Endre Vegh
Starting out:
Modern Benoni
Everyman Chess 2004
In englischer Sprache
Paperback, 176 S.,
EUR 20,35

 

Die Belegexemplare
wurden freundlicherweise
von der Firma
Schach E. Niggemann

zur Verfügung gestellt.

 








von Erik Zude

 

Die KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne präsentiert Rezensionen aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur, Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum aktuellen Schachgeschehen.

 

AKTIVE VERTEIDIGUNG GEGEN 1. d4 (I)

Endre Veghs "Modern Benoni"
Empfehlenswert, wenn auch mit Schwächen

Mit "Starting out: Modern Benoni" hat der ungarische IM Endre Vegh sein erstes Werk für den englischen Everyman Verlag vorgelegt. Er erklärt die moderne Benoni-Verteidigung sowohl aus Sicht des Schwarzspielers als auch aus Sicht des Weißen.
Das Buch richtet sich an den "improving player", also wohl an Vereinsspieler und ausfwärts. Es enthält 46 ausführlich kommentierte Partien, die jeweils weitere komplette Partien enthalten, sowie zahlreiche Partiefragmente.

INHALTSVERZEICHNIS:

Foreword
1 Introduction to the Modern Benoni (59 S.)
2 Rare Variations (25 S.)
3 The Fianchetto Variation (24 S.)
4 Systems with f2-f3 (15 S.)
5 systems with f2-f4 (19 S.)
6 The Modern Variation: e2-e4, Nf3 and h2-h3 (14 S.)
7 Classical Sidelines with Nf3 and e2-e4 (10 S.)
8 Classical Main Line: Nf3-d2 and e2-e4 (12 S.)
Index of Variations
Index of Complete Games

Endre Vegh richtet sein Hauptaugenmerk darauf, die typischen Ideen und Pläne im modernen Benoni ausführlich zu erläutern. Er hatte ausdrücklich nicht die Absicht, eine Eröffnungsmonographie zu schreiben. Dies zeigt sich zum einen in der mit 59 Seiten sehr langen Einführung. Zum anderen finden sich auch in den Kapiteln zu den einzelnen Varianten immer wieder wertvolle allgemeine Hinweise. Er legt dabei auch Wert darauf, den Partieverlauf nach dem Eröffnungsstadium zu erklären.

Trotzdem enthält das Buch eine Fülle von aktuellem Eröffnungsmaterial, wenn auch oft nur in den Anmerkungen zu den kommentierten Partien. Diese Fülle hat es den Herausgebern wohl notwendig erscheinen lassen, einen relativ kleinen Schfrifttyp zu verwenden.

Bei einigen Varianten, insbesondere dem modernen System sowie dem System mit f2-f4 und Lb5+, steigt Endre Vegh tief in die aktuelle Theoriediskussion ein, sodass der Band hier einer Eröffnungsmonographie nur wenig nachsteht. Dies ist, wohl aus Platzgründen, nur sporadisch anzutreffen, allerdings bei den momentan als am gefährlichsten eingestuften Varianten.

Die Materialauswahl finde ich gut. Es finden sich einige Klassiker, die in keiner Einführung in die moderne Benoni-Verteidigung fehlen dürfen, z.B. einige Partien Tals aus den FünFzigern des letzten Jahrhunderts, natürlich auch Korchnoi-Kasparov, Luzern 1982. Aber auch die Partien der vergangenen zehn Jahren kommen nicht zu kurz, die aktuellsten Partien sind aus 2004, z.B. die hoch interessante und ausführlich analysierte Partie Golod - G. Gurewich, Israel 2004. Zur Materialauswahl ist noch anzumerken, dass der Autor bis auf wenige Ausnahmen ausschließlich Partien starker Großmeister vorstellt.

Endre Vegh hält dem Leser von Anfang an vor Augen, dass Schwarz im modernen Benoni energisch um Gegenspiel kämpfen muss, oft auch unter Materialopfern. Die dazu nötige Einstellung versucht er immer wieder zu vermitteln. Hinweise, welche Risiken Schwarz dadurch auf sich nimmt, dass er dem Weissen ein Übergewicht im Zentrum überlässt, finden sich zahlreich. Ebenso wie Hinweise auf typische Möglichkeiten, Gegenspiel zu erhalten.
Hier zeigt sich, dass Endre Vegh, obwohl sehr um Objektivität bemüht, mit dem Herzen oft die schwarze Seite vertritt. Dies ist nicht selbstverständlich, da er, laut meiner Datenbank, selbst kein aktiver Verfechter der modernen Benoni Verteidigung ist. Trotzdem kann man seine Analysen als ausgewogen bezeichnen; ein gutes Maß an Optimismus tut sicherlich gut.

Endre Vegh hat die Partien offenbar mit viel Aufwand (und natürlich einem Computer) analysiert, und dabei auch Analysen anderer Autoren herangezogen. Beim Nachspielen der Partien wird dem Leser eine Fülle von interessanten Möglichkeiten und Varianten vorgestellt, aus der einige Begeisterung für die moderne Benoni Verteidigung gewonnen werden kann. Diese rein schachliche Arbeit ist meines Erachtens eine Hauptstärke dieses Buches. Dem Leser wird z.B. bei der berühmten Partie Kortschnoi - Kasparow, Luzern 1982, die Quintessenz einiger Analysen präsentiert, darunter auch Kasparow's, bereichert mit eigenen Erkenntnissen des Autors. Die Analysen zeugen von beeindruckender Ideenvielfalt.

Leider hat Endre Vegh seine Quellen nicht systematisch in einer Bibliographie zusammengefasst. Einige nennt er sporadisch verstreut im Text, so z.B. John Nunn's hervoragendes "Secrets of Grandmaster play", die meisten bleiben aber ungenannt, z.B. Kasparow's Analyse aus "Von der Zeit geprüft". Sobald der Leser also in die Detailarbeit einsteigt, muss er dabei ständig rätseln, ob der Autor die eine oder andere bekannte Quelle nun verwendet hat oder nicht. Außerdem möchte man natürlich gerne wissen, welche weiterführende Literatur existiert.

Wo wir gerade bei den Schwächen des Buches sind. Hier muss noch das des öfteren etwas holprige Englisch erwähnt werden.
Außerdem wird nicht nur der Vereinsspieler eine systematische Behandlung von Zugfolge- und Zugumstellungsfragen sowie Fragen nach einem an der modernen Benoni Verteidigung orientierten Repertoire vermissen. Endre Vegh erwähnt zwar an der einen oder anderen Stelle Zugumstellungen, z.B. aus dem Königsindischen. Auch weckt er des öfteren Interesse für Repertoire-Fragen, z.B. mit dem Abschnitt "Benoni versus the Catalan". Hier führt er zwar aus, dass Schwarz nach 1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.g3 anstelle des soliden 3...d5 mit 3...c5 den Übergang ins moderne Benoni anbieten kann. Was er nach 3. Sf3 machen soll, erklärt er jedoch nicht: Nach dem soliden 3...d5 könnte Weiss immer noch mit 4.g3 ins Katalanische überleiten, und nach 3...c5 ist es eben nicht zwingend die - relativ harmlosere - Fianchetto-Variante. Wie auch immer: Diese Fragen sind für jeden, der die moderne Benoni Verteidigung in sein Repertoire einbauen möchte, wichtig, und sollten meines Erachtens in einem eigenen Kapitel systematisch behandelt werden. Hier hätten die Herausgeber gerne mehr Platz zur Verfügung stellen sollen.

Abgesehen von diesen Kritikpunkten gefällt mir das Buch jedoch gut. Die ausführlichen Erklärungnen und vor allem die sehr interessanten Analysen werden auch Fortgeschrittenen hilfreich sein. Dass ab einem bestimmten Level zusätzlich noch Datenbanken oder spezielle Theorieartikel hinzugezogen werden, tut dem keinen Abbruch.

 

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