Play 1…b6
(a dynamic and
hypermodern
opening system
for Black),
Christian Bauer,
224 Seiten,
Everyman Chess,
2005, 21.50 €

 

Die Belegexemplare
wurden freundlicherweise
von der Firma
Schach E. Niggemann

zur Verfügung gestellt.

 








von Uwe Kersten

 

Die KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne präsentiert Rezensionen aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur, Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum aktuellen Schachgeschehen.

 

ÜBERRASCHUNG SCHON IM ERSTEN ZUG!

Hinter dem Buchtitel und dem sehr deutsch klingenden Namen des Autors, steckt nicht etwa der letzte literarische Erguss eines niederbayrischen Landwirts. Vielmehr legt hier ein junger französischer Großmeister mit einer stattlichen Elozahl um die 2600 eine 82 Partien umfassende und in dieser Ausführlichkeit noch nicht da gewesene Materialsammlung zum Themenkomplex 1…b6 gegen Alles vor.

Seine Aufforderung Play 1…b6 nimmt er selber durchaus wörtlich, da über 10 Prozent der besprochenen Hauptpartien vom Autor selber stammen. Dennoch oder gerade deshalb ist er sich der Grenzen von 1…b6 durchaus bewusst und man wird gleich auf den ersten Seiten mit den harten schachlichen Fakten konfrontiert, da Bauer freimütig einräumt, dass es in einigen Varianten für Schwarz schwierig sei auszugleichen, zumindest schwieriger als in den klassischen Eröffnungen. Doch, so hält er entgegen, trifft dies eigentlich nur zu, wenn der Gegner gut vorbereitet ist und gerade dies, sei bei 1…b6 eher selten der Fall, so dass der Überraschungseffekt den objektiven Nachteil kompensieren kann.

Inhaltlich bietet der französische Großmeister 82 ausführlich kommentierte Partien, wobei sich der Stoff im Wesentlichen auf vier Kapitel verteilt:

1.e4 b6 2.d4

1.d4 b6 2.c4

1.c4 b6 / kein oder spätes d4

1.Sf3 b6

Teilweise entstehen dabei sehr originelle Stellungsbilder, teilweise werden aber auch klassische Strukturen erreicht. Dies sind beispielsweise im 1.e4-Komplex Bauernstrukturen aus Französisch oder Sizilianisch, im 1.d4-Komplex Motive aus Damenindisch oder Holländisch, im 1.c4-Komplex Igelstrukturen und der 1.Sf3-Komplex führt gelegentlich zu Bildern aus dem Königsindischen Angriff.

Doch die nicht alltäglichen Stellungsbilder überwiegen eindeutig und so wundert es nicht, dass so kreative Denker wie die englischen Großmeister Speelman und Miles wertvolle Beiträge zu 1…b6 geleistet haben. Weiterhin führt Christian Bauer die GM´s Blatny, Kengis und Miezis als Wegbereiter der schwarzen Verteidigungsidee an.

Resümee: Auch wenn 1…b6 vielleicht nicht hundertprozentig korrekt ist, so kann es doch als Überraschungswaffe gute Dienste leisten oder das eigene Repertoire sinnvoll ergänzen, wenn man sich in den oben angesprochenen Strukturen zu Hause fühlt. Wer sich mit 1…b6 beschäftigen will, sei es nun aus weißer oder schwarzer Sicht, der bekommt mit dem Eröffnungswerk von Christian Bauer eine solide Grundlage in die Hand – empfehlenswert!

 

 

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