe, den verästelten Varianten zu folgen; vor allem führt er dazu, dass die Diagramme immer nebeneinander in der Mitte der Seite platziert sind und kaum jemals mit den dazugehörigen Zügen im Zusammenhang stehen. Stattdessen muss der Leser oftmals sogar vor- oder zurückblättern. Es ist klar, dass Diagramme unter diesen Umständen weitgehend ihren Sinn verlieren.

Insgesamt bleibt ein zwiespältiger Eindruck. Viele der empfohlenen Abspiele verlassen früh die ausgetretenen Pfade und bieten erfrischende Ideen. Umso bedauerlicher ist, dass auf die äußere Darstellung nicht dieselbe Sorgfalt gelegt wurde wie auf das Heraussuchen und Analysieren der Eröffnungsvarianten.

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