Heiko Eggers,
Die Theorie der Eröffnung
„Königsindischer Angriff“
Das Spielsystem
mit dem Aufbau
Sf3/g3/d3/Lg2/0-0/Sbd2,
2005, Books on
Demand GmbH Norderstedt,
260 Seiten,
paperback, 25 €

 

 

Die Belegexemplare
wurden freundlicherweise
von der Firma
Schach E. Niggemann

zur Verfügung gestellt.

 








von Uwe Kersten

 

Die KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne präsentiert Rezensionen aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur, Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum aktuellen Schachgeschehen.

 

SCHUSTER, BLEIB BEI DEINEN LEISTEN!

Während bei meiner letzten Buchbesprechung eine Vorstellung des Autors – Garri Kasparow – wegen seines hohen Bekanntheitsgrades eher überflüssig erschien, liegt der Fall beim Schreiber des vorliegenden Werkes umgekehrt. Auf der Rückseite des Buches erfährt der Leser folgendes:

„Heiko Eggers, geboren 1955 in Hamburg, begann erst im Erwachsenalter sich mit dem Schachspiel zu beschäftigen.
Seit drei Jahren widmet der Autor sich der Schachtheorie – insbesondere dem Studium des KIA.“
(KIA = K önigs i ndischer A ngriff oder K ing´s I ndian A ttack – Anmerkung des Rezensenten)

Im Vorwort, welches etwas merkwürdig in der „Wir-Form“ geschrieben ist, erhält man keine weiteren Informationen über den Autor. Und auch wer sich noch hinter dem „Wir“ verbergen könnte, bleibt im Dunkeln. In der Einführung rückt sich der Autor dann aber doch noch mal ins Rampenlicht, als er erwähnt:
„Mit Hilfe der Erkenntnisse durch die KIA-Eröffnungstheorie konnte der Autor seine Spielstärke um rund 200 DWZ Punkte steigern.“

Als gewissenhafter Rezensent wollte ich natürlich sogleich diese vielversprechende Aussage auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen und habe die DWZ-Datenbank des DSB bemüht. Und tatsächlich, der Autor hat nicht übertrieben und sich in den letzten Jahren deutlich verbessert. Nur, und dies erfährt der Leser nicht, in einem Spielstärkebereich, wo dies Kinder oft innerhalb kürzester Zeit schaffen. Herr Eggers höchste DWZ rangiert vom April 2006 und lag bei genau 1441-34 Punkten, seine aktuelle Zahl (Stand 12.7.2006) liegt gar nur bei 1327-36 DWZ. Ich war überrascht und geschockt. Kann ein Spieler dieser Spielstärke ein gutes Eröffnungsbuch schreiben?

Zunächst ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis:

009 Vorwort zur 1. Auflage

012 Einführung

020 Anmerkungen zum Begriff "Theorie"

024 Definition und Erläuterung der benötigten Begriffe

034 Allgemeine Aspekte der "Theorie eines Spielsystems"

046 Definition der KIA-Eröffnungstheorie

047 Erläuterungen zu den KlA-Zügen

049 Das Vorgehensmodell zur Materialsichtung

055 Checkliste zum Vorgehen bei der Materialsichtung

060 Ermittlung der (Haupt-)Varianten

063 Varianten von Schachprogrammen

067 Präsentation der KIA-Eröffnung für Sf3/g3/d3/Lg2/0-0/Sbd2

071 1. Stellungsbilder Gruppe-1: Schwarzes Fianchetto am Königsflügel

119 2. Stellungsbilder Gruppe-2: Schwarzes Fianchetto am Damenflügel

137 3. Stellungsbilder Gruppe-3: Schwarzer Bauernkeil

170 4. Stellungsbilder Gruppe-4: Schwarze Bauernkette d/e/f

201 5. Stellungsbilder Gruppe-5: Schwarzes Bauernduo d/e

229 Anhang

242 Quellenverzeichnis

246 Sachregister

Mein erster Eindruck beim Durchblättern des Buches war dann leider auch ein negativer. Mir wurde schnell bewusst, dass ich keines der üblichen Eröffnungsbücher in der Hand hielt, sondern es irgendwie mit einem neuen Konzept zu tun hatte. Grob kann das Buch in drei Teile untergliedert werden. Im Teil 1 versucht der Autor seine Vorstellung von „Theorie“ bzw. der „Theorie eines Spielsystems“ zu erläutern. Auffällig ist dabei der sehr häufige Einsatz von Fußnoten – im gesamten Buch habe ich weit über 100 ausfindig gemacht – um Begriffe oder Behauptungen zu belegen.

Die Fußnoten sind teilweise extrem ausführlich und nehmen schon mal mehr Raum auf einer Seite ein als der eigentliche Text. Dies erinnert dann auch mehr an eine wissenschaftliche Arbeit, als ein normales Schachbuch, aber genau so will der Autor sich auch verstanden wissen, wenn man seinem Vorwort Glauben schenkt.

In Teil 2 erläutert der Autor ausführlich seine Herangehensweise bei der Materialsichtung und Zusammenstellung. Dies kommt teilweise einer Bedienungsanleitung für Chessbase gleich, da er Schritt für Schritt erklärt, welche Datenbanken er wie angelegt hat.

Teil 3 kommt dann endlich zum Kern der Arbeit. Hier stellt Schachfreund Eggers statistisch aufbereitet die verschiedenen Varianten dar, die sich nach den Anfangszügen Sf3/g3/d3/Lg2/0-0/Sbd2 ergeben können und untersucht dabei jedes Mal unterschiedliche Schwarzsysteme. „Untersucht“ heißt in diesem Zusammenhang einen ausführliche Zusammenstellung vieler unterschiedlicher Kommentare aus Büchern und Chessbase zu den einzelnen Varianten, wobei er englische Kommentare nicht übersetzt, sondern im Original übernimmt. Als wenn dieser Textbrei nicht schon inhaltlich verwirrend genug wäre, ist die Gestaltung des Buches an dieser Stelle ziemlich unübersichtlich und nahm mir ziemlich schnell die Lust, weiter voran zu schreiten.

Fazit: Zu Heiko Eggers neuen theoretischen Ansätzen habe ich persönlich keinen Zugang gefunden. Viele Erläuterungen geben schon Bekanntes wieder, ohne in meinen Augen etwas wirklich Neues zu erschaffen. Die angelegten Datenbanken, die erstellten Statistiken haben keinen besonderen Wert – jeder halbwegs erfahrene Chessbase-Nutzer kann diese durch ein wenig Mühe selbst erstellen. Die Zusammenstellung schon vorhandenen Materials in Form einer bloßen Aneinanderreihung, ohne eigene Impulse eines Autors – was bei der Spielstärke natürlich auch schwer fällt – ist nur von geringem Wert. Es gibt wahrlich gute Bücher, um Eröffnungen zu erlernen – dieses gehört leider nicht dazu!

 

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