Mihail Marin,
A Spanish Repertoire for Black,
Quality Chess 2007,
232 Seiten,
23,99 Euro
in englischer Sprache

 

Das Belegexemplar
wurde freundlicherweise
von der Firma
Schach E. Niggemann

zur Verfügung gestellt.

 








von Erik Zude

 

Die KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne präsentiert Rezensionen aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur, Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum aktuellen Schachgeschehen.

 


ERSTKLASSIGES REPERTOIREBUCH
Marins Spanischbuch

Inhaltsverzeichnis

1 The Chigorin Variation - General Aspects 9
2 The Rubinstein System 25
3 The Petrosjan System 97
4 The Yates Variation 133
5 The Yates-Variation - 10. d5 137
6 The Yates-Variation - 10. Le3 149
7 The d3-System 169
8 The Worall Attack 189
9 The Delayed Exchange Variation 197
10 The a4-System 209
11 The System based on Sc3 217
12 The Central Attack 232

Der erfahrene Großmeister Mihail Marin hat bereits zahlreiche Bücher veröffentlicht, unter anderem das preisgekrönte "Learn from the Legends". Während sonst Mittel- und Endspielthemen im Zentrum seines Interesses stehen, legt er nun mit A Spanish Repertoire for Black ein Repertoire-Buch vor, das, zusammen mit seinem Beating the Open Games, Quality Chess 2007, ein komplettes Eröffnungsrepertoire für Schwarz gegen 1. e2-e4 bildet.

Nach einer Einführung ins Tschigorin System analysiert Marin sehr ausführlich zwei Varianten, die er nach zwei seiner favorisierten Weltklassespielern benennt, Rubinstein und Petrosjan. Dass hier seine "Legenden" Pate stehen, ist laut Marin Zufall, hat aber sicherlich mit seiner Vorliebe für das Studium der Schachklassik zu tun, die auch dieses Eröffnungsbuch stark prägt.

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5. O-O Le7 6.Te1 b5 7.Lb3 d6 8.c3 O-O 9.h3 Sa5 10.Lc2 c5 11.d4 Dc7 12.Sbd2 Ld7 13.Sf1 Sc4

Diesen Zug assoziiert Marin mit Petrosjan, der ihn in dieser Stellung einige Male spielte.

Jedes Kapitel besteht aus einem Textabschnitt, in dem Marin dem Leser seine wesentlichen Gedanken erklärt, meistens beschränkt auf die Hauptvarianten. Dem folgt ein Theorieteil, in dem er den vollständigen Variantenbaum im Stil der Enzyklopädie der Schacheröffnungen sehr übersichtlich darstellt.

1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 a6 4. La4 Sf6 5. O-O Le7 6. Te1 b5 7. Lb3 d6 8. c3 O-O 9. h3 Sa5 10. Lc2 c5 11. d4 Dc7 12. Sbd2 Sc6

Das Rubinstein-System. Am häufigsten geschieht jetzt 13. d5 Sd8 14. a4 Tb8 Schwarz spielt jetzt oft Lc8-d7, Sf6-e8, f7-f6, g7-g6, Sd8-f7 und Se8-g7, während Weiß mittels Sd2-f1, g2-g4 und Sg3 am Königsflügel angreift.

Im Rubinstein-System ergibt sich die gleiche Zentrumstruktur, wie im tschechischen Benoni, bzw. im Köingsinder, wenn Schwarz zusätzlich zu e7-e5 auch c7-c5 spielt. Marin stellt auf über 60 Seiten die geschichtliche Entwicklung sowie die beiderseitigen Pläne und Ideen dar. Das System ist in den siebziger Jahren aus der Mode gekommen, nachdem Anatoli Karpov einige überzeugende Siege für Weiß erspielte. Marin zeigt dann eine Idee für Schwarz, mit der ein "neuer Anfang" gewagt werden kann.

Wie im gesamten Buch sind Marins Erläuterungen sehr ausführlich und detailliert. Er erklärt dem Leser das Schachdenken der Großmeister, durchaus des öfteren anhand allgemeiner Eröffnungsprinzipien, gegen die auch Weltklassespieler gelegentlich verstoßen und dafür bestraft werden. Neben fundamentalen Regeln, wie der "Kontrolle des Zentrums" und "zügiger Figurenentwicklung", geht Marin auch auf die "Qualität der Entwicklung" und die "Flexibilität" ein. Darüber hinaus entwirft er aber auch komplette Pläne fürs Mittelspiel und weist auch auf Besonderheiten der Struktur im Endspiel hin. Z.B. zeigt er mehrere typische Beispiele, in denen das Opfer einer Figur für zwei verbundene Freibauern Erfolg hatte.

Diese Erläuterungen sind weit über das betrachtete Eröffnungssystem hinaus interessant. Marin erklärt nicht einfach eine Eröffnungsvariante, er erklärt eine typische Zentrumsstruktur, und wie ein Großmeister darin navigiert. Anhand vieler eigener Analysen, in denen Marin weit über die bekannte Theorie hinaus geht, erhält der Leser einen Einblick in das Labor des Gorßmeisters.

Marins Schreibstil ist sehr angenehm, er erzählt flüssig und unterhaltsam, oft natürlich anhand von Beispielen aus der eigenen Praxis, und baut des öfteren auch einen Spannungsbogen auf, der neugierig macht. Durchaus bemerkenswert für ein Eröffnungsbuch. Marin weckt hier und auch im restlichen Buch stets Interesse für die Klassiker sowie die historische Entwicklung der vorgestellen Eröffnungssysteme. Das dargestellte Repertoire wird nicht einfach als fertiges Produkt geliefert, der Leser kann hautnah den Werdegang, Höhen und Tiefen der Varianten miterleben.

Ob der "Neuanfang" im Rubinstein-System gelingen wird, warten wir einmal gespannt ab. Marin deutet darauf hin, dass er selbst jetzt, nachdem er sein Eröffnungsrepertoire in allen Details vor seinen Gegnern ausgebreitet hat, wohl öfter mal was anderes spielen wird. Meinen eigenen Geschmack trifft das System nicht: Erst Raumgewinn am Damenflügel und dann ... Rückzug aller Springer auf die Grundreihe! Na ja, ist wohl Geschmacksache.

Für diejenigen, denen das Rubinstein-System zu geschlossen ist, mit zuviel langwierigem Manövrieren, hat Marin das Petrosjan-System ausgesucht. Hier ist das sofortige Schließen des Zentrums mittels 13. d4-d5 weniger attraktiv für Weiß als im Rubinstein-System, wo er ja durch den Angriff auf den Springer c6 ein wichtiges Tempo gewinnt. Auch diese Variante stand in den letzten Jahrzehnten nicht im Rampenlicht theoretischer Dispute, nur wenige Großmeister haben sie regelmäßig gespielt. Interessant ist hier, wie Marin in einigen Beispielen das Schachdenken von Tigran Petrosjan zu entschlüsseln versucht.

Auch auf die Nebenvarianten geht Marin sehr ausführlich ein. Wo möglich und gut, wählt er für Schwarz immer eine Struktur analog zum Tschigorin-System.

Neben der sehr guten Auswahl der Varianten und den hochklassigen Erläuterungen besticht das Buch aber auch durch die Fülle des angebotenen Materials und dessen übersichtliche Darstellung. Das Studium der Textabschnitte sowie der tabellarischen Übersicht des Theorieteils wird meistens ausreichen, um die Varianten in der Praxis anzuwenden. Der Theorieabschnitt bietet dem Leser dann noch zahlreiche weitere Varianten, die durchaus zu selbständigen Analysen anregen, was ja in jedem Fall das beste Training darstellt.

Bei dieser Materialfülle bleiben Versehen natürlich nicht aus. Ganz lustig ist ...

Fehler 1: Yates System

1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 a6 4. La4 Sf6 5. O-O Le7 6. Te1 b5 7. Lb3 d6 8. c3 O-O 9. d4 Lg4 10. Le3 Sxe4 Marin gibt hier "?". 11.Ld5

"... und Weiß gewinnt eine Figur" (Marin). Ja, man möchte spontan aufgeben, oder? Sverre Johnsen und Leif Johannessen weisen aber in The Ruy-Lopez: A Guide for Black, über das in einer baldigen Kolumne noch berichtet werden wird, darauf hin, dass Schwarz noch einige Ressourcen hat, ... und trauen sich nicht einmal, eine Bewertung abzugeben!
11...Dd7 12. Lxe4 d5 13. Lc2 e4 14. h3 Lxf3 (14...Lh5 15. Se5 Lxd1 16. Sxd7 Lxc2 17. Sxf8 Txf8 unklar) 15. gxf3 Dxh3 16. fxe4 f5 unklar - und diese Stellung analysieren sie noch genüsslich weiter, ohne Schlussfolgerung.

Fehler 2: Paramos Dominguez-Ibragimov

31. Lxa5 Txa5 gewinnt sofort, wird aber von Marin nicht erwähnt. (31... Da7+ mit etwas besserer schwarzer Stellung (Marin) 32. Kf1 Se5 33.Lc3 Sxg4 34.Dxf4 h5 35.Ke2 Lh6 36.Df3 f5 37.e5 Sxe5 38.Lxe5 Txe5+ 39. Kf1 Txe1+ 40. Kxe1 Dg1+ 41. Df1 Ld2+ 42.Ke2 De3+ 43.Kd1 Lc3 war der Partieverlauf) 32.Dxa5 (32.Txa5 c3) 32...Dxa5 33. Txa5 Lb4 34. Ta7 Lc5+ 0-1

Im Petrosjan-System erwähnt Marin nicht die von Khalifman in seinem Mammutwerk Opening Repertoire according to Anand, Band 2, bevorzugte Zugfolge 14. De2, mit der Idee, den Springer mit b2-b3 zu verteiben und (nach dem Abtausch auf e5) gleich c3-c4 zu spielen, Idee Sf1-e3-d5. Für Marins Leser ist aber lediglich die Zugfolge ungewohnt, der dahinterstehende Plan wird von ihm ausführlich behandelt.

Diese Versehen sind aber für die Auswahl und Bewertung der von Marin vorgestellten Systeme irrelevant und lassen sich in einer zweiten Auflage leicht korrigieren.

Alles in allem ist die Qualität von Marins spanischem Repertoire ausgesprochen hoch. Es gehört zum besten, was im Bereich der Eröffnungsliteratur publiziert wurde.

Für alle, die mit Weiß oder Schwarz Spanisch spielen oder spielen wollen, ist das Buch sehr empfehlenswert. Aber auch Schachfreunde, die einfach einmal über den eigenen eröffnungstheoretischen Tellerrand blicken wollen, werden Marins Buch genießen und davon profitieren.

 

ZUR AKTUELLEN AUSGABE