Chris Ward,
Nimzoindische Geheimnisse,
Everyman Chess,

2007 (Original 2005),
204 Seiten
20,35 Euro


David Vigorito,
Challenging the Nimzo-Indian
Quality Chess,
2007, 325 Seiten
23,99 Euro

 

Die Belegexemplare
wurden freundlicherweise
von der Firma
Schach E. Niggemann

zur Verfügung gestellt.

 








von Frank Roeberg

 

Die KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne präsentiert Rezensionen aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur, Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum aktuellen Schachgeschehen.

 

NIMZO-INDER FÜR JEDERMANN

„Nimzo-Indische Geheimnisse“

Chris Wards Nimzo-Indisch Buch aus der Starting Out Reihe ist jetzt in deutscher Übersetzung (Johannes Fischer) erschienen. Als sturer „Schwarzfelderfianchettierer“ war ich natürlich der geignete Mann, um einen kritischen Anfängerblick auf das Werk zu werfen. Schließlich sah ich mich in meiner Praxis auch schon häufiger genötigt, das Ding gegen den Sc3 zu tauschen, was zumeist häßliche Löcher in meiner Königsstellung hinterließ. Sollte es auch ohne Risiko gehen?

Hoffnungsfroh las ich mich durch die 12 Kapitel hindurch und nahm vor allem Ratschläge wie: „Bauern können nicht rückwärts ziehen“ oder „Oft ist die Drohung stärker als die Ausführung“ dankbar auf. Nun, seien wir nicht ungerecht – Chris Wards Buch ist natürlich nicht nur für den Nimzo-Anfänger, sondern offenkundig für den Schach-Anfänger generell geschrieben. Das sollte man wissen, wenn man das Buch kauft – mit einer Spielstärke über 1800 DWZ wird man keinen großen Spaß daran haben. Vielleicht kann auch der ein oder andere Jugendtrainer dem Werk etwas abgewinnen, wenn er seinen Zöglingen eine Antwort auf 1.d4 vermitteln möchte, die nicht nur auf „Trickschach“ beruht. Die Stärke des Buches liegt m.E. in der didaktischen Reduktion – komplexe Sachverhalte werden vereinfachend dargestellt und die Grundlagen der Nimzo-Indischen Strategie auf anschauliche Weise vermittelt. Somit kann die Lektüre durchaus ein sicherer Ausgangspunkt für intensivere Studien sein. Dementsprechend sollte man auch die Partieauswahl bewerten – Chris Ward hat offenkundig keinen Wert auf Aktualität gelegt (Partienquelle ist die Megabase 2002), sondern ganz bewußt den „Lehrwert“ des Materials in den Vordergrund gestellt. So gut mir dieser Ansatz auch gefällt, muss ich doch anmerken, dass die ein oder andere effektvolle Beispielpartie doch nicht zur Vermittlung des Grundverständnisses beigetragen hat. Dafür habe ich „historische“ Beispiele vermisst, sodass bei mir das Gefühl zurückblieb, von Max Euwe mehr über Nmzo-Indisch erfahren zu haben, als von Chris Ward. Auch der Aufgabenteil (13 Fragen über das Buch verteilt) wirkt etwas überflüssig, da hier zumeist deklaratives Wissen abgefagt wird, z.B.: „Was ist eine offene Stellung?“.

Fazit: In den richtigen Händen ein ordentliches Buch, das sich gut für den Trainingsbereich auf unterem bis durchschnittlichem Vereinsspielerniveau eignet. Man kann es ohne Bedenken auch einem Zwölfjährigen in die Hand drücken, nur sollte man eben nicht vergessen, dass man damit erst beim A und lange noch nicht beim O der Nimzo-Indischen Eröffnung angelangt ist.


„Challenging the Nimzo-Indian“

Ein Vergleich mit Chris Wards Buch wäre ein Rennen zwischen einem Formel 1 und einem Kartwagen. Aber das wäre auch ungerecht, da die Zielgruppe offensichtlich eine ganz andere ist. Der amerikanische IM Davd Vigorito behandelt in seinem Erstlingswerk auschließlich die 4.Dc2 Variante des Nimzo-Inders und wendet sich damit direkt an den ambitionierten 1.d4 Spieler. Das Werk entstand, weil Vigorito in seiner eigenen Praxis erkannt hatte, dass die Vermeidung des Nimzo-Inders mit 1.Sf3 oder 3.Sf3 dem Schwarzen in vielen Abspielen leichteren Ausgleich gestattet, als dem Weißen recht sein kann. An der Optimierung des eigenen Repertoires lässt er uns nun in dankenswerter Weise teilhaben. In 21 ausführlichen Kapiteln offenbart er uns anhand von umfangreich kommentierten Großmeisterpartien auf höchstem Niveau die ganze Komplexität und Theorievielfalt des 4.Dc2 Nimzo-Inders. Dabei bleibt er so objektiv, wie nur möglich, sodass auch der Schwarze mit diesem Buch gut bedient sein dürfte. Die Kapitel sind nicht in Chronologie der Zugfolgen, sondern eher nach Relevanz angeordnet - seltenere Abspiele sind demnach am Ende des Buches zu finden. Ein Variantenverzeichnis mit Diagrammen erleichtert zudem die Orientierung in der Fülle des Materials. Die Aktualität der Quellen und der Partien ist optimal – historische Beispiele fehlen zwar, sind aber in dieser Variante auch nicht vonnöten. Die Kapitel beginnen mit einer Einleitung und enden (wie auch jede Partie) mit einer zusammenfassenden Bewertung. Viel mehr brauche ich gar nicht zu sagen – wer sich einmal die Mühe gemacht hat, eine aktuelle Modevariante für die eigenen Bedürfnisse in Chessbase auszuarbeiten, wird die Arbeit, die in diesem Buch steckt, ganz sicher schätzen und sofort den Warenkorb bemühen.

Fazit: Ein absolutes Muss für den fortgeschrittenen 1.d4 Spieler – das Buch hat gute Chancen, zu einem Standardwerk über die 4.Dc2 Variante zu werden!

 

 

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