Jerzy Konikowski,
Olaf Heinzel,
Holländisch -
richtig
gespielt
.
Hollfeld:
Joachim Beyer Verlag 2010, gebunden,
149 S., 17,80 Euro

Sverre Johnsen,
Ivar Bern:
Win with the
Stonewall Dutch.
With a contribution
by Simen Agdestein.
Gambit 2009,
kartoniert ,
223 S., 18,95 Euro.


Die Belegexemplare
wurden freundlicherweise
von der Firma
Joachim Beyer Verlag
und
Schach E. Niggemann

zur Verfügung gestellt.

 








von Harry Schaack

Die KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne präsentiert Rezensionen aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur, Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum aktuellen Schachgeschehen.

 

NEUES IM HOLLÄNDER

Die Zugfolge 1.d4 f5 wurde schon 1789, im Jahr der Französischen Revolution, vom niederländischen Spieler Elias Stein in die Praxis eingeführt. Zunächst trug die Eröffnung seinen Namen, später wurde sie allgemein als Holländisch bezeichnet.

Der Schwarzspieler muss schon zu Beginn auf zahlreiche, teils sehr scharfe Abweichungen wie dem Staunton-Gambit oder Abspiel mit frühem g4 vorbereitet sein. Hat er diese Klippen erst einmal umschifft, stehen ihm drei Hauptabspiele zur Verfügung: Das Leningrader System, bei dem der Läufer mit g6 fianchettiert wird; das Iljin-Genewsky-System mit dem Aufbau e6, d6, Le7; und das Stonewall-System mit der charakteristischen Bauernstruktur c6-d5-e6-f5.

Obwohl es theoretisch in den letzten Jahren wenig Neues gab, erschienen kürzlich gleich mehrere Publikationen, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Im Mittelpunkt der folgenden Betrachtung steht der Stonewall, der als sehr „stabil“ gilt. Obwohl er heute selten in der Weltspitze gespielt wird, gilt der Stonewall als solider Aufbau. Besonders Jussupow, Dolmatow, der heute fast vergessene Salow und Short brachten Ende der Achtziger Jahre, in den Neunzigern Nikolic, und in den 2000er Jahren Radschabow, Krasenkow und Moiseenko, diese Eröffnung theoretisch voran. Und bei der Olympiade 2008 in Dresden griff auch Magnus Carlsen erfolgreich zu dieser Waffe. Auch wenn viele Weltklassespieler einmal diese Eröffnung gespielt haben, ist Stonewall heutzutage seltener Gast in den Turnierarenen auf Topniveau. Wie allerdings Boris Awruch in seinem im letzten Jahr gefeierten Buch 1.d4, 2. Band (Quality Chess 2010) deutlich gemacht hat, ist Stonewall nach wie vor eine sehr stabile Eröffnung, gegen die Weiß nur mühsam Vorteil nachweist.

Im Gegensatz zu vielen anderen, „modernen“ Varianten ist beim Stonewall keine große theoretische Überraschung zu erwarten. Es ist wichtiger, die Struktur zu verstehen, insbesondere weil viele Varianten ineinander übergehen können. Pläne zu kennen ist wesentlicher als konkrete Zugfolgen, was die Eröffnung auch für Spieler interessant macht, die nicht über sehr viel Zeit verfügen.

Der Stonewall führt übrigens keineswegs zu rein statischen Stellungsstrukturen, wie man irrtümlich vermuten könnte. Der Stellungskampf trägt komplizierten Charakter und ist für Taktiker gut geeignet. Wahlweise kann Schwarz das Geschehen mal im Zentrum, mal am Damen- oder Königsflügel forcieren.

Jerzy Konikowskis und Olaf Heinzels „Holländisch - richtig gespielt“

Die frischeste Neuerscheinung ist das im Joachim Beyer Verlag erschiene Holländisch - richtig gespielt des Autorenteams Konikowski/Heinzel. Es ist als Einführung in die Holländische Verteidigung gedacht und bietet ein komplettes Repertoire für Schwarz. Obwohl alle holländischen Abspiele vorgestellt werden, empfehlen die beiden Autoren die Leningrader Variante und vor allem den Stonewall-Aufbau, der mit sieben von 15 Kapiteln den weitaus größten theoretischen Teil einnimmt. Auf den letzten 50 Seiten - also gut einem Drittel des Buches – werden 40 analysierte Partien präsentiert.

Die Autoren haben meist ältere Sekundärliteratur in ihr Werk miteinbezogen. Die weiter unten vorgestellte Publikation Win with the Stonewall Dutch überschnitt sich vermutlich mit der Herausgabe dieses Buches. Leider wird aber auch Aagaards stark überarbeite Fassung Stonewall II in 2. Auflage von 2007 (Quality Chess) nicht berücksichtigt, sondern nur die 1. Auflage von 2001.

Die Darstellung ist sprachlich recht knapp gehalten. Für jedes Abspiel stehen höchstens fünf Seiten zur Verfügung. Das macht die Varianten natürlich leicht erfassbar, wenngleich auch deutlich wird, dass die Tiefe der Positionen in dieser Einführung nicht ausgelotet werden können. Zwar sind einige Varianten sehr lang, aber auch oft ohne Abweichungen angegeben. Auch fehlen einige wichtige Fortsetzungen. So wird z.B. in Kapitel 7 im Stonewall-Abspiel mit g3 und Sh3 nur 9.Sd2, nicht aber der sehr naheliegende Zug 9.Sc3 berücksichtigt, der immerhin 2003 von Anand (und mehreren 2600er Spielern in jüngster Vergangenheit) gespielt wurde.

Im Stonewall hat Schwarz beim Aufbau grundsätzlich die Wahl, ob er den Läufer nach e7 oder d6 platziert. Das Autorenteam konzentriert sich auf Ld6 und lässt Le7 ganz bei Seite. Es sei allerdings darauf hingewiesen, dass Boris Awruch in 1.d4 (s. o.) zwei interessante Stonewall-Varianten zur g3-Variante gründlich analysiert, eine gut spielbare davon mit Le7.

Der Aufbau mit fianchettiertem Königsläufer g2 gilt heute als beste Entgegnung gegen den Stonewall, weshalb er auch bei Konikowski/Heinzel Hauptgegenstand der Betrachtung ist.

Für eine Orientierung und eine gute theoretische Basis für Holländisch-Einsteiger ist das Buch geeignet. Allerdings hätte man sich – auch nach der einleitenden Vorrede, dass es im Stonewall weniger auf konkrete Varianten als auf Pläne ankommt – mehr Paraphrasierung gewünscht, Strukturerklärung, Ideen, etc. Diese sprachlichen Erläuterungen finden sich vorwiegend im Partienteil, kaum aber im Theorieteil. Daran können auch die ans Ende jedes Kapitels angefügten kurzen „Zusammenfassungen“ nichts ändern. Das Buch hat dadurch eine strukturelle Schwäche: Einerseits will es eine Repertoire für Neueinsteiger vermitteln, andererseits sind die meist „straighten“ Variantenfolgen ohne weitere Erklärung eher für Spieler geeignet, die sich schon im Holländischen auskennen.


Sverre Johnsens und Ivar Berns “Win with the Stonewall Dutch”

Noch vor einigen Jahren hätte man vermutlich Theoretiker aus Norwegen nicht besonders hoch geschätzt. Das hat sich spätestens mit Magnus Carlsen gründlich geändert. Sein langjähriger Förderer und Trainer war Simen Agdestein, selbst ein respektabler Großmeister über 2600 – und ganz nebenbei norwegischer Fußball-Nationalspieler. Vor Carlsen war er der beste Schachspieler seines Landes. Agdestein hat eine Vorliebe für den holländischen Stonewall und spielt das System seit über 20 Jahren. Ein längeres Interview mit ihm über die Feinheiten der Stellungsstrukturen bildet die Grundlage und den Leitfaden für Win with the Stonewall Dutch von Sverre Johnsen, der für sein Projekt mit dem Fernschach-Weltmeister Ivan Bern noch ein Schwergewicht verpflichten konnte.

Im Vorwort heißt es: „Zwischen 1985 und 1990 wurde Stonewall intensiv auf Topniveau diskutiert. Seither ist das Interesse abgekühlt. Das liegt nicht an irgendwelchen schwerwiegenden theoretischen Problemen, sondern ist ein Beleg dafür, dass das Terrain gut erforscht ist. Normalerweise behauptet Weiß einen kosmetischen Vorteil nach dem Ende der Eröffnungsphase, aber beide Spieler sind glücklich .“

Johnsen und Bern stellen die einzelnen Abspiele mittels kommentierter Partien vor. Es werden also keine theoretischen Abhandlungen geboten, sondern die Ideen mittels Analysen direkt innerhalb der Partien erklärt. Dabei geht zwangsläufig die Systematik etwas verloren. Allerdings schaffen es die Autoren stets mit Zwischenfragen, die dem Interview mit Agdestein entstammen, wichtige Aspekte der Stellung zu klären. Z.B. wann man mit Schwarz den weißfeldrigen Läufer mit b6, Lb7 entwickeln sollte, und wann mit Ld7-e8. Dies ist sehr hilfreich, gerade weil der Stonewall mehr vom Stellungsverständnis als vom Wissen konkreter Varianten lebt.

Ein Abspiel wird zunächst durch einige Beispielpartien illustriert, in denen auf wesentliche Aspekte der Stellung hingewiesen wird. Danach gibt es eine Zusammenfassung der wichtigsten Stellungsmerkmale. Schließlich folgen ein oder mehrere Aufgaben, die den Leser zu einer Stellungseinschätzung und zur Analyse auffordern. Das Kapitel endet jeweils mit einem Theorieteil. Leider fehlt im Gambit-Verlag stets ein vernünftiger Varianten-Index. Der angehängte Überblick ist lediglich eine sehr grobe Darstellung.


Vergleicht man beide hier vorgestellte Bücher, erhält man durchaus unterschiedliche Stellungsbewertungen. In einem der kritischen Hauptabspiele: 1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sf3 f5 4.g3 Sf6 5.Lg2 c6 6.0–0 Ld6 7.b3 De7 8.Se5! empfehlen Konikowski/Heinzel 8…b6, während Johnsen/Bern (und Jacob Aagaard ) diesen Zug als fragwürdig erachten. Ein etwas harsches Urteil, insbesondere weil sie nicht in der Lage sind, wirklichen Vorteil für Weiß nachzuweisen. Sie präferieren dagegen das Abspiel 8…00 9.Lb2 Sbd7!? (Mit dem häufig gespielten 9…b6 kann Schwarz keinen vollen Ausgleich erreichen.). Diesen merkwürdigen Springerzug, eine Idee Moskalenkos, vermeidet Schwarz normalerweise gerne, weil er die Entwicklung seines weißfeldrigen Läufers behindert und das Standard-Entlastungsmanöver b6 wegen der Schwäche c6 zunächst unmöglich macht. Jacob Aagaard empfiehlt in seiner umfassende Eröffnungs-Monographie Stonewall II dagegen 8…Se4!? Konsens ist offenbar nicht zu erzielen.

Fazit: Beide Bücher haben ihre Stärken und Schwächen. Das Konzept des Joachim Beyer Verlages setzt mehr auf eine systematische Eröffnungsdarstellung, der Gambit-Verlag mehr auf inhaltliches Verständnis. So kann sich jeder Schachspieler aussuchen, was er bevorzugt.

 

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