Johannes Fischer,
Jahrgang 1963,
lebt als freier Übersetzer, Dolmetscher und Journalist
in Leipzig
und spielt beim
SC Leipzig-Gohlis
in der 2. Bundesliga.

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"The English Morphy?"
The Life and Games of
Cecil de Vere,
First British Chess Champion,
Owen Hindle & Bob Jones,
Keverel Chess Books,
2001, 130 S., 20,35 Euro



von Johannes Fischer

 

Die KARL-Kolumne ergänzt die Printausgabe des KARL. Die Kolumne wird etwa alle ein bis drei Wochen aktualisiert und präsentiert Rezensionen aktueller und alter Schachbücher, Betrachtungen über die Literatur, Kultur und Psychologie des Schachs und gelegentliche Kommentare zum aktuellen Schachgeschehen.

 

IM LEBEN GESCHEITERT

"THE ENGLISH MORPHY"? THE LIFE AND GAMES OF CECIL DE VERE, FIRST BRITISH CHAMPION

 

Cecil de Vere ist das klassische Beispiel eines talentierten Gescheiterten. Intelligent, gut aussehend und mit beträchtlicher Schachbegabung gesegnet, starb er im Februar 1875 mit nicht ganz dreißig Jahren als einsamer Alkoholiker an Tuberkulose.
Sein Start ins Leben war nicht leicht. Geboren wurde er am 14.2.1845 unter dem Namen Cecil Valentine Brown als uneheliches Kind eines unbekannten Vaters, was im puritanischen England der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als gesellschaftlicher Makel galt.

De Veres Schachtalent zeigte sich früh und wurde von Lehrern wie Frank Burden und Samuel Boden gefördert. Burden war eine schillernde Gestalt in der damaligen Schachwelt. Durch seinen Beruf als Ingenieur hatte er viele Länder bereist und sprach zahlreiche Sprachen. Neben seinen Erfolgen im Schach tat er sich noch im Billard- und Backgammon hervor. Boden machte sich vor allem als Schachpublizist einen Namen. Er schrieb regelmäßig für die British Chess Review, die Westminster Papers und betreute von 1858 bis 1869 eine Kolumne in der Schachzeitschrift The Field.

Burden führte den 14-jährigen in die Welt des Grand Cigar Divan ein, dem größten Schachsalon Londons und dem Gegenstück zum berühmten Pariser Schachcafé la Régence. In diesen luxuriösen, meist vom Zigarrenrauch vernebelten Räumen, trafen sich die besten Schachspieler Londons und bald war de Vere dort jeden Samstag Nachmittag zu Gast. Seine Spielstärke wuchs rasch. Die Vorgaben von Turm, Figur oder auch nur Bauer oder Zug, die er zu Beginn von den etablierten Spielern erhalten hatte, erwiesen sich schnell als unangebracht und bald gehörte De Vere zu den besten Spielern Englands.

1866 gewann er die erste je ausgetragene britische Meisterschaft und wurde damit zum ersten britischen Meister der Schachgeschichte. Dennoch ist de Vere heute fast völlig vergessen. Denn sein größter Triumph markiert zugleich den Beginn seines Abstiegs, dessen Auslöser vermutlich der Tod der Mutter im gleichen Jahr war. Psychische Labilität und das plötzliche Erbe erwiesen sich als verhängnisvolle Kombination. De Vere befreite sich von den lästigen Pflichten einer geregelten Arbeit und gab seine Stellung bei Lloyds auf, um Trost im Alkohol zu suchen. Sein Schachtalent ließ er verkümmern. Er spielte immer weniger und trainierte nie. Die Hoffnungen, die man in ihn gesetzt hatte, und die Steinitz dazu verleitet hatten, ihn "The English Morphy" zu nennen, konnte de Vere nie erfüllen.

"The English Morphy?" lautet auch der Titel eines Buches, in dem Bob Jones und Owen Hindle tapfer versuchen, mehr aus diesem eigentlich recht unerfreulichen Leben zu machen. Da die Biographie nicht viel hergibt, schlagen sie Seitenpfade ein und bieten mit zahlreichen Fotos und Anekdoten interessante Einblicke in das Schachleben der damaligen Zeit. Weshalb dieser Versuch auf einen bislang unbekannten Meister und ein Kuriosum der Schachgeschichte hinzuweisen vor allem schachhistorisch Interessierte ansprechen dürfte.

Einen großen Teil des Buches nimmt der Abdruck der zeitgenössischen Nachrufe auf de Vere ein, die vor allem Bedauern über das vergeudete Talent de Veres ausdrücken. Aber nach dem Lesen des fünften Nachrufes wünscht man sich doch ein wenig Abwechslung.

Interessanter ist Hindles und Jones' Versuch, das Rätsel um de Veres Vater zu lüften. Eine Reihe von kühn interpretierten Indizien führt sie dabei zu niemand anderem als Shakespeare. Hintergrund dieser Spekulationen ist die andauernde Suche nach dem "wahren" Autor der Stücke Shakespeares, die schon etlichen Akademikern zu Ehre, Ruhm und Geld verholfen hat. Immer wieder tauchen Zweifel auf, ob der historische Shakespeare aus Stratford-Upon-Avon tatsächlich so ein phantastischer Literat sein konnte, denn war er schließlich nicht nur ein einfacher Bursche vom Lande ohne besonders gute Ausbildung? Die lange herrschende Dürre an gesicherten Fakten über Shakespeare leistete dieser skurrilen Debatte dabei unnötig viel Vorschub.

Ein besonders heißer Kandidat für den Posten des eigentlichen Shakespeare ist Edward de Vere, 17. Earl von Oxford und einflussreicher Mann am Hofe Elizabeths der Ersten, den u.a. Sigmund Freud für den wahren Autor der von ihm so geschätzten Stücke hielt. Was macht es dabei schon, dass der Earl 1604 starb und Shakespeares letztes Stück "The Tempest" nachweislich später entstanden ist?

Edward de Vere und Cecil de Vere; immerhin sind die Nachnamen zweifelsfrei identisch und mit viel Phantasie, etwas Tratsch und etlichen Zwischenstopps über mögliche Söhne, Enkel, Mütter, Großmütter, Urgroßmütter und andere Verwandte überbrücken Owen und Hindle fast drei Jahrhunderte, um vom 17. Earl of Oxford schließlich beim ersten britischen Meister zu landen. Nun ja.
Den Abschluss und den größten Teil des Buches bilden 101 Partien von de Vere, die - um es vorsichtig auszudrücken - von unterschiedlicher Qualität sind. Nachfolgend zwei historisch interessante Beispiele. Die erste spielte de Vere gegen Simon Winawer, dem durch die nach ihm benannte Variante im Franzosen die Erinnerung der Schachwelt sicher ist.


In ihrem Buch über die Winawer-Variante mit 8...0-0 weisen U. Dirr und S. Kindermann allerdings darauf hin, auf welch tönernen Füßen die Benennung des Zuges 3....Lb4 nach Winawer steht (vgl. Kindermann/Dirr, Französisch Winawer: Band I: 7.Dg4 0-0, Chessgate 2001, S. 2-4.) Die folgende Partie tut nichts, um diese Zweifel zu zerstreuen:

WINAWER - DE VERE
Baden-Baden, 1870

1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Lb4 Die Winawer-Variante. Allerdings hat Winawer Weiß. Wie Kindermann und Dirr darlegen, gibt es ohnehin erstaunlich wenig Partien - drei, um genau zu sein - in denen Winawer mit Schwarz diesen Aufbau spielt. 4.Ld3 dxe4 5.Lxe4 c5 6.Sge2 cxd4 7.Sxd4 Lxc3+ Konsequent verfolgt Schwarz den Plan der Schwächung des gegnerischen Damenflügels. 8.bxc3 Da5 9.Df3?

Viel zu ehrgeizig. Weiß musste sich zu 9.Tb1 oder 9.Dd3 bequemen. Dann kompensiert sein Läuferpaar die Schwäche der Bauernstellung. 9...Sf6 10.Lxb7 Lxb7 11.Dxb7 Dxc3+ 12.Ke2 Dxd4 Nach diesem einfachen Zug steht Weiß auf Verlust. Vermutlich hatte Winawer naiv auf 12...Dxa1 13.Dc8+ Ke7 14.La3# spekuliert. Nach dem Textzug ist der weiße König völlig entblößt und Schwarz kommt zur Rochade, wonach sich alle seine Figuren am Angriff beteiligen können. 13.Dxa8 0-0 14.Tb1 Dc4+ 15.Ke1 Sc6 16.Db7 Sd4 0-1. Weiß wird Matt oder verliert Haus und Hof.

De Veres Talent zeigt sich in der folgenden Kurzpartie. Nach zu provokanter Eröffnungsbehandlung von Steinitz wird der spätere Weltmeister zielstrebig und rasch demontiert.

DE VERE - STEINITZ
Dundee, 1867

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 4.0-0 Sxe4 5.Te1 Sd6 6.Sxe5 Sxe5 7.Txe5+ Le7 8.d4 f6?

Schwächt die Königsstellung. Sicherer und besser war 8...Sxb5 9.Txb5 d5 und Schwarz hat keinerlei Probleme; der Tb5 wirkt deplaziert. 9.Te1 Sxb5 10.Dh5+ g6 11.Dxb5 c6 12.Db3 d5 13.c4 Kf7 Der Fehler im 8. Zug beginnt sich bemerkbar zu machen. Neben Schwächen auf der e-Linie hat Schwarz Schwierigkeiten seine Entwicklung zu beenden und versucht deshalb seinen König "per Hand" in Sicherheit zu bringen. 14.Sc3 dxc4 15.Dxc4+ Kg7 16.d5 Weiß setzt energisch nach und öffnet die Stellung für seine Figuren. 16...cxd5 17.Sxd5 Da der Läufer keinen vernünftigen Rückzug hat, steht Schwarz bereits auf Verlust. 17...Lf8

Auch 17...Ld6 gefällt nicht wirklich: 18.Lf4 Lxf4 (18...Tf8 19.Lxd6 Dxd6 20.Sc7 b5 21.De4) 19.Dxf4 mit überwältigender Stellung für Weiß. Nach dem Textzug verfügt Weiß über eine nette Kombination, die seinen Entwicklungsvorsprung zur Geltung bringt: 18.Sxf6 18...Dxf6 19.Ld2 Nach diesem ruhigen Entwicklungszug, der den Läufer vernichtend auf die Diagonale a1-h8 überführt, ist Schwarz erstaunlich hilflos und verliert rasch. 19...b5 20.Dd5 b4 21.Tac1 Df7 22.Dxa8 Le6 23.De4 Lxa2 24.De5+ Kg8 25.Tc7 Dd5 26.Dxd5+ Lxd5 27.Te8 1-0

 

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