Win with the
London System,
Sverre Johnsen &
Vlatko Kovacevic,
176 Seiten,
paperback,
Gambit Verlag,
23.45 €

 

Die Belegexemplare
wurden freundlicherweise
von der Firma
Schach E. Niggemann

zur Verfügung gestellt.

 








von Uwe Kersten

 

Die KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne präsentiert Rezensionen aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur, Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum aktuellen Schachgeschehen.

 

EIN (ZU) SOLIDES ERÖFFNUNGSREPERTOIRE NACH 1.d4

Gegenstand des vorliegenden Werkes ist der weiße Aufbau mit d4/Lf4/Sf3/e3, oft gefolgt von c3(c4) / Ld3(e2) / Sbd2(c3) und 0-0. Dieses System soll, wenn irgend möglich, gegen alle schwarzen Verteidigungssysteme beginnend mit Damengambitstrukturen, über Königs-, Grünfeld- und Damenindisch, bis hin zu Anti-Ben-Oni und Holländisch angestrebt werden. Im Endeffekt ergibt sich so ein komplettes Repertoire für Weiß nach 1.d4. Das Buch gliedert sich dabei in zwei Hauptteile. Zunächst werden auf gut 50 Seiten instruktive und gut kommentierte Partien zum Thema vorgestellt. Eine kleine Zusammenfassung am Ende jeder Partie weist dabei noch einmal auf die wesentlichen Erkenntnisse hin – eine gute Idee! Der zweite Teil befasst sich dann auf über 100 Seiten recht ausführlich mit den theoretischen Aspekten. Auch hier sparen die Autoren nicht mit verbalen Anmerkungen und schließen jeden Abschnitt mit einem kleinen Resümee ab. Ein ausführliches Inhaltsverzeichnis, ein übersichtlicher Partien- und Variantenindex sowie Angaben zur Bibliographie runden das insgesamt gelungene Erscheinungsbild dieses Theoriewerkes positiv ab.

Doch, und dies ist vielleicht wichtiger als alles vorher gesagte, für wen eignet sich das Londoner System als Eröffnungswaffe überhaupt? Auch darüber machen sich die Autoren Gedanken und gehen mit „ihrer Variante“ durchaus hart ins Gericht. Sie räumen ein, dass es sicherlich bessere Wege gibt, um mit Weiß um Eröffnungsvorteil zu kämpfen und dass einige Hauptvarianten nur mit den Bewertungen „Ausgleich“ oder „Unklar“ enden. Und für viele ambitionierte Spieler, von Großmeistern gar nicht zu reden, wäre die Diskussion damit auch schon beendet. Eine Variante, nach der Schwarz oft schon nach wenigen Zügen objektiv Ausgleich reklamieren kann und Weiß als einzigen Vorteil nur noch das Spiel in „seinen Strukturen“ bleibt, ist vielen Spielern zu anspruchslos. Da das Londoner System also nur bedingt vorteilhafte Stellungen nach der Eröffnung verspricht, versuchen die Autoren andere Vorzüge in den Vordergrund zu stellen. Dabei ist der herausragendste Punkt die Zeitersparnis beim Studium der Eröffnung. Die Grundideen des Londoner Systems sind relativ schnell zu erlernen und die Eröffnung später leicht zu pflegen, da es nur wenige „kritische Varianten“ gibt, so dass man nicht permanent die aktuellen theoretischen Entwicklungen verfolgen muss. Dazu folgende kleine Episode:

In einem Artikel in der Zeitschrift „Schach“ (8/2006, Seite 24ff) über verschiedene Themen der Eröffnungsvorbereitung beschreibt Christopher Lutz, wie er vor vielen Jahren an einem Rundenturnier in Kroatien teilgenommen hat. Während er sich – als 1.e4-Spieler – jeden Morgen gewissenhaft auf seine Partien vorbereitete, musste er etwas neidisch mit ansehen, wie die kroatischen und bosnischen Großmeister – unter ihnen auch der Mitautor Kovacevic - den ganzen Vormittag beim Backgammon spielen verbrachten. Lutz „vermutet“ weiter, dass Kovacevics gesamte Partievorbereitung darin bestand, vor der Partie eine Münze zu werfen, ob er in seinem kommenden Damenbauernspiel den Läufer nach f4 oder g5 stellt. Allerdings merkt Lutz auch kritisch an, dass mit dieser Einstellung bzw. diesen Eröffnungen ein Niveau jenseits der 2600 kaum zu erreichen sei.

Die Zeitersparnis im Rahmen Eröffnungsvorbereitung beim Einsatz des Londoner Systems ist also unbestritten und der von Lutz angeführte Nachteil scheint fast bedeutungslos zu sein, denn wer bewegt sich schon in der Region um die 2600 Elo? Die Autoren führen weiterhin mit Recht an, dass die ersparte Zeit gut in das Studium anderer Schwerpunkte wie z.B. dem Endspielstudium investiert werden kann. Und dennoch, so plausibel dies auch klingen mag, würde ich als Trainer einem Jugendlichen oder ehrgeizigem Spieler niemals dieses Eröffnungssystem als Hauptwaffe für Weiß empfehlen. Zu einseitig sind in meinen Augen die sich ergebenen Stellungsbilder und obgleich dadurch die Orientierung leichter fallen mag, bleibt doch die die Spielstärke fördernde Horizonterweiterung auf der Strecke, wenn man die anspruchsvollen Strukturen der Hauptsysteme so konsequent vermeidet.

Doch auch das Londoner System hat seine Existenzberechtigung, sei es als psychologische Überraschungswaffe gegen bestimmte Gegner – ich kenne kaum jemanden, der gerne dagegen spielt, vor allem dann, wenn er unbedingt mit Schwarz gewinnen will. Oder als Reservevariante, wenn ein sonst bevorzugtes Hauptsystem in einer theoretischen Krise steckt oder vom Gegner besonders gut beherrscht wird.

Resümee: Wer sich mit dem Londoner System auseinander setzen will, bekommt mit dem vorliegenden Werk exzellentes Studienmaterial und dies von einem der führenden Experten hervorragend aufbereitet. Ob man aber dem Londoner System gleich alle Weißpartien seiner weiteren Schachkarriere anvertrauen will, bitte ich jeden gut zu überdenken – andere Schacheröffnungen haben mehr zu bieten!

 

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