Tango!
(a dynamic
answer to 1d4 ),
Richard Palliser,
192 Seiten,
Everyman Chess 2005,
21.50 €

 

 

Die Belegexemplare
wurden freundlicherweise
von der Firma
Schach E. Niggemann

zur Verfügung gestellt.

 








von Uwe Kersten

 

Die KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne präsentiert Rezensionen aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur, Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum aktuellen Schachgeschehen.

 

 

EIN TANZ AUF VIELEN HOCHZEITEN – TANGO!

Um dem geschätzten Leser zunächst einen kleinen Überblick über die eigentliche Thematik zu verschaffen, hier ein kleiner Variantenindex mit den Kapitelüberschriften des Buches:

1.d4 Sf6 2.c4 Sc6 Die Ausgangsstellung der Tango-Variante!

3.Sf3

3.d5 Se5 Kapitel 3: The Lunge: An Ambitious Early Advance 4.e4 (4.Dc2; 4.Dd4; 4.b3?!; 4.f4!?; 4.Sc3);

3.g3;

3.Sc3 e5 4.d5 Se7

A) 5.Lg5;

B) 5.Sf3 Sg6 6.a3!? (6.g3) ;

C) 5.g3 Sg6 6.Lg2;

D) 5.e4 5...Sg6 Kapitel 1+2: The Dark-squared Centre. 6.Le3! (6.Ld3; 6.a3!?; 6.Sge2; 6.f3?!; 6.Sf3; 6.g3) ]

3...e6 4.Sc3

[4.a3 d6! 5.Sc3 g6 Kapitel 9: The Flexible King´s Indian: Countering the Crafty

4 a3 6.e4 (6.Lg5; 6.g3; 6.d5!?)

4.g3 d5!? 5.Lg2 dxc4 Kapitel 8: The Fiananchetto: Countering the Catalan]

4...Lb4

Kapitel 5: Reaching a Nimzo: Utilising the c6-knight

5.Dc2

Kapitel 6: The Zürich Variation: An Underrated Nimzo Line [5.g3; 5.a3; 5.Lg5; 5.e3]

5...d6 6.a3 Lxc3+ 7.Dxc3

Kapitel 7: The Zürich Variation: 6.a3 Lxc3+ 7.Dxc3

7...0–0!? Siehe Beispielpartie 2


Nach einem ersten Blick auf obiges Diagramm ist man geneigt, die schwarze Stellung als haltlos bis unsolide anzusehen, da Schwarz offensichtlich ein sicherer Stützpunkt im Zentrum fehlt. Bei näherer Betrachtung fällt es indes nicht leicht, wirklich einen konkreten Nutzen daraus zu ziehen. Wie aus der Übersicht ersichtlich, können sich ganz unterschiedliche Stellungstypen ergeben, was bei der großen Flexibilität, die der schwarzen Bauernphalanx innewohnt, nicht überraschend ist. Während einige der Varianten durchaus selbständigen Charakter haben, wird beim Übergang zu Nimzoindisch bzw. Katalanisch streng genommen die Thematik des Buches verlassen. Doch der Autor will ein komplettes Repertoire geben und liefert die Varianten praktisch gratis dazu.

Obwohl ich am Anfang ziemlich skeptisch war, was die Thematik dieser Eröffnungsmonographie anbelangt, bin ich beim Durchsehen des Buches doch positiv überrascht worden. Weniger von der gewohnt guten Druck und Satzqualität des Everyman Verlages, sondern vielmehr vom schachlichen Gehalt der Eröffnung selber und ihrer gelungen Darstellung. Dieses System wird nämlich nicht nur von exotischen Freaks angewandt, sondern findet -zumindest gelegentlich - auch bei renommierten Meistern und Großmeistern Anwendung:

IVANOV (2490)
BOLOGAN (2600)

RUS-Cup1 Chigorin mem St Petersburg (9), 1996,[E10]

[Kommentar von mir]

1.d4 Sf6 2.c4 Sc6 3.Sf3 e6 4.a3 d6 5.Sc3 g6 6.e4 Lg7 7.Le2 0–0 8.0–0 Te8 9.Le3

und nun kann Schwarz erfolgreich ein typisches königsindisches Motiv zur Anwendung bringen. 9...e5! 10.d5 Sd4! 11.Sxd4 [Auch nach 11.Te1 Sxe2+ 12.Txe2 Sh5 13.Se1 f5 14.f3 f4 15.Lf2 g5 16.c5 g4 hat Schwarz einen angenehmen Königsinder.] 11...exd4 12.Lxd4 Sxe4 13.Lxg7 Kxg7 14.Sxe4 Txe4 mit bequemem Ausgleich für Schwarz. 15.Tc1 Df6 16.Dc2 Te5 17.Lf3 Lf5 18.Dd2 Tae8 19.c5 h5 20.cxd6 cxd6 21.Tc7 T8e7 22.Tfc1 Dg5 23.Dd1 h4 24.Txe7 Txe7 25.Dd4+ Kh7 26.Td1 h3 27.g3 Lc2 28.Tf1 De5 29.Dxe5 Txe5 30.Lg4 Lf5 31.Lxf5 gxf5 32.Td1 Te2 33.b4 Ta2 34.Kf1 Txa3 35.Td4 Tb3 36.Ke2 Kg6 37.Tf4 Kf6 38.Kd2 Ke5 39.Kc2 Ta3 40.Kd2 Tb3 41.Kc2 Ta3 42.Kd2 Ta4 43.Th4 Kxd5 44.Ke3 Ke5 45.Kd3 Ta3+ 46.Kc4 a6 47.f4+ Ke4 48.b5 a5 49.b6 d5+ 50.Kc5 d4 51.Txh3 d3 52.Th8 d2 0–1

Und es finden sich noch mehr Beispiele, wo ein scheinbar verunglückter Tango–Königsinder mit einem Bauern auf e6 seine Qualitäten unter Beweis stellt. Aber auch folgendes Beispiel von einem der führenden Experten des Tango wirkt inspirierend:

BROWNE (2560)
ORLOV (2465)

USA-ch Modesto (13), 1995, [E33]

1.d4 Sf6 2.c4 Sc6 3.Sf3 e6 4.Sc3 Lb4 5.Dc2 d6 6.a3 Lxc3+ 7.Dxc3 0–0 8.b4 e5!?

ein interessantes Bauernopfer für Entwicklungsvorsprung. 9.dxe5 Sxe5 10.Sxe5 dxe5 11.Dxe5 Te8 12.Db2 Sg4 13.Dc3 a5 14.Lb2 Dg5 15.h4 Dh6

und in dieser nicht alltäglichen Stellung verfügt Schwarz über ausreichende Kompensation für seinen geopferten Bauern.

Fazit: Der junge IM Richard Palliser liefert einmal mehr ein gelungenes Eröffnungsbuch ab. Die noch in den Kinderschuhen steckende Theorie des Tango stellt er übersichtlich und gut gegliedert an Hand von vielen Beispielpartien dar. Wer in der Eröffnung gerne ausgetretene Pfade vermeidet, den Gegner schon im 2. Zug überraschen will und in der Lage ist, die unterschiedlichsten Stellungstypen zu spielen, dem seien das Buch zum Kauf und der Tango zum Tanz empfohlen .

 

 

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