John Cox,
Dealing with
d4 deviations.
Fighting the
Trompowsky, Torre,
Blackmar-Diemer,
London, Colle
and other
problem openings,
Everyman Chess, 2005,
Paperback, 144 Seiten,
Preis: 22,94 €,

 

Die Belegexemplare
wurden freundlicherweise
von der Firma
Schach E. Niggemann

zur Verfügung gestellt.

 








von Uwe Kersten

 

Die KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne präsentiert Rezensionen aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur, Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum aktuellen Schachgeschehen.

 

HAT DAS GRAUE(N) NUN EIN ENDE?

Jeder kennt sie, die wenigsten mögen sie und doch sind sie bei jedem Turnier dabei – die Betonspieler, die Fanatiker aus der BDG-Gemeinde und die Theoriemuffel, welche lieber Schach aufgeben würden, als eine anerkannte Hauptvariante aufs Brett zu stellen. Zu gerne möchte man als Schwarzer die Solidität seiner Slawischen Verteidigung unter Beweis stellen, einen positionell anspruchsvollen Nimzoinder spielen oder ein taktisches Gemetzel im Ben-Oni auf dem Brett haben, aber Weiß hat seine eigenen Vorstellungen und weicht frühzeitig ab. Die nun entstehende theoretische Grauzone empfinden nicht wenige Schachfreunde gar als grauenhaft!

John Cox, mit Elo 2300+ ein erfahrener FIDE-Meister und früherer Britischer Jugendmeister, will mit seinem vorliegenden Werk Abhilfe schaffen. Sein in gewohnter Everyman-Qualität aufgemachtes Buch bietet Repertoirevorschläge gegen „frühe Abweichungen nach 1.d4“ und dabei insbesondere gegen die folgenden Varianten an:

•  Trompowsky 1...Sf6 2.Lg5
•  Pseudo-Trompowsky 1...d5 2.Lg5
•  Torre-Angriff mit 2.Sf3 und 3.Lg5
•  Hebden Torre 1...Sf6 2.Sf3 e6 3.c3
•  London-System mit Sf3 und Lf4
•  Colle-System mit Sf3 und e3
•  Veresov 1...d5 2.Sc3 Sf6 3.Lg5
•  Blackmar-Diemer-Gambit 1...d5 2.e4
•  Anti-Benoni 1...Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 c5 ohne 4.d5
•  Diverse seltene Damenbauernspiele

Etwas kurz kommen die Königs- und Grünfeldindisch-Spieler, da frühe Abweichungen nach 1.d4 Sf6 2.Sf3 g6 nicht behandelt werden. John Cox verweist diesbezüglich auf das (gute!) Werk von Joe Gallagher „Beating the Anti-King´s Indians“ (Batsford). Auch Wolga-Benkö und Ben-Oni-Fans kommen nicht ganz auf ihre Kosten, da die lästige Zugfolge - ich spreche da aus eigener Erfahrung - 1.d4 Sf6 2.Sf3 c5 3.d5 (ohne weiteres c2-c4), ausgespart wird. Allerdings wird zumindest die ebenfalls häufig anzutreffende Ben-Oni-Zugfolge 1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 c5 behandelt, wobei Cox hier auf die Abweichungen 4.g3, 4.e3 und 4.Sc3 eingeht.

In seinem Vorwort erzählt John Cox zunächst seine eigene Leidensgeschichte gegen frühe Abweichungen nach 1.d4 und analysiert, warum er und wohl auch manch anderer ein Problem mit diesen Eröffnungen haben. Zunächst räumt er ein, lange Zeit überhaupt kein Repertoire gegen diese Systeme gehabt zu haben, womit man natürlich schon mal einen Nachteil mit ans Brett nimmt. Zudem empfand er die entstehenden Stellungsbilder als langweilig und wenig interessant, keine gute Voraussetzung, um am Schachbrett optimale Leistung abzurufen. Hinzu kommt die Ansicht der gängigen Theorie, die diese Systeme als ungefährlich einstuft, was dazu beitragen mag, diese Eröffnungssysteme auf die leichte Schulter zu nehmen. Eine objektive Schwierigkeit macht Cox darin aus, dass viele unterschiedliche Stellungstypen entstehen können, deren richtige Behandlung eine gute schachliche Grundausbildung voraussetzt. In diesem Zusammengang merkt er auch an, dass man häufig im „Garten“ seines Gegners spielt, so dass dieser in seiner Variante über viel größere Erfahrung verfügt, was die eine oder andere theoretische Schwäche des Eröffnungssystems kompensieren kann.

John Cox versucht nun mit seinen Repertoirevorschlägen diese Probleme zu lösen oder zumindest abzuschwächen. Besonders gut gefällt mir dabei sein Ansatz, dem Gegner nicht seinen Willen zu lassen. So empfiehlt er z.B. gegen den „Tromp“ 1.d4 Sf6 2.Lg5, die solide Variante mit 2…e6, um dem Gegner schon mal jeden Spaß an einem möglichen Doppelbauern zu nehmen. Gegen das aggressive BDG schlägt er mit gleicher Wucht zurück und votiert für das Lemberger Gegengambit, um dem Weißen nicht die Initiative zu überlassen. Ein weiteres Beispiel ist die scheinbar feine Zugfolge 1.d4 Sf6 2.Sf3 e6 3.g3, womit Weiß alle möglichen Störmanöver, welche auf Lb4+ basieren, ausschalten will und erst nach der vollzogenen Rochade mit c4 im Zentrum aktiv zu werden gedenkt. Die „Bestrafung“ für das verzögerte c4 sieht Cox nun im konsequenten 3…b5 und er hat dabei sowohl die Statistik als auch über 1000 Großmeisterpartien auf seiner Seite. Nicht in jedem Fall gelingt es ihm, so direkt die Nachteile des jeweiligen Aufbaus herauszustreichen. Aber dies ist keine Kritik an dem vorliegenden Werk, sondern zeigt nur, wie schwierig es überhaupt ist, das Graue(n) effektiv zu bekämpfen.

Resümee: Auch John Cox kann das Graue(n) nicht ganz aus unserer (Schach-) Welt verbannen, aber sein Werk lieferte eine Menge guter Vorschläge, um einem das Leben in dieser Hinsicht zu erleichtern. Wer also mit ähnlichen Problemen wie Cox gegen „frühe Abweichungen nach 1.d4“ zu kämpfen hat, dem kann das vorliegende Werk guten Gewissens empfohlen werden. Ob sich allerdings der Wunsch des Autors erfüllt, dass sich nun alle (abtrünnigen) Weißspieler wieder den Hauptvarianten zuwenden, möchte ich leise in Zweifel ziehen...

 

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