oyarzun

 

Juan Oyarzún,

von Beruf Chemiker,
beteiligte sich
1986 am
Literaturwettbewerb
"Walter-Serner-Preis"
vom
Sender Freies Berlin
mit seiner
Kriminalerzählung
Flucht mit Hindernissen,
welche unter 207
eingereichten
Sendungen
preisgekrönt
und zusammen
mit drei anderen
in der Sendung
Pulp vom SFB
vorgestellt  wurde.

Außerdem ist er
Verfasser mehrerer
Fachartikel
und eines Fachbuchs,
das 1998 auf Deutsch
und zwei Jahre später
auf Englisch
veröffentlicht wurde.
Seit seiner Versetzung
in den Ruhestand
ist er als unabhängiger Fachberater tätig.

Es ist nach
Kamps skurrile Strategie

die zweite Erzählung
die er auf
KARL-Online
veröffentlicht.


Seine Kontaktadresse im Internet lautet:
thesla@web.de









Die KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne präsentiert Rezensionen aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur, Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum aktuellen Schachgeschehen.


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UNTER GEWINNZWANG

Eine Schacherzählung

von Juan Oyarzún

Für Gudrun

 

Nach vielen Wochen mit geheimen Vorbereitungen war endlich der Tag gekommen, an dem Adrián Malpaso und seine Frau Beatriz das Land verlassen wollten. Seit drei Jahren waren sie der Willkür des autokratischen Regimes von Joaquín Baccio unterworfen, dem Bergbaumagnat, der es verstanden hatte, durch Bestechung und Betrug an die Präsidentschaft zu kommen und dann eine Diktatur zu errichten. Inzwischen hatten er und seine Gefolgschaft sich endgültig zu denjenigen gesellt, die die Maßstäbe der zivilisierten Welt mit den Füßen traten. Die Malpasos hatten genug. Da sie wussten, dass sie keine Genehmigung erhalten würden, um das Land zu verlassen, hatten sie sich entschlossen, nachts ins Nachbarland zu fliehen. Zum Glück hatten sie einen Sohn, der in der Bergbau-Akademie der Kleinstadt Aguas Calientes studierte, nur fünfzehn Kilometer von der Grenze entfernt. Dieser Umstand gab ihnen einen guten Vorwand, um nahe ans Nachbarland zu fahren.

Ihre Reisevorbereitungen hatten viel Planung, Vorsicht und Geduld von ihnen abverlangt, denn durch die von der Diktatur drohende Lebensgefahr durften sie nur wenige unter ihren engsten Freunden in ihre Fluchtabsichten einweihen. Selbst ihrem eigenen Sohn hatten sie nichts erzählt, denn wenn irgendetwas schief ginge, sollte er offen sagen können, dass er von einem Fluchtplan seiner Eltern nichts wusste.

So hatten sie alles geregelt, was zu regeln möglich war, ohne Verdacht bei den Behörden zu wecken. Dass ihre Flucht großen finanziellen Verlust für sie bedeutete, war unumgänglich, aber die Malpasos waren bereit, dies in Kauf zu nehmen. „Das ist der Preis für die Freiheit“, sagten sie. Immerhin nahm Adrián wichtige Fachunterlagen mit, die er im Laufe seiner Berufsjahre zusammengestellt hatte. Bei einer Tätigkeit im Nachbarland würden sie ihm von Nutzen sein.

Spät in der Nacht des „Schicksals-Tages“, wie sie ihn nannten, verstauten sie die Koffer in ihren Geländewagen. Sie hatten sich warm gekleidet, denn Nächte in der Wüste sind bitterkalt und von Santa Mónica, ihrem Wohnort, bis Aguas Calientes waren es gut dreihundert Kilometer. Nachdem sie ihr Haus abgeschlossen hatten, nahmen sie Abschied von ihrem treuen Freund César, der sich ihrer Habe während ihrer Abwesenheit annehmen würde.

„Hals- und Beinbruch! Passt gut auf Euch auf!”, sagte César. „Keine Sorge wegen eures Hauses. Ich werde mich schon darum kümmern!“

Mit einem letzten Blick auf ihr geliebtes Heim, das sie fast dreißig Jahre beherbergt hatte, stiegen die Malpasos in ihren Wagen ein; der Motor dröhnte und ab fuhren sie, hinaus aus der Stadt in die schwarze Wüstennacht.

*********************

Major Gaspar Rengifo, der neue Kommandant der Wach-Garnison, blickte gelangweilt durch die schmutzigen Fensterscheiben seines Feldbüros. Es war sechs Uhr morgens und die Sonne war soeben aufgegangen. Noch zwei weitere Stunden und es würde fast unerträglich sein, sich ohne geeigneten Schutz unter ihren erbarmungslosen Strahlen aufzuhalten. Nur einige mannshohe Kakteen und ein paar verdorrte Bäume hier und da unterbrachen die Eintönigkeit der gelbbraunen Wüstenlandschaft, die sich bis zum Horizont erstreckte. An das monotone Surren des Benzinmotors, der draußen an einen Generator gekoppelt für die elektrische Energie sorgte, hatte sich der Major längst schon gewöhnt.

Jeden Tag dasselbe! Vor drei Monaten war er hier eingesetzt worden, als Kommandant eines Infanteriebataillons, dessen Aufgabe es war darauf zu achten, dass kein Unbefugter das militärische Sperrgebiet betrat. Was für ein Auftrag! Die wenigen Bücher, die er mitgebracht hatte, konnte er schon fast auswendig, und er hatte es satt, Schachpartien gegen sich selbst zu spielen, denn keiner seiner Unteroffiziere oder Soldaten interessierte sich für das königliche Spiel. Welche Tortur für einen leidenschaftlichen Schachspieler wie er!

Einzige Abwechslung war der Tankwagen, der alle drei Tage aus der nächsten Oasensiedlung herfuhr, um ihren Wasservorrat zu erneuern und sie mit Proviant und Brennstoff zu versorgen.

„Dies ist kein Auftrag. Dies ist der reinste Strafposten!“ brummte der Major für sich. Er zündete sich eine Zigarette an und dachte an seine Frau, die in seiner Offizierswohnung im fernen Palo Alto sich um ihren gemeinsamen Jungen kümmerte und für ihn Mutter und Vater zugleich sein musste.

Im Korridor näherte sich ein Stampfen schwerer Stiefel und jemand klopfte an die Tür seines Arbeitszimmers.

„Herein!” rief Rengifo.

Die Tür wurde geöffnet und Feldwebel Obregón, ein beleibter, untersetzter Mann, dem seine khaki Uniformjacke etwas zu eng war, kam herein. Er nahm Haltung an, salutierte und sagte:

„Herr Major, wir haben soeben eine Funknachricht vom Leutnant Lagos erhalten. Seine Wachpatrouille hat in der Nacht zwei Unbefugte im Sperrgebiet überrascht und gefangen genommen. Ein Ehepaar in einem Geländewagen.“

„Ein Ehepaar? Dann ist auch eine Frau dabei.“

„Jawohl, Herr Major!“

Rengifo sah den Feldwebel ungläubig an. Was hatte eine Frau mitten in der Nacht im Sperrgelände zu suchen, selbst wenn sie in Begleitung ihres Gatten war?

„Wo sind sie jetzt?“

„Auf Baracke Drei, Herr Major. Es war in ihrer Nähe, dass ihr Wagen entdeckt wurde. Sie fuhren gerade nach Osten.“

„Wurden sie untersucht?“

„Jawohl, Herr Major. Die beiden Gefangenen und ihr Wagen. Waffen hatten sie keine dabei. Sonst auch nichts Verdächtiges. Ihr Gepäck wurde noch nicht untersucht. Sie hatten zwei große Koffer und eine Reisetasche dabei. Alle drei Sachen ziemlich schwer.“

“Leutnant Lagos soll die Gefangenen hierher zur Baracke Eins fahren. Gepäck durchsuchen!”

„Zu Befehl, Herr Major!“

Feldwebel Obregón grüßte und verließ das Büro.

„So, so! Schwere Koffer bei sich. Dies wird immer interessanter,“ dachte Rengifo.

Eine halbe Stunde später erschien der Feldwebel von neuem und erstattete Bericht.

„Die Gefangenen sind angekommen, Herr Major. Die Koffer haben wir untersucht. Viel Kleidung, Waschzeug und ähnliches. Keine Waffen. Hier sind die Brieftasche des Mannes und die Handtasche seiner Frau. Dazu eine Mappe mit Papieren, die in einem der Koffer gefunden wurde. Hier ist alles.“

Und er legte auf den Schreibtisch Brief- und Damentasche und eine lederne Mappe mit Reißverschluss.

Sein Vorgesetzter öffnete zuerst diese Mappe und nahm daraus ein dickes Bündel Papiere. Sämtliche Blätter enthielten Begriffe, die er nicht verstand, und Mengenangaben wie Pfund pro Tonne oder Liter pro Kubikmeter, alles mit einer Schreibmaschine geschrieben. Hier und da waren einige handgeschriebene Eintragungen zu sehen. Außer diesen Papieren fand er in der Mappe ein Buch mit abgegriffenen Seiten. „ Schachstrategie “ hieß es. Mit diesem in Schachkreisen bekannten Werk von Edward Lasker war der Major gut vertraut. In der Brieftasche fand er etwas Geld, ein paar Fotos von einer blonden Frau und einem Jungen, und einen Personalausweis, ausgestellt auf einen gewissen Adrián Malpaso, achtundfünfzig Jahre alt, von Beruf Bergbauingenieur. Die Damenhandtasche enthielt ein Portemonnaie mit Geld, einen Notizblock mit Bleistift, einen Spiegel, eine Puderdose, einen Kamm, zwei Taschentücher und einen Ausweis auf den Namen von Beatriz Held de Malpaso, zweiundfünfzig Jahre alt, Übersetzerin von Beruf.

„Bringt den Mann herein!“ befahl Rengifo dem Feldwebel.

Dieser ging zur Tür und wiederholte den Befehl. Kurz darauf erschien der Gefangene in Begleitung eines Wachpostens mit Gewehr. Rengifo sah vor sich einen großen, stämmigen und gepflegten Mann mit vollem graumeliertem Haar, dessen intelligentes, gebräuntes Gesicht viel Tätigkeit im Freien verriet. Adrián hatte seinen Mantel bei der Durchsuchung ablegen müssen und jetzt stand er da in einer grauen Flanellhose und einem hellen Pullover, der ihn mehr schlecht als recht vor der Morgenfrische schützte. Seine Hände waren nicht gefesselt. Trotz seines Gefangenenstatus zeigte er sich gefasst.

Der Major setzte sich an seinen Schreibtisch und gab dem Posten ein Zeichen, dass dieser sich entfernen durfte. Der Feldwebel blieb.

„Ich bin Major Gaspar Rengifo, Kommandant der Wach-Garnison dieses militärischen Sperrgebietes,“ sagte er dem vor ihm stehenden Adrián. „Vielleicht können Sie mir erklären, Herr Malpaso, was Sie und Ihre Frau nachts hier im Sperrgebiet zu suchen hatten.“

„Es war keine Absicht, Herr Major,“ antwortete Adrián. „In der Nacht sind wir unbemerkt von der Fernstraße abgekommen. Uns ist es nicht aufgefallen, dass wir in ein Sperrgebiet geraten waren.“

„Die Demarkation ist aber ausreichend genug abgesteckt und gekennzeichnet.“

„Für Tagesreisende vielleicht. Aber nachts ...? Weder meine Frau noch ich haben irgendwelche Schilder gesehen.“

„Warum sind Sie nachts durch die Wüste gefahren? Was hatten Sie vor?“

„Wir waren auf der Fahrt nach Aguas Calientes. Von Santa Mónica bis dorthin sind es mehr als dreihundert Kilometer. Wir sind nachts gefahren, weil wir die Tageshitze in der Wüste vermeiden wollten.“

„Aguas Calientes liegt nördlich von hier. Als man Sie entdeckte, fuhren Sie aber nach Osten, ins Gebirge.“

„Ja, ich weiß. Meine Frau und ich hatten schon festgestellt, dass wir von der Fernstrasse abgekommen waren und uns verirrt hatten. Wir versuchten gerade, wieder auf die Fernstraße zu kommen.“

„Was haben Sie in Aguas Calientes zu tun?"

„Wir wollten unseren Sohn besuchen, der dort wohnt.“

Der Major nahm das Bündel Papiere, das in der ledernen Mappe gelegen hatte, und sagte:

„Diese Papiere in Ihrer Mappe ... Was bedeuten die Begriffe „Kresol “ und „Xanthat“ , und diese Mengenangaben in Pfund pro Tonne oder Liter pro Kubikmeter?“

„Kresole“ und „Xanthate“ sind Produkte für die Aufbereitung von Kupfererzen. Die Mengen beziehen sich auf die Dosierung. Ich bin Bergbauingenieur, wie Sie in meinem Ausweis gelesen haben.“

„Für welche Bergbaugesellschaft sind Sie tätig?“

„Fest angestellt bin ich bei keiner. Seit einigen Jahren arbeite ich als freier Fachberater auf Honorarbasis. Die kleinen Bergbauunternehmen können sich selten einen fest angestellten Ingenieur für ihre Erzaufbereitung leisten.“

„Und warum nehmen Sie diese Papiere mit nach Aguas Calientes?“

„Sie sind für unseren Sohn Teodoro. Er studiert dort an der Bergbau-Akademie.“

„Wie lange wollten Sie Ihren Sohn besuchen?“

„Etwa eine bis zwei Wochen. Vielleicht ein wenig länger.“

„Nach Ihrem Gepäck zu urteilen wollten Sie sich mehrere Wochen dort aufhalten.“

„Nun, Sie wissen besser als ich wie schnell Kleidung in der Hitze der Wüste schmutzig wird.“

„Wo wohnt Ihr Sohn in Aguas Calientes?“

„Er wohnt privat bei einer Familie Yusti, die ihm ein Zimmer vermietet.“

„Wie lautet die Adresse?“

Adrián nannte die Adresse. Der Major notierte sie auf ein Blatt Papier und schrieb einige Bemerkungen dazu. Dann sagte er zu Adrián:

„Wir sind vorläufig fertig. Ihre Erklärungen finde ich nicht ganz zufrieden stellend, aber wir werden Ihre Angaben überprüfen.“

Er wandte sich dem Feldwebel zu und befahl ihm, den Gefangenen abführen und dessen Frau bringen zu lassen. In der kurzen Pause, in der sie allein blieben, gab er dem Feldwebel das Blatt und sagte ihm:

„Der Funker soll mit der Polizei in Aguas Calientes Verbindung aufnehmen und sich diese Angaben bestätigen lassen.“

Obregón warf einen Blick auf den Zettel.

„Herr Major“, sagte er, „heute ist Sonntag. Die Bergbau-Akademie ist geschlossen.”

„Herrgott noch mal! Hier handelt es sich um einen Sonderfall! Die Polizei soll den Rektor, den Generalinspektor oder sonst wen, der zuständig ist, ausfindig machen und sich sofort bestätigen lassen, ob im Register der Akademie ein Student namens Teodoro Malpaso eingetragen ist. Übrigens, wenn der Funker den Sohn am Apparat hat, möchte ich selber mit ihm reden.“

„Jawohl, Herr Major!“ gab der Feldwebel etwas betreten zur Antwort.

Gerade als er hinausgehen wollte, wurde die Tür geöffnet und der Wachposten mit Gewehr führte eine Frau herein. Er grüßte und meldete:

„Die Gefangene, Herr Major!“

Malpasos Gattin war eine hochgewachsene, schlanke Frau immer noch höchst attraktiv, obwohl sie ihre besten Jahre schon hinter sich hatte. Für ihr Alter sah sie erstaunlich jung aus. Sie war in Slacks und einer Lumberjacke gekleidet, mit festen Wanderschuhen an ihren Füßen. Uhr und Schmuck waren ihr bei der Gefangennahme abgenommen worden. In ihrer rechten Hand hielt sie ein zerknülltes, weißes Taschentuch. Ihr rundes Gesicht, von hellblondem Haar umrahmt, verriet die Strapazen, die sie in den vergangenen Stunden hatte ertragen müssen. Dennoch wirkte sie ruhig und beherrscht.

Falls die Erscheinung dieser Frau ihn beeindruckt hatte, ließ sich Rengifo nichts anmerken.

„Wache, einen Stuhl für die ... Frau!“ befahl er dem Posten. Beinahe hätte er sich versprochen und „für die Dame“ gesagt. In der Armee war es untersagt, Gefangene viel zu höflich zu behandeln solange sie als solche galten.

Der Posten holte einen schlichten Holzstuhl, den er vor den Schreibtisch stellte und verließ das Büro. Mit einer Handbewegung hieß der Major Beatriz Platz nehmen. Dann nannte er ihr seinen Namen und Dienstgrad. Er wollte mit dem Verhör anfangen, als seine Ordonnanz hereinkam und ein kleines Tablett mit einer Kanne Kaffee, einer Tasse und etwas Brot und Käse auf den Schreibtisch legte.

„Ihr Frühstück, Herr Major!“ sagte er, salutierte und entfernte sich.

Rengifo war es fast peinlich, jetzt frühstücken zu müssen. Ihm war es klar, dass die Frau etwa seit Mitternacht nichts zu sich genommen hatte. Zudem hatte sie während der Nacht durch die Aufregung der Wüstenfahrt und der Gefangennahme kein Auge zugemacht. Am liebsten hätte er sein Frühstück mit ihr geteilt, aber er hatte seine Vorschriften.

„Ein Glas Wasser vielleicht, Frau Malpaso?“ fragte er die Gefangene.

In ihren graublauen Augen glomm ein Funke.

„Gern, Herr Kommandant! Bitte!“ erwiderte sie.

Ihr wurde ein großes Glas Wasser gebracht, das sie fast sofort leerte. Der Major beeilte sich unterdessen, mit seinem Frühstück fertig zu werden. Dann schob er das Tablett zur Seite und begann mit dem Verhör.

„Sie heißen Beatriz Held de Malpaso und sind Übersetzerin von Beruf. Für welche Sprache?“

„Deutsch und Englisch.“

„Und kann man in Santa Mónica davon leben?“

„Es reicht. Der Hauptverdiener in unserer Familie ist jedenfalls mein Gatte. Er ist ein guter Berater auf dem Bergbaufach und deshalb sehr gefragt.“

Nach dieser kurzen Tuchfühlung kam Rengifo zum Kern der Sache: Was die Gefangenen nachts in der Wüste suchten. Im Großen und Ganzen brachte das Verhör der Frau nichts Neues ans Licht. Ihre Antworten deckten sich praktisch mit denen ihres Gemahls.

Jemand klopfte an die Tür. Der Feldwebel steckte seinen Kopf durch den Spalt und sagte:

„Herr Major, bitte auf ein Wort.“

Rengifo stand auf, ging hinaus auf den Gang und schloss die Tür hinter sich.

„Was ist, Feldwebel?” fragte er.

„Herr Major, die Polizei von Aguas Calientes hat sich eben gemeldet. Das mit dem Sohn, der an der Bergbau-Akademie studiert, stimmt. Nur ...“

„Nur was?“

„Da, wo er wohnen soll, meldet sich niemand. Weder der Sohn noch seine Vermieter. Das Haus wirkt leer.“

„Man soll es weiter versuchen; das Haus beobachten; die Nachbarn fragen, ob sie was wissen. Übrigens, der Mann soll wieder in mein Büro gebracht werden.“

„Jawohl, Herr Major.“

Rengifo kehrte in sein Arbeitszimmer zurück. Bald darauf kam der Wachposten mit Adrián herein. Dieser und seine Frau wechselten einen Blick, denn es war ihnen untersagt, miteinander zu reden. Auch für Adrián ließ der Major einen Stuhl bringen.

„Ich bin nicht zufrieden mit Ihren Erklärungen“, sagte er dem jetzt vor seinem Schreibtisch sitzenden Ehepaar. „Sie behaupten, sie hätten die Schilder, die vor dem Betreten des Sperrgebietes warnen, nicht gesehen. Es mag sein, dass die Schilder in der Nacht weniger auffallen, aber dass Sie beide während Ihrer Fahrt kein einziges gesehen haben ist schwer zu glauben. Andererseits stimmt, dass ihr Sohn in Aguas Calientes studiert, aber in dem Wohnhaus, das Sie als Adresse genannt haben, ist niemand anzutreffen, weder ihr Sohn noch sein Vermieter. Ein recht seltsames Verhalten für einen Sohn, der mit der Ankunft seiner Eltern rechnet. Sie sagen, dass Sie Ihren Sohn für circa eine oder zwei Wochen besuchen wollten, aber in ihrem Wagen wurde Gepäck für annähernd zwei bis drei Monate gefunden.“

Der Major hielt inne und sah die Gefangenen fragend an. Diese schwiegen. Rengifo fuhr fort:

„Ich muss Sie darauf hinweisen, dass Ihre Übertretung des Sperrgebietes mir Grund genug gibt, Sie beide auf der Stelle erschießen zu lassen, wenn Sie keine zufrieden stellende Erklärung dafür haben. Hier herrscht Militärrecht.“

Dass diese Warnung ernst gemeint war, stand außer Frage.

„Herr Kommandant“, sagte Beatriz, „wir zweifeln nicht an Ihren Befugnissen, aber das Erschießen zweier Menschen beim jetzigen Stand der Dinge ist eine schwerwiegende Angelegenheit, die Sie eines Tages womöglich bedauern könnten. Sie sagen, es sei schwer zu glauben, dass wir beide die Schilder übersehen hätten. Das mag sein, aber unmöglich ist es auch nicht, unter den gegebenen Umständen. Und dass sich weder unser Sohn noch seine Wirtsleute zur Zeit in dem Haus aufhalten, kann ein bedauernswerter Zufall sein.“

Rengifo erhob sich, ging zur Tür, öffnete sie und rief nach dem Feldwebel, der sofort herbeieilte.

„Feldwebel, das Erschießungskommando soll sich bereithalten.“

„Zu Befehl, Herr Major!“

Beatriz sah ihren Gatten mit großen Augen an. Adrián nahm ihre Hand und schüttelte fast unmerklich den Kopf. Er schien seiner Frau sagen zu wollen: „Keine Angst, Liebling. Er blufft nur!“

Rengifo kehrte zu seinen Gefangenen zurück, setzte sich aber nicht wieder.

„Haben Sie zu Ihren bisherigen Erklärungen sonst nichts hinzuzufügen?“ fragte er sie.

„Nein, Herr Major. Wir bedauern,“ entgegnete Adrián.

„Ja! … Was mache ich jetzt mit Ihnen?“

Unschlüssig durchschritt der Major langsam eine Weile das Zimmer. Plötzlich blieb er neben Adrián stehen.

„Sie tragen ein Schachbuch in Ihrer Mappe. Sind Sie Schachspieler?“ fragte er ihn.

Adrián sah ihn verblüfft an. Eine solche Frage war das Letzte, das er in der gegenwärtigen Lage erwartet hätte.

„Ja, Herr Major,“ erwiderte er.

„Wie gut spielen Sie?“

„Ich bin Mitglied im Schachklub von Santa Mónica. Vor zwei Jahren gewann ich unsere interne Meisterschaft.“

Rengifo konnte seine Aufregung kaum beherrschen. Endlich war er auf einen ernstzunehmenden Gegner getroffen!

„Wenn es so ist, dann spielen wir in der Zwischenzeit eine Partie! Danach kann ich immer noch entscheiden, was ich mit Ihnen beiden tun soll.“

Adrián und Beatriz schauten sich gegenseitig ungläubig an. Noch vor einigen Minuten hatte der Major ihnen mit dem Tod durch Erschießen gedroht und jetzt wollte er mit Adrián Schach spielen! Es war absurd! Sicher war er ein Schachfanatiker, der sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen konnte, mit einem Spieler die Klingen zu kreuzen, der zweifellos zur Elite seines Vereins gehörte.

Ohne auf Adrians Antwort zu warten ging der Major zur anderen Seite seines Schreibtisches, zog eine Schublade auf, nahm eine Schachtel und ein Schachbrett aus Holz heraus, legte dieses auf den Tisch und schickte sich an, die Steine darauf zu ordnen. Adrián fühlte sich in eine schreckliche Lage versetzt. Am liebsten hätte er es abgelehnt, eine Partie Schach gegen den Major zu spielen, aber er wagte nicht, ihm seinen Wunsch abzuschlagen. Andererseits, wie würde das Ergebnis der Partie Rengifos Entscheidung über ihr Schicksal beeinflussen? Von des Majors Stärke hatte er keine Ahnung. Zweifellos war er ein routinierter Spieler, also auf keinen Fall ein Grünschnabel. Sollte er ihn gewinnen lassen? Dann würde sich der Major freuen und, gut gelaunt, war von ihm ein günstiges Urteil über die Gefangenen eher zu erwarten. Und was war, wenn er merkte, dass Adrián absichtlich schwach spielte, um ihn gewinnen zu lassen, dass Adrián ihm sozusagen den Sieg schenkte? Würde ihn dies frustrieren und ärgern? Dann hätte Adrián bei ihm genau das Gegenteil erreicht.

Nachdem er mit dem Aufstellen der Figuren fertig war, nahm der Major einen schwarzen und einen weißen Bauern, versteckte sie einen Augenblick hinter seinem Rücken und streckte dann seine zur Faust geballten Hände Beatriz entgegen.

„Lassen wir Ihre Frau die Farbe für Sie wählen“, sagte er.

Beatriz sah ihren Gatten fragend an. Dieser bejahte.

„Ihre Rechte, Herr Major,“ entschied sie.

Rengifo öffnete seine rechte Hand und zeigte einen schwarzen Bauern.

„Gefangene“, sagte er dann zu Beatriz, „Sie werden übermüdet sein. Ich werde Sie zu Ihrer Zelle bringen lassen. Da können Sie jetzt ein wenig schlafen.“ Und er ging zur Tür und rief nach dem Feldwebel.

„Wenn es Ihnen recht ist, Herr Kommandant“, sagte Beatriz, „würde ich lieber hier bleiben und zusehen. Ich verstehe etwas von Schach. In unserer jetzigen Lage könnte ich unmöglich schlafen.“

„Wie Sie wünschen“, erwiderte der Major. Kaum hatte er sich vor seinem Schreibtisch hingesetzt, als Obregón hereinkam. Diesem befahl er:

„Feldwebel, lassen Sie etwas Wasser für die Gefangenen und für mich bringen. Und schalten Sie den Ventilator an. Es ist jetzt warm hier.“

„Zu Befehl, Herr Major!“

Der Ventilator befand sich auf einem Aktenschrank, der an der entgegen gesetzten Wand stand. Obregón schaltete ihn ein, ging hinaus und gab der Ordonnanz Instruktionen, Wasser zu holen. Unterdessen hatte Rengifo das Schachbrett derart gedreht, dass die weißen Steine jetzt vor ihm standen.

„Nun, Herr Malpaso, es kann los gehen!“ sagte er.

Unter den gegebenen Umständen verzichtete er auf den Handschlag mit dem Gegner und zog gleich seinen Damenbauern zwei Schritte nach vorne. Die ersten zehn Züge wurden innerhalb von wenigen Minuten ausgeführt:

1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.Le2 0-0 6.Sf3 e5 7.0-0 Sc6 8.d5 Se7 9.Le3 Sd7 10.b4

“Also Königsindisch!” dachte Adrián. “Zweifellos ist der Major kein Neuling. Nun, ich auch nicht. Und mit dieser Variante stehe ich auf gutem Fuß! Nur zu!“

Inzwischen hatte Adrián sich entschieden, nach bestem Können zu spielen. Da der Major vom Spielniveau seines Gegners wusste, erwartete er mit Sicherheit eine interessante, hart umkämpfte Partie, selbst wenn er sie verlieren sollte. Er konnte unmöglich so unfair sein, Adrián und seine Frau wegen einer verlorenen Partie erschießen zu lassen. Wenn Adrián dagegen die Partie wegen eines Patzers oder schwachen Spiels verlor, konnte der Major vielleicht aus Frustration gegen seine Gefangenen entscheiden. Adrián fühlte sich jetzt sozusagen unter Gewinnzwang.

10. ... f5 11.Sg5 Sf6 12.f3 Sh5 13.Se6 Lxe6 14.dxe6 Sf4 15.c5 Lh6 16.Lf2 Sxe6 17.Lc4

Es klopfte an der Tür und nach dem Hinweis des Majors hereinzutreten, erschien der Feldwebel im Spalt.

„Verzeihung, Herr Major,“ sagte er. „Es gibt was Neues.“

Rengifo erhob sich, ging hinaus und machte die Tür hinter sich wieder zu.

„Was ist jetzt?“, fragte er.

„Herr Major, die Polizei in Aguas Calientes hat sich gemeldet. Man hat sich bei den Nachbarn der Familie Yusti erkundigt. Die Yustis sind über das Wochenende zur Küste gefahren.“

„Und was ist mit dem Sohn der Malpasos?“

„Er wohnt tatsächlich bei den Yustis. Er ist aber immer noch unauffindbar, Herr Major. Übrigens, das mit den Produkten „Xanthat“ und dem anderen stimmt. Ein Professor der Bergbau-Akademie hat bestätigt, dass sie zur Behandlung von Kupfererzen verwendet werden.“

„Gut. In Ordnung. Die Polizei soll weiterhin nach dem Sohn suchen. Meine Ordonnanz soll den Gefangenen etwas zu essen bringen. Ein paar belegte Brote und etwas Kaffee vielleicht.“

„Jawohl, Herr Major!“

Der Feldwebel entfernte sich. Rengifo kehrte in sein Büro zurück. In der Zwischenzeit hatte Adrián seinen nächsten Zug überlegt und führte ihn aus als der Major Platz an seinen Schreibtisch nahm.

17. ... Dd7 18.a4 Kg7 19.cxd cxd 20.Sb5 Tf6

Im Büro des Majors war es erheblich wärmer geworden. Zum Glück sorgte der Ventilator für einen ordentlichen Luftzug, sonst wäre die Hitze kaum zu ertragen gewesen. Beatriz, die den Verlauf der Partie aufmerksam verfolgte, musste sich dauernd das Gesicht abtupfen.

21.Sxd6 Td8 22.Lxe6 Dxd6

Allmählich gewann die Taktik die Oberhand in der Partie. Der Major nahm einen Schluck Wasser und konzentrierte sich wieder auf die Stellung auf dem Brett. Es folgten die Züge:

23.exf gxf 24.La2 Ld2 25.Tb1 f4 26.Lxa7? b6!

 

Offensichtlich war es dem Major entgangen, dass der schutzlose Bauer auf a7 „vergiftet“ war! Als er dies nach Adrians Gegenzug merkte, biss er sich ärgerlich auf die Lippen. Dann suchte er nach einem Zug, der die Lage vielleicht retten konnte, und glaubte, ihn mit:

27.a5

gefunden zu haben. Besser hätte er 27.h3 gespielt. Bei dem, was sich anbahnte, brauchte sein König mehr Luft!

27. ... Le3+ 28.Kh1 Sf5

Rengifo fühlte sich in die Enge getrieben. Nach seinem Schnitzer war die Lage von Weiß recht brenzlig geworden. Nervös griff auch er nach seinem Taschentuch und wischte sich das Gesicht ab. Dann zog er:

29.Dxd6

An der Tür wurde nochmals geklopft und der unvermeidliche Feldwebel steckte seinen Kopf herein.

„Herr Major, bitte. Es gibt Neuigkeiten.“

Und nachdem Rengifo wieder auf den Flur gekommen war, sagte Obregón:

„Herr Major, der Sohn der Malpasos ist aufgetaucht. Er sitzt gerade im Funkwagen der Polizei in Aguas Calientes. Sie wollten selbst mit ihm sprechen.“

Gefolgt vom Feldwebel schritt der Major bis zum Ende des Korridors und betrat das Funkzimmer. Der Funker reichte ihm sofort das mit dem Funkgerät verbundene Mikrofon.

„Herr Teodoro Malpaso?“ fragte Rengifo.

„Ja,“ antwortete eine jugendliche, männliche Stimme.

„Herr Malpaso, hier spricht Major Gaspar Rengifo, vom 8. Infanteriebataillon. Hören Sie gut zu: Ich werde Sie was fragen und ich möchte eine kurze und klare Antwort. Erwarten Sie heute Ihre Eltern zu Besuch?“

Es vergingen drei oder vier Sekunden, dann kam die Antwort:

„Ja, Herr Major.“

Warum nur hatte er gezögert?

„Und wieso bleiben Sie so lange von Ihrem Heim weg, wenn Sie jeden Augenblick mit der Ankunft Ihrer Eltern rechnen müssen?“

„Ich erwartete sie nicht vor zehn Uhr und ging heute früh mit dem Fahrrad zum Sportplatz mit Freunden turnen. Danach saßen wir alle eine Weile zusammen beim Kaffee. Ist meinen Eltern etwas zugestoßen?"

„Danke. Das reicht. Machen Sie sich keine Sorgen. Ende.“

Und Rengifo gab dem Funker das Mikrofon zurück. Alles klang recht plausibel. Die Malpasos hatten anscheinend nicht gelogen.

Als er in sein Büro zurückkehrte, sah er dass seine Ordonnanz in der Zwischenzeit einen kleinen Feldtisch zwischen den Malpasos installiert und darauf ein Tablett mit belegten Brotscheiben, einer Kaffeekanne und zwei Blechtassen gestellt hatte.

„Bedienen Sie sich. Das ist für Sie,“ sagte der Major zu seinen Gefangenen.

Adrián und seine Frau ließen die Auforderung nicht wiederholen. Rengifo setzte sich und vertiefte sich in die Stellung auf dem Schachbrett. Adrián hatte:

29. ... Sg3+!

gespielt. Diese Drohung hatte der Major übersehen. Eine Weile suchte er umsonst nach einer rettenden Lösung. Dann machte er den einzig möglichen Zug:

30.hxg3

worauf Adrián sofort mit:

30. ... Tdxd6

reagierte.

„Es tut mir leid, Herr Major“, sagte er.

Für Weiß war die Partie jetzt gelaufen. Es gab keinen Ausweg. Mit einem Seufzer sah Rengifo dies ein und kippte seinen König um. Dann, zur großen Überraschung der Gefangenen, streckte er seinem Gegner die Hand hin und sagte ihm:

„Ja! Ihre Partie, Herr Malpaso. Ich gratuliere!“

„Danke, Herr Major!“ erwiderte Adrián, indem er seine Hand schüttelte.

„Donnerwetter! Das war ein verdammt guter Zug, der mit Ihrem Springer!“ setzte Rengifo fort. „Ich habe vorhin nicht alle Konsequenzen davon durchgerechnet.“ Und nach einer kurzen Pause sagte er:

„Übrigens, wir haben Ihre Angaben überprüft und auch mit Ihrem Sohn gesprochen. Er hat bestätigt, dass er Sie heute bei sich in Aguas Calientes erwartet. Sie sind keine Gefangenen mehr! Es müssen nur noch ein paar Formalitäten erfüllt werden. Danach können Sie weiterfahren wann Sie wollen.“

Nach den Aufregungen, welche die Malpasos seit Mitternacht hatten ertragen müssen, brauchten sie einige Zeit, um wieder zu Kräften zu kommen. Sie durften bis zum Sonnenuntergang in der Baracke bleiben. Nach ein paar Schlafstunden und einem Imbiss begleitete sie Feldwebel Obregón in ihrem Geländewagen bis zur Grenze des Militärsperrgebiets. Von dort setzten sie ihre Fahrt nach Aguas Calientes ohne Zwischenfälle fort.

Nachdem der Feldwebel sich von ihnen getrennt hatte, konnten Adrián und seine Frau zum ersten Mal seit ihrer Gefangennahme frei miteinander reden.

„Adrián,“ sagte Beatriz, „als ich daran dachte, dass der Major mit unserem Sohn sprechen würde, habe ich innerlich gezittert. Teodoro wusste ja nichts von unserer Fahrt.“

„Ja,“ erwiderte Adrián, “und er hat die Lage sofort richtig erfasst. Ein heller Junge unser Sohn.“

Beatriz betrachtete das Scheinwerferlicht, das die einsetzende Dunkelheit durchdrang. Dann legte sie ihren Kopf auf die Rücklehne und schlummerte ein.

Nach seiner Rückkehr erstattete Obregón seinem Vorgesetzten Bericht. Als er damit fertig war, sagte er:

„Gestatten Sie eine Frage, Herr Major?"

„Sicher. Fragen Sie.“

„Hätten Sie die Gefangenen erschießen lassen, wenn Herr Malpaso die Schachpartie verloren hätte?“

Der Major lachte und schüttelte den Kopf.

„Natürlich nicht, Feldwebel! Man lässt nicht das Leben zweier Menschen vom Ergebnis einer Schachpartie abhängen! Als ich erfuhr, dass die Familie Yusti übers Wochenende verreist war, gelangte ich zur Ansicht, dass die Malpasos mir die Wahrheit gesagt hatten, was mir ihr Sohn später bestätigte. Aber ich habe ihnen nichts gesagt, damit der Gefangene sich beim Spielen mehr Mühe gab. Und so war es auch.“

„Und Ihr Befehl, dass sich das Erschießungskommando bereit halten sollte?“

„Das war nur um die beiden einzuschüchtern. Zu jenem Zeitpunkt konnte ich sie unmöglich erschießen lassen. Alles lag noch völlig offen.“

*********************

Die Malpasos erreichten Aguas Calientes beim Sonnenaufgang des folgenden Tages. Wenige Tage später gelang ihnen während der Nacht die Flucht über die Grenze zum Nachbarland, wo sie als politische Flüchtlinge aufgenommen wurden. Dort betätigte sich Adrián wieder als Fachberater für Bergbau. Kaum zwei Jahre später revoltierten mehrere Armeedivisionen und ein Teil der Zivilbevölkerung gegen den Diktator und es gelang, ihn zu Fall zu bringen. Damit war die Zeit der Willkür, des Unrechts und der Tyrannei zu Ende. Baccio, der Tyrann, wurde gefangen genommen und nach einem kurzen Prozess zusammen mit seinen Mittätern hingerichtet. Die Malpasos kehrten nach Santa Mónica zurück. Major Rengifo, der mit seinem Bataillon aktiv am Aufstand gegen den Diktator teilgenommen hatte, wurde zum Oberstleutnant befördert und zum Kommandant des 12. Infanterieregiments in Santa Mónica ernannt. Dort traf er kurz später die Malpasos wieder. Die zwei Familien freundeten sich an. Hin und wieder spielen die beiden Herren eine Partie Schach miteinander. Dabei gewinnt Adrián nicht immer.

Valparaíso, August 2011

 

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